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: Scheherazadennatur

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Nennen wir Katharina Mommsen zuallererst eine Schriftstellerin. Vielleicht ist darin schon alles enthalten, vor allem die Liebe zur Sprache, zur deutschen Sprache, auch wenn sie mittlerweile genauso fließend Englisch schreibt und längst amerikanische Staatsbürgerin ist.

          Nennen wir Katharina Mommsen zuallererst eine Schriftstellerin. Vielleicht ist darin schon alles enthalten, vor allem die Liebe zur Sprache, zur deutschen Sprache, auch wenn sie mittlerweile genauso fließend Englisch schreibt und längst amerikanische Staatsbürgerin ist. Diese Liebe zeigt sich in einem Sprachgefühl, das sie als Erforscherin der Literatur ebenso auszeichnet wie als Schreibende. Es erlaubt ihr, auf vielen Seiten einen kryptischen Satz von Goethe so luzide und spannend zu entschlüsseln, daß man am Ende weiß: Anders kann es nicht sein. Ein solcher Satz findet sich in Goethes Tagebuch vom 1. Oktober 1799: "Abends zu Hause Tausend und Eine Nacht. Geschichte des Abuhassan. Betrachtung über die Verbindung der unbedingtesten Zauberey und des beschränktesten Reellen in diesem Mährchen." Wie nun Katharina Mommsen aus diesem Eintrag nach und nach die Interessen und Absichten Goethes, die Irrtümer der Germanistik, die "Zauberey" in einem Märchen, in dem gar nicht gezaubert wird, den Begriff des Dämonischen bei Goethe, des Romantischen bei Jean Paul und schließlich die Keimzelle, man höre und staune, der "Wahlverwandtschaften" herausfiltert, das ist ein zeitloses Meisterstück der Germanistik, ein Lehrtext für jeden, der einmal wissen will, was Philologie vermag. Und zugleich ist es, denn Katharina Mommsen ist wirklich eine Schriftstellerin, ein Stück deutscher Prosa von klassischer Schönheit.

          Fünfundvierzig Jahre ist ihre Studie zu "Goethe und 1001 Nacht" alt, doch sie liest sich wie die Wissenschaft von morgen: Kein Gramm Jargon, kein Hauch von Ideologie oder von politischer Zweckentfremdung, und das, obwohl sie diese Dissertation an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften verfaßt hat, wo sie bis 1961 mit ihrem Mann Momme Mommsen tätig war. Aber es gibt in dieser Studie eben auch nicht den Ton weihevoller Klassikerverehrung, der die deutsche Germanistik zwischen 1930 und 1960 vielfach so ungenießbar macht.

          Die Erkenntnisse aber, die die Germanistik und die Goethe-Leser, wenn nicht alle Liebhaber der deutschen Literatur Katharina Mommsen zu verdanken haben, sind von einer solchen kulturellen Sprengkraft und Aktualität, daß man mit ungläubigem Staunen davorsteht. Zumal diese Entdeckungen vor Foucault und Edward Said und ohne Lukacs, Karl Marx oder andere wie Monstranzen vorgezeigte geistige Paten zustande gekommen sind, allein durch sorgfältige, unvoreingenommene Lektüre. Das Ergebnis dieser Lektüre, für jedermann nachzulesen in der erwähnten Dissertation, besagt nichts Geringeres, als daß Goethe ohne den Orient, vor allem aber ohne die Märchen von Tausendundeiner Nacht, nicht Goethe wäre. Und das betrifft nicht nur den "West-östlichen Divan", sondern das Gesamtwerk, von seinen frühsten dramatischen Dichtungen bis zum "Faust II". Vor allem aber betrifft es das erzählerische Werk. Goethes "Scheherazadennatur", wie Katharina Mommsen Goethes Talent im Erfinden und Weiterdenken von Geschichten treffend nennt, ist ein wesentliches, wenn nicht das entscheidende Moment dessen, was die Innovationskraft und Modernität dieser Texte ausmacht - dasjenige eben, was Jean Paul romantisch und Goethe selbst dämonisch genannt hätte.

          Katharina Mommsens Bücher können somit zu der Ansicht verführen, der größte deutsche Dichter und der Aufbruch unserer Literatur im achtzehnten Jahrhundert insgesamt wären ohne den Orient nicht das, was sie sind. Im Klartext: Der Orient, die arabisch-islamische Welt, ist schon seit dem achtzehnten Jahrhundert nicht mehr der schlechthin andere, sondern ein nicht wegzudenkender Teil unserer kulturellen Identität. So nah dieser Schluß liegt, so viele Argumente sie für ihn beibringt, zumal in "Goethe und die arabische Welt" (1988), ihrem zweiten Hauptwerk, sie selbst formuliert diese Schlußfolgerung nicht. Und auch dafür ist ihr zu danken: Sie gibt uns Denkanstöße, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, das angestoßene Denken gleich auch in eine politisch opportune Richtung zu denken. Und doch ist diese Schlußfolgerung natürlich nicht mehr wegzudenken.

          So zeigt sich heute, daß Katharina Mommsen, über Goethe schreibend, lange, bevor wir es merkten, den blinden Fleck unserer Gegenwart zum Leuchten gebracht hat. Zahlreiche Ehrungen, eine bis heute rastlose Vortragstätigkeit (nachzulesen, mitsamt ihrer Vita, im Internet unter www.katharinamommsen.org), die vielen Übersetzungen ihrer Werke, nicht zuletzt in die Sprachen der islamischen Welt, haben sie international bekannt gemacht. Wenn die deutsche Germanistik inzwischen den Ruf von Weltoffenheit genießt, verdankt sie das auch Katharina Mommsen. Am morgigen Sonntag feiert sie ihren achtzigsten Geburtstag. STEFAN WEIDNER

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