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Schauspieler Devid Striesow : Am Ende muss es stimmen

Ein großer Junge, der Spaß haben will: Devid Striesow Bild: F.A.Z.-Matthias Lüdecke

Der Schauspieler Devid Striesow hat im vergangenen Jahr zwölf Filme gedreht. Auf der Berlinale, die am Donnerstag beginnt, ist er das Gesicht des deutschen Films: In beiden deutschsprachigen Beiträgen, die um den Goldenen Bären konkurrieren, ist er zu sehen.

          Er kommt einfach rein, grinst, legt den Parka ab, setzt sich hin, hört zu, wirkt ganz ruhig, nur seine Mimik erzählt schnell etwas anderes. Devid Striesows Stirn runzelt sich, sein Blick ist fest und klar, und sobald er zu reden anfängt, ist da ein enormes Tempo. Er kommt aus einem Jahr mit zwölf Filmen, Kino, Fernsehen, alles durcheinander. Und er ist der deutsche Schauspieler, der in den beiden deutschsprachigen Wettbewerbsbeiträgen der Berlinale mitspielt; dass zwischen den beiden Rollen Welten und sechzig Jahre liegen, hält er in seiner Person mühelos zusammen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er spricht schnell, er spricht wie einer, der aus dem Norden kommt, man hört es sofort an der unverkennbaren Satzmelodie. In diesen Momenten ist er von der SS-Uniform, die er in Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ trägt, so weit weg wie vom dunkelblauen Business-Anzug in Christian Petzolds „Yella“. Auch an einen Hamlet oder einen Prinzen von Homburg denkt man nicht unbedingt. Er wirkt wie ein großer Junge, der seinen Spaß haben will.

          Schauspieler in zwölf Monaten

          Devid Striesow wurde auf Rügen geboren, 1973, in Rostock ist er aufgewachsen, jeder hat ihn schon mal gesehen, weil er eben auch viel im Fernsehen unterwegs ist. Als Assistent von „Bella Block“ hat er sich mühelos etabliert. Er hat die klassische Schauspielausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Schule durchlaufen, und er erzählt, wie er kürzlich in Berlin-Friedrichshain an einem Plakat vorbeigelaufen ist, auf dem stand: „Schauspieler in zwölf Monaten“. Er runzelt kunstvoll die Stirn, dann sagt er: „Da habe ich mir gedacht: Hast wohl vier Jahre zu viel gemacht.“

          Er sei mitunter wie ein „hyperaktives Kind“, sagt Stefan Ruzowitzky, und Striesows Körperspannung gibt ihm recht. Er kann keine Gelegenheit zu einem kleinen Scherz auslassen, man sieht sofort, dass er gerne und häufig lacht, dann lässt er wieder seine Stimme nachdunkeln, und um die Nasenwurzel bilden sich zwei tiefe Kerben, weil er zur Abwechslung mal etwas Ernsthaftes zu sagen hat. Er sei, sagen Ruzowitzky und Petzold, ein Schauspieler, der auch am Set Witze mache, kleine Clownerien aufführe, weil er das brauche, um ins Spiel zu kommen; er versuche nicht, wie manche Kollegen, die Stimmung des Charakters, den er gerade spielt, auch in den Drehpausen zu konservieren - wenn man weiß, wie viel er gearbeitet hat, teilweise an vier Filmen gleichzeitig, ist auch schwer vorstellbar, wie das gehen sollte.

          Morgens Filmen, abends Bühne

          Als Devid Striesow „Die Fälscher“ drehte, wartete nach Drehschluss in Babelsberg schon ein Auto, das ihn nach Hamburg brachte, wo er in Nicolette Krebitz' „Das Herz ist ein dunkler Wald“ mitspielte, und abends stand er dann wieder in Berlin auf der Bühne, beim Theatertreffen, als Lady Macbeth mit schwarzer Perücke, Rock und hoher Drehzahl. Ist das nicht eher wie Zehnkampf? Striesow lacht, sagt, dass er ab und an auch Sport treibe, dass ihm die Belastung Spaß mache und dass er, wenn die Drehbücher stimmten, es jederzeit noch mal tun würde. Und man ahnt, dass er diese Unruhe braucht, um zur Konzentration zu finden.

          Devid Striesow hat eher spät angefangen mit dem Kino. 2000, in der Ingrid-Noll-Verfilmung „Eiskalt ist der Abendhauch“. Er liest viele Drehbücher, er sucht dabei nicht nach den Plot Points, die ihn gut aussehen lassen, er ist auch keiner, der zum Drehort kommt und sich viel vorgenommen hat. Er fragt sich, sobald ihm ein Buch gefällt, ob sich das zeitlich realisieren lässt, und er klingt dabei so, als sei da nicht allzu viel Ausschuss, den man ihm zuschickt. Natürlich sind auch die Rollen größer geworden mit der Zeit. In Petzolds „Yella“ etwa spielt er zum ersten Mal einen Mann, der sich wider Erwarten verliebt, und wenn man ihn dabei zusammen mit Nina Hoss sieht, spürt man, dass Devid Striesow längst einen ganzen Film auch allein tragen könnte.

          Kaum festzulegen

          Devid Striesow ist kaum auf einen Typus festzulegen, er kann sehr kühl einen Staatsanwalt verkörpern, im „Untergang“ einen Feldwebel, einen humorlosen Ehemann in „Eden“. Er hat sich gewissermaßen durch die „Berliner Schule“ gespielt: Zweimal für Ulrich Köhler (in „Bungalow“ und „Montag kommen die Fenster“), zweimal für Angela Schanelec (in „Mein langsames Leben“ und „Marseille“), einmal für Christoph Hochhäusler („Falscher Bekenner“), jetzt für Petzold - aber er gehört deshalb nicht zur „Familie“. Er hat Spuren in den Filmen hinterlassen, aber die Filme haben an ihm keine Spuren hinterlassen, weil er seine jeweils letzte Rolle auf eine Weise vergessen machen kann, als finge er wieder ganz neu an.

          Es hat ihn auch nicht eingeengt, dass er in Hans-Christian Schmids „Lichter“ einen Matratzenverkäufer in Frankfurt/Oder spielte, einen Ossi-Loser, der innerhalb eines Tages alles verliert. Dass er in „Napola“ einen blond-blauäugigen, ideologisch glühenden Sportlehrer spielte, wäre allerdings fast zum Hindernis für „Die Fälscher“ geworden, weil Ruzowitzky, der das erste Mal in „Lichter“ auf Striesow aufmerksam geworden war, zunächst befürchtete, er entspräche zu sehr dem Bilderbuchnazi, wie ihn sich das Kino seit Jahren entworfen hat.

          Intensiver Blick

          Mit der hilflosen Kritikerformel „Wandlungsfähigkeit“ hat das alles wenig zu tun. Da bleibt ja immer dieser intensive Blick, der zur Verzweiflung taugt wie für grenzenlosen Optimismus, so kann ein Handwerker gucken, der sich seiner Sache sicher ist, und ein Manager wie in „Yella“, der sich superseriös gibt und heimlich seine Kunden abzockt. Ja, selbst der junge Karol Wojtyla, den er für eine eher frömmelnde ZDF-Produktion spielte, guckt dann doch eher wie Devid Striesow. Er hält sich irgendwo dazwischen: Weder verschwindet er in seinen Rollen, noch verleibt er sie sich rücksichtslos ein. Er spielt den SS-Kommandanten in den „Fälschern“ als jovialen Menschenfeind, er tut, was der Film von seinem nicht allzu differenzierten Personal verlangt, und ist doch der Einzige, der einer eng angelegten Rolle noch eine neue Facette abgewinnt.

          Wie er das macht, darauf muss er nicht antworten. Er ist kein analytischer Rollensezierer, der wissen muss, was Hamlet in der Hosentasche hat oder welches Rasierwasser Private-Equity-Manager bevorzugen. „Ich muss situativ reagieren“, sagt er, und das ist nicht zu übersehen, wenn man ihm eine Stunde gegenübergesessen hat. „Am Ende muss es stimmen“, sagt er, das habe er bei Jürgen Gosch am Theater gelernt, der seinen Schauspielern erklärt, wie sie ihre unterschiedlichen Methoden aufeinander abstimmten, sei ihm egal, es müsse nur passen. „Das habe ich mir zur Maxime gemacht, das ist das Spiel.“ Und wenn man ihm zusieht und zuhört, könnte man beinahe auf den Gedanken kommen, mal ins Theater zu gehen. Aber erst einmal sind da zum Glück die Leinwände der Berlinale.

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