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Hardy Krüger zum 90. : Auch im wirklichen Leben ein guter Deutscher

Momentaufnahme aus einer langen Karriere: Hardy Krüger im Jahr 1959 mit Romy Schneider auf dem Berliner Filmball. Bild: dpa

Fabelhaftes Aussehen und eine Nachdenklichkeit, die man nicht spielen kann: Der Schauspieler Hardy Krüger wird an diesem Donnerstag 90 Jahre alt.

          Es gibt so vieles, was Hardy Krüger von der Norm des deutschen Nachkriegsfilms unterscheidet, dass man kaum weiß, womit man anfangen soll – und so ist es vielleicht am besten, man fängt einfach mit dem Anfang an, mit Hardy Krügers allererstem Film. Er war fünfzehn, als sie ihn drehten, er sah jünger aus, und er schien in seiner ganzen Blondheit und Geradlinigkeit perfekt hineinzupassen in den sauber inszenierten und fehlerfrei erzählten Jugendfilm „Junge Adler“, dessen ganzer Zweck es war, Propaganda zu machen für die Hitlerjugend und den totalen nationalsozialistischen Drill. Walter Kempowski, der als Statist dabei war, hat die Dreharbeiten in seinem Roman „Tadellöser&Wolff“ beschrieben.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Drehbuch hatte Herbert Reinecker verfasst, inszeniert wurde der Film von Alfred Weidenmann – und beiden gelang es dann, ohne dass da große Zäsuren sichtbar würden, die bewegten Bilder und Selbstbilder der Bundesrepublik zu dominieren, vom Filmthriller „Alibi“ bis zur endlosen Serie „Derrick“.

          Als Deutscher unerwünscht

          Hardy Krüger dagegen, den das Filmteam in der nationalsozialistischen Ordensburg Sonthofen rekrutiert hatte und dessen Eltern überzeugte Nazis waren, Hardy Krüger, damals noch Eberhard genannt, lernte bei den Dreharbeiten den großen (und zu Unrecht fast vergessenen) Schauspieler Hans Söhnker kennen; und der, so hat Krüger es später erzählt, habe ihn mit der Wahrheit über den Nationalsozialismus konfrontiert. Als Krüger, noch im Frühjahr 1945, dann eingezogen wurde zur Waffen-SS, weigerte er sich, auf amerikanische Soldaten zu schießen. Er wurde zum Tod verurteilt, bald aber begnadigt: weil er so jung, fast noch kindlich aussah, vermutet Krüger heute. Und es liegt wohl an dieser Vorgeschichte, dass Krüger so anders war als die meisten Helden des deutschen Nachkriegsfilms, anders als jene Männer also, deren Präsenz vor allem deshalb so schwach und so flach wirkte, weil sie keine Geschichte, keine historische Tiefe haben durften. Nichts fürchteten sie mehr als die Frage: Wo warst du, vor zehn, vor fünfzehn Jahren?

          Krüger spielte in einigen der interessantesten deutschen Filme der Fünfziger und Sechziger, in Weidenmanns „Alibi“, in Helmut Käutners eigenwilliger Hamlet-Variation „Der Rest ist Schweigen“, die in einer Industriellenfamilie im Ruhrgebiet spielt, damals als misslungen galt und heute, historisch geworden, sehr sehenswert ist. Und, was vielleicht der schönste unter seinen deutschen Filmen ist, in Victor Vicas’ und Wieland Liebskes „Zwei unter Millionen“, einem nouvellevaguehaft lebensnahen, in den echten Straßen gedrehten Liebesfilm aus dem Berlin nach dem Mauerbau. Und trotzdem wollte Krüger immer heraus aus der geistigen und ästhetischen Enge des deutschen Nachkriegsfilms.

          Bei „Spiegel Online“ hat Krüger neulich erzählt, dass er schon 1954 nach Paris gegangen sei, um zu sehen, ob es für ihn dort Rollen gebe. Die Nouvelle Vague hatte noch gar nicht angefangen, das alte Cinéma de qualité war aber immer noch besser als das deutsche Kino – und es sei der Regisseur Yves Allégret gewesen, der Neffe André Gides und angeblich zeitweilige Sekretär von Leo Trotzki, der ihn persönlich zurückgeschickt habe: „Deutsche wie Sie hatten wir hier genug, zu Hunderttausenden, in grauer Uniform. Wir können Sie hier nicht brauchen, hauen Sie ab.“

          Immer ein Menschenfreund

          In England hatte er mehr Erfolg, und wenn man die Eingangsszene seines ersten internationalen Erfolgs, „Einer kam durch“, heute sieht, in welcher ein deutsches Flugzeug über England abgeschossen wird, eine Bruchlandung macht, und dann steigt der Pilot aus dem Wrack, in sehr gut sitzender Uniform, freundlich, gutaussehend, deutsch: Dann ist man beruhigt, dass es Hardy Krüger und kein anderer ist – dass also ein guter Deutscher den guten Deutschen spielt.

          Krüger (links) 1956 auf dem rheinisch-hessischen Filmball mit seinen Kollegen Nadja Tiller, Romy Schneider, Walter Giller und Germaine Damar (von links). Bilderstrecke

          Ein Schauspieler muss nicht sein, was er spielt – aber das Besondere an der Kinopräsenz Hardy Krügers war doch immer eine Haltung, wie er sie schon als sehr junger Mensch bewiesen hatte, und eine Nachdenklichkeit, die sich mit rein schauspielerischen Mitteln nicht simulieren lässt. So behauptete er sich, neben James Stewart in „Der Flug des Phoenix“, neben John Wayne in „Hatari!“. Dass einer wie er davon keine Allüren bekam, versteht sich fast von selbst. Hardy Krüger ist ein Menschenfreund geblieben, hat freundliche und kluge Bücher geschrieben. Und seine Haltung und seine Nachdenklichkeit haben ihn, fast schon zwangsläufig, dazu gebracht, dass er sich, noch immer, gegen den Rechtsextremismus engagiert. Am heutigen Donnerstag wird er neunzig Jahre alt; er habe alles, was er brauche, sagt er, er wünsche sich aber noch ein bisschen Zeit.

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