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Mario Adorf im Gespräch : Ein halber Italiener

Mario Adorf in Essen Bild: Stefan Finger

Mario Adorf wird nächstes Jahr neunzig. Ein Gespräch über alte und neue Nazis, Karriere im Ausland und über seine sehr deutsche Liebe zur Heimat seines Vaters.

          6 Min.

          Mario Adorf wird neunzig im nächsten Jahr – und das ist Anlass genug, zurückzuschauen auf sein Leben und seine Karriere. Und noch einmal die Schauplätze abzuschreiten. Mayen in der Eifel, wo er aufgewachsen ist, München, Rom, Südfrankreich: Davon erzählt „Es hätte schlimmer kommen können“, das charmante Filmporträt von Dominik Wessely, das jetzt in den Kinos läuft. Wir haben Adorf in Essen getroffen, wo der Film seine deutsche Premiere hatte.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Herr Adorf, Sie machen ja kein Geheimnis aus Ihrem Alter?

          Nein, Jahrgang 1930, das ist ja immer bekannt gewesen.

          Gibt es manchmal Momente, in denen Sie denken: Ich verstehe die Gegenwart nicht mehr?

          Ja. Ich habe zwar den Karl Marx mit Freude gespielt, aber ich bin nie ein Revolutionär gewesen, ich habe es eher – und das kann ich mir vorwerfen – mit Georg Kaiser gehalten: „Man kann die Menschen nicht bessern, man kann ihnen nur immer mehr verbieten.“ Das ist es, was im Allgemeinen auch von der Politik für die Lösung gehalten wird. Daher sind auch Fehler gemacht worden, wenn es darum ging, die Jugend von etwas abzuhalten oder zu etwas hinzuführen. Man hat allzu bereitwillig dass Vergessenwerden der Naziverbrechen zugelassen und nicht das intensive Nichtvergessendürfen gefordert. Das Resultat ist, dass die Jugend nicht mehr weiß.

          Was weiß die Jugend nicht mehr?

          Nach der Erfahrung des Krieges hat meine Generation der Gewalt abgeschworen. Ich hätte niemals gedacht, dass es so etwas jemals wieder geben könnte: Neonazismus. Rechtsextreme Gewalt. Ein Politiker wird umgebracht, anderen wird mit Mord gedroht. Oder dass ich jetzt lesen muss, wie viele junge Menschen in Europa sich einen starken Führer wünschen. Den hatten wird doch schon mal.

          Ihre Prominenz und Beliebtheit einerseits; und der Umstand, dass Sie sich an die Herrschaft der Nazis erinnern können: Verpflichtet Sie das, den Jüngeren davon zu erzählen?

          Das empfinde ich zunehmend so; vielleicht war es ja ein Fehler, nicht früher damit angefangen zu haben. Ich bin nie auf die Straße gegangen. 1968 war ich zu schon alt. Ich war gegen die Wiederbewaffnung und für Willy Brandt, aber sonst habe ich nicht gedacht, dass ich selbst politisch tätig sein muss.

          Sie haben in „Deutschland im Herbst“ mitgespielt, und in der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ waren Sie der grimmige Kommissar Beizmenne? Waren das bloß Rollen?

          Nein, da habe ich schon Stellung bezogen. Ich verehrte Heinrich Böll, und als Volker Schlöndorff, der Regisseur, und ich bei ihm zu Hause waren, sagte er, auf Kölsch natürlich: Dat is kein gutes Buch, dat is ein Pamphlet.

          Mario Adorf als Kommissar Beizmenne neben Angela Winkler in Volker Schlödorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.
          Mario Adorf als Kommissar Beizmenne neben Angela Winkler in Volker Schlödorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. : Bild: Picture-Alliance

          Gegen die Terror-Hysterie, wie Böll das wohl damals sah. Und gegen eine Boulevard-Presse, die vor dem Rufmord nicht zurückschreckt.

          Ich habe gerne solche Rollen gespielt wie diesen Bösen, den Kommissar Beizmenne, Charaktere, die die Frage aufwerfen: Waren die immer böse, sind die böse geboren, wodurch sind die böse geworden? Hat so einer auch eine gute Seite? Der reine Bösewicht hat mich nie interessiert. Nur widerwillig habe ich die Rolle des Frederick Santer in „Winnetou 1“ gespielt, den absolut Bösen. Aber ein Kritiker sagte: Adorf, das müssen Sie spielen, das ist deutsches Kulturgut!

          Ihre erste große Rolle war der Serienmörder Bruno Lüdtke, 1954 in „Nachts, wenn der Teufel kam“.

          Das war ein Glücksfall. Ich hatte ja studiert, auch Psychologie, ich hatte sogar mal ein Semester Kriminologie belegt. Das hat sich gelohnt, wie überhaupt das Studium generale, das aus 22 Fächern bestand. Ich habe also querbeet studiert, nicht auf einen Beruf hin, ich wusste noch nicht, was ich werden würde. Vieles konnte ich ja nicht werden.

          Warum?

          Weil es die Grundvoraussetzungen nicht gab. Man hat mir schon auf der Schule eine Begabung nachgesagt, die zeichnerisch-bildnerische. Ich wäre sehr gern Maler geworden. Es gab für mich aber damals keine Farben, keine Leinwände, keine Pinsel, nichts.

          Sie hatten ihren Körper.

          Es war die einfachste Berufswahl: Schauspieler zu werden. Ich hatte nur mich, ich brauchte nichts anderes.

          Hat nicht das deutsche Kino in den Fünfzigern Sie quasi eingesperrt in diesen Körper? Mussten Sie nicht zu oft den Bösen spielen, zumindest den Naiven, der in einem viel zu starken Körper steckt?

          Die dankbarsten Rollen sind die Bösen. Es ist besser, den Jago zu spielen, den Franz Moor, nicht Othello oder Karl Moor. Aus dem Bösen lässt sich etwas machen. Ich wollte nie ein Held sein, besser sein, schneller laufen, höher springen, das waren für mich keine Wunschvorstellungen.

          Man kann es auch so sehen, dass der stark gebaute Mann mit den dunklen Haaren und den italienischen Zügen im deutschen Film nur als Schurke in Frage kommt.

          Ich habe das viel weniger Übel genommen. Außerdem: alle Versuche, dem zu entkommen, sind mir ja gelungen.

          Mario Adorf als Triebtäter Bruno Lüdke in „Nachts, wenn der Teufel kam“ von Robert Siodmak
          Mario Adorf als Triebtäter Bruno Lüdke in „Nachts, wenn der Teufel kam“ von Robert Siodmak : Bild: Picture-Alliance

          Hat der italienische Film einen genaueren, differenzierten Blick auf Sie geworfen?

          Ich kam nicht dorthin als ein deutscher Star. Ich kam als ein Ausländer, ein Deutscher, was keine gute Visitenkarte war in den Sechzigern. Wenn ich unter Italienern Deutsch sprach, fragte man, was für eine Sprache ich da spräche. Und wenn ich antwortete: „Deutsch!“, lachten sie: „Das kann doch nicht Deutsch sein. Deutsch ist doch so!“ - und im schnarrenden preußischen Offizierston: „Los Raus! Raus! Dalli! Jawoll, mein Fuhrer! Heil! Heil!“

          Wie kam es überhaupt zu Ihrer italienischen Karriere?

          Es war der Filmregisseur Luigi Comencini, der mich 1961 nach Italien geholt hat. Er hatte „Nachts, wenn der Teufel kam“ gesehen und bot mir an, in der Komödie „Vergewaltigt in Ketten“ einen Bösen zu spielen. Der Film war kein großer Erfolg, und es stellte sich die Frage, reumütig zurück nach Deutschland zu gehen. Aber mir war klar, dass sich das internationale Kino damals in Rom abspielte. Ich blieb.

          Sie haben ja einen italienischen Vater. Fühlen Sie sich als Italiener?

          Da ich ja nur Italiener spielte, war ich für das italienische Publikum ein Italiener, jedoch für die häufig linken Regisseure und die Produzenten war ich Deutscher.

          Wobei Sie die Sprache ja erst als Erwachsener gelernt haben.

          Ich habe alles getan, um mich zu assimilieren. Ich war halber Italiener und wollte ein ganzer sein. Ich wollte akzentfrei Italienisch sprechen; keiner sollte merken, dass ich ein Deutscher bin. Nur habe ich allmählich erkannt, wie deutsch ich war, dass meine Liebe zu Italien nicht mein väterliches Erbe, sondern die typisch deutsche Sehnsucht der Bildungsreisenden wie Goethe und die Romantiker war. Ich hatte Italien nicht in mir, ich habe es als Kulturreisender kennen und lieben gelernt.

          Immerhin Italien hat Sie zurückgeliebt. Und Rom in den Sechzigern, das stellt man sich heute als sehr gutes Leben vor. Dolce vita auf der Via Veneto, und in Cinecitta dreht Sergio Leone mit Clint Eastwood.

          Ich habe ihn damals kennengelernt, er war ein sehr schweigsamer Bursche, und ich bin auch kein großer Redner in Gesellschaft. Wir haben uns also mehr angeschwiegen als unterhalten. Ich dachte damals nicht, dass er ein großer Schauspieler war. Ein ganz großer Regisseur ist er auf jeden Fall geworden.

          Sie haben auch in Hollywood gedreht.

          Damals waren deutsche Schauspieler vor allem als Nazi-Darsteller begehrt. Damit konnte ich nicht dienen, ich war nicht blond, nicht germanisch. In „Major Dundee“ von Sam Peckinpah habe ich einen Mexikaner gespielt. Der Film war kein großer Erfolg. Und im nächsten Film sollte ich wieder einen Mexikaner spielen. „The Wild Bunch“ wäre das gewesen.

          Der legendäre und extrem gewalttätige Western von Peckinpah.

          Ich habe diese brutale, gewalttätige Seite von Peckinpah nicht gemocht. Ich mochte das auch in Italien nicht. Ich war dort auf dem Weg, ein italienischer Charles Bronson zu werden, in einer Filmreihe von Fernando Di Leo. Zwei äußerst erfolgreiche Filme lang habe ich mitgemacht, den dritten habe ich abgesagt.

          Weil sie die Gewalt der Rolle mit ins Leben genommen haben?

          Es gelang mir offenbar, diese Rollen glaubhaft zu spielen. Aber mir selbst passte auch meine eigene Bereitschaft zur Gewalt nicht. Ich war ja auch kein guter Boxer, kein aggressiver jedenfalls. Ich habe nach dem Krieg Boxen zur Selbstverteidigung gelernt. Meine Mutter war Schneiderin und hat mich zum Beispiel aufs Land geschickt, ein Kleid abzuliefern, dafür gab es Milch, oder Butter oder Eier. Auf dem Nachhauseweg wurde ich von einer Bande junger Burschen überfallen. Ich musste mich wehren, also trat ich einem Boxclub bei. Allerdings waren dieselben Burschen, die mich verprügelt hatten, schon dort. Und verprügelten mich wieder, nur diesmal mit Handschuhen. Sie sagten, der kommt nicht wieder. Ich kam aber wieder. Auch als Student an der Mainzer Uni habe ich noch geboxt, sogar zweimal um die Universitätsmeisterschaft.

          Gewonnen?

          Verloren. Mein letzter Kampf war am selben Tag, an dem ich abends Premiere im Studententheater hatte. Die Boxer wussten nichts von meiner Schauspielerei, die Theaterleute nichts von meinem Boxen. Mittags war in Frankfurt der Endkampf im Schwergewicht. Ich musste vermeiden, im Gesicht getroffen zu werden, das brauchte ich ja fürs Theater. An diesem einen Tag habe ich mich auf der Rückfahrt nach Mainz gegen die Bretter des Boxrings und für die der Theaterbühne entschieden.

          Jetzt läuft dieser Film in den Kinos, „Es hätte schlimmer kommen können“, in dem Sie noch einmal auf Ihr Leben, auf Ihr Schaffen, auch auf die Orte, Rom, München, Mayen in der Eifel, zurückschauen. Ging der Impuls von Ihnen aus, gewissermaßen eine Art Vermächtnis?

          Nein, durchaus nicht, der Film schien mir anfangs als einer der einfachen Doku-Porträts gedacht, wie sie üblich sind und ich auch einige gemacht habe, aber durch die komplexere Absicht und formale Anlage des Regisseurs Dominik Wessely und die besondere freundschaftlichen Nähe mit ihm und seinem Team ist es ein doch ein ganz anderer, sehr persönlicher Film geworden.

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