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Schiersteiner Brücke : Das wird Deutschlands schönster Stau

Am Abend, kurz nachdem die Brücke freigegeben wird, kann der geneigte Fahrer bereits bemerken, was es heißt, im „stockenden Verkehr“ zu stecken. Bild: dpa

Die eingesunkene Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden ist wieder befahrbar. Und, wie geht es voran? Langsam, sehr langsam. Am Morgen, in der Rush-Hour, dürfte Stillstand sein. Eine nächtliche Erkundungsfahrt.

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          Da rauscht glatt ein Audi mit hundert Sachen heran. Ein Hamburger! Wahrscheinlich der einzige deutsche Autofahrer, der noch nicht von der Sperrung der Schiersteiner Brücke gehört hat. Um dreißig Zentimeter hat sich die sogenannte Vorbrücke auf der Mainzer Seite am 10. Februar gesenkt. Seither ist hier Schicht. Nichts fährt mehr. Da heißt es, sich in aller Demut mit Tempo vierzig anschleichen. Und nicht mit hundert Sachen auf das Nadelöhr zubrettern. Etwas mehr Ehrfurcht bitte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Aber der Kollege aus dem Norden ist gleich in der Spur und auch mit dem richtigen Tempo unterwegs. Denn die Schiersteiner Brücke ist zwar wieder befahrbar, aber nur für Personen- und Lieferwagen bis zu 3,5 Tonnen Gewicht, und zu ausladend dürfen sie auch nicht sein. Die eine Spur, die über den Fluss führt, ist so eng gestaltet, dass ein Lastwagen stecken bleiben würde. Die Verantwortlichen halten das für eine gute Idee, um den Schwerlastverkehr, den die notdürftig reparierte Brücke nicht aushält, fernzuhalten beziehungsweise rechts rauszuwinken.

          Schiersteiner Brücke : Testfahrt auf dem Provisorium

          Ich frage mich allerdings, was geschieht, wenn der erste Lastzug festsitzt (weil sich die Sache bis, sagen wir mal, Rumänien dann doch noch nicht herumgesprochen hat). Werden dann bis kurz vor Bingen fünftausend Autos mal eben um zweihundert Meter zurückgewunken, um für den festgefahrenen Laster Platz zu schaffen?

          Wie am Grenzübergang

          Die Stelle, an der sich auf der Schiersteiner Brücke aus Richtung Mainz nun die Spreu vom Weizen und der Fiat Punto vom Porsche Panamera trennt, ist wirklich ganz schön eng. Und ein paar schöne S-Kurven gibt es auch noch zu durchfahren, auf beiden Seiten der Brücke. Der Autobahnkilometer, an dem die Brücke eingeknickt ist, wirkt jetzt wie ein Grenzübergang – Polizei mit Blaulicht, Messwagen, links und rechts Kameras: So sieht der Erlebnispark Schiersteiner Brücke aus, den zu betrachten viele Autofahrer in der Rush Hour von nun an sicherlich viel Zeit haben werden. Ganz in Ruhe, im Stau, den hunderttausend Autos den Tag über bilden werden.

          „Es ist schon einiges, was hier fährt“, wird der stellvertretende Leiter des Autobahnamtes Montabaur, Ottmar May, von der Deutschen Presse-Agentur zitiert. Na ja, schon die paar Autos, die an diesem Sonntagabend, an dem die Brücke überraschend ein paar Stunden früher als angekündigt freigegeben wurde, anrollen, bilden das, was im Verkehrsfunk „stockender Verkehr“ heißt.

          2019 soll angeblich die neue Schiersteiner Brücke stehen, zu deren Vorbereitung sich auf der rheinland-pfälzischen Seite des Rheins bislang so gut wie nichts getan hat. Mit der einen oder anderen Klage der örtlichen Umweltschützer dürfte sich das bis mindestens 2023 verzögern. Für diese Zeitspanne rechnen wir dann am besten mit einer einspurigen Überfahrt bei Tempo vierzig. Maximal. Der Audi aus Hamburg musste ganz schön bremsen.

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