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Scharping ist Siddhartha : Und seine SPD-Kultur schmeckt wie eine Kalbshaxe

          6 Min.

          Noch kündet die zerrinnende Gebärde
          Vom Adel deiner königlichen Sendung

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Hermann Hesse

          3. Mai 1994. Gleich zweimal lud am Wochenende die SPD, um ihre Kulturpolitik vorzustellen: Peter Glotz traf sich mit Kulturschaffenden in Bonn, um mit ihnen den kulturpolitischen Teil des „Regierungsprogramms“ zu diskutieren. Rudolf Scharping bat Journalisten nach Koblenz, um ihnen seine kulturpolitischen Ziele zu erläutern. Das Ergebnis: Ein Paradigmenwechsel ist anzuzeigen.

          Die interessanteste Nachricht über das Bonner Treffen enthielt die Teilnehmerliste. Neben Funktionären aus Filmbüros und Bühnenverbänden waren prominente Professoren erschienen. Aber vergeblich suchte man die Philosophen des herrschaftsfreien Diskurses aus der Schule von Jürgen Habermas. Hatte Glotz nicht vorgestern noch Kongresse über die Zukunft der Aufklärung ausgerichtet? Damals durfte man glauben, das Überleben des kritischen Geistes hänge von der Geltung einer metaphysischen These ab, von der Behauptung, das Subjekt sei quicklebendig. Die Gesundbeter der Rationalität haben nun den Totengräbern das Feld geräumt. Nicht in der Theorie des kommunikativen Handelns hatten sich die Geladenen ausgewiesen, sondern in der Praxis des unverständlichen Redens. Ihre Arbeitsgebiete sind die „Archäologie der Medien“ oder die „Logik des Paradoxen“. Sie spotten über Philosophie, die noch auf die Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen hören möchte. Ihnen kann es gar nicht kakophon genug zugehen; sie träumen den Tekkno der Theorie.

          Mit dem Gegner aus Frankfurt teilen sie eine Obsession: Sie wollen absolut modern sein. Was Glotz vorlegte, war ihnen nicht modern genug. Sie vermißten eine „Vision“ für die „Bürger des einundzwanzigsten Jahrhunderts“. Der Programmentwurf enthält ehrenhafte und unoriginelle Absichtserklärungen zur Rettung des deutschen Films und zur Konservierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die akademischen Kritiker tadelten einen überholten Kulturbegriff. „Die reine Defensive: das kann nicht unsere Diskussion sein.“ Der Text stehe „nicht einmal an der Schwelle dessen, was das zwanzigste Jahrhundert an Technologien gebracht hat“. Er verteidige „uralte Kulturideale, die vom Prozedere der Medien überholt sind“.

          Potenz bedeutet Kompetenz

          Die Reduzierung von Kultur auf Medien und von Medien auf Technik ist hier die entscheidende Operation. Dem Stand der Technik wird normative Dignität zugesprochen, und dieses Sein fordert die Anpassung des Bewußtseins. „Was die meisten Menschen als utopisch bezeichnen, ist längst Faktizität.“ Intellektuelle, die in vorauseilendem Gehorsam ihren Geist an die Maschine ausgeliefert haben, werden mit dem Status der Avantgarde entschädigt. Norbert Bolz, Philosoph an der Universität-Gesamthochschule Essen, schlug der SPD vor, sie solle ein „Bündnis schließen mit Intellektuellen, die eine Entwicklung durchgemacht haben in Medienkompetenz“.

          Was außer der Fähigkeit, Texte auf einem Computer zu tippen, mit der „Medienkompetenz“ gemeint war, blieb dunkel. Wahrscheinlich gehört der Führerschein für „Datenautobahnen“ dazu, auf denen offenbar kein Tempolimit gilt. Nicht abendländische Werte seien in der Schule zu vermitteln, forderte Bolz, sondern Media literacy. Heutzutage muß es ja Englisch sein. Bolz legt jedes Jahr ein Buch vor, in dem er den Tod des Buches bekanntgibt. Sein neuestes Opus war als Vorbereitungslektüre an die Teilnehmer verteilt worden. Eine seiner jüngeren Schriften plädiert dafür, „das Debakel des sexuellen Rapports durch die narzißtisch reibungslose Synergetik Mensch-Maschine“ zu ersetzen. Das sei „als Medienonanie nur dem verächtlich, der immer noch glaubt, es gäbe sexuelle Beziehungen zwischen Frauen und Männern“. Leider setzte Bolz diese Aufklärung über die Medienkompetenz, die recht eigentlich Medienpotenz heißen sollte, in Bonn nicht fort.

          Sein Kollege Jochen Hörisch von der Universität Mannheim sprang ein. Der Gelehrte legte dar, die Medienkompetenz der Arbeiter sei größer als die der Intellektuellen. „Die Videosammlung eines arbeitslosen Arbeiters im Ruhrpott: Da können wir nicht mit.“ Die Übertreibung - der Arbeiter muß auch noch arbeitslos sein - und das Klischee - der Ruhrpott - entlarven das Exemplum als kitschiges Idyll. Der kompetente Arbeiter, der vor dem Videogerät seinem Basic instinct folgt: die letzte Inkarnation des edlen Wilden. Von den Barbaren erhofft Hörisch eine Regeneration der Sozialdemokratie. Die Kulturkritik eines Hartmut von Hentig sei „zu bildungsbürgerlich“. Wenn die SPD sich an Bolz halte, könne sie „Wählerschaften halten, die wegbrechen, vom Ingenieur zum Besitzer einer Videothek“. Hat Bolz eine Karriere als Wählermagnet auf Karaoke-Parties vor sich? Sein sonnengegerbtes Gesicht sieht aus, als habe er gerade die „Camel Trophy“ gewonnen. Es steht gut um seine Kompetenz als Terminator der Philosophiegeschichte.

          Die wackeren Kulturarbeiter erlitten einen Schock. Der Filmvertreter verteidigte empört den Film, und der Theatervertreter verteidigte empört das Theater. Glotz, in der Arbeit der Zuspitzung grau geworden, hob noch einmal die Hand gegen den erweiterten Kulturbegriff. Es müsse einen deutschen Film geben, denn „ein Land sollte die Fähigkeit behalten, seine eigenen Geschichten zu erzählen“. Hörisch nahm ihm die Skrupel. „Ich habe über Frühromantik promoviert und über den Bildungsroman habilitiert.“ Er ist Professor, so mußte man das verstehen, er darf die alten Medien zur Verschrottung freigeben. Nach einer Theologie, die nicht an Gott glaubt, hat die deutsche Universität nun eine Philologie hervorgebracht, die nicht an die Literatur glaubt. Auch hier folgt auf die Tragödie die Farce.

          Warum stießen die Theoretiker bei den Praktikern nur auf Protest, nicht auf Argumente? Warum machte sich Glotz die Forderung nach einem „medienpolitischen Godesberg“ zu eigen? Die Philosophen sprachen die Wahrheit über die SPD-Kulturpolitik aus. Die SPD verkleidet Minderheitsprogramme als Mehrheitsanliegen. Demokratischer Anspruch und elitäre Wirklichkeit waren bislang utopisch vermittelt, in der Vision einer „Kultur für alle“. Es sei nur eine Frage der Zeit, versprach die Bildungspolitik, dann würden alle lieber „Die Chronik der Anna Magdalena Bach“ sehen als „Die Schlacht um Tobruk“. Diese Utopie ist heute unbezahlbar, weshalb Bolz die Filmförderung als Verzerrung des Marktes kritisierte.

          Es hätte seinen guten Sinn, sollte die SPD Bolz tatsächlich in der Nachfolge von Habermas zum Hofphilosophen ernennen. Er formuliert die Philosophie der Realpolitik, des Abschieds vom Prinzipiellen. Habermas hat immer auch das ästhetische Projekt der Moderne verteidigt, den Anspruch der abstrakten Kunst als Abbild der Strenge des formalen Diskurses. Das neue Paradigma tritt wie das alte als Kommunikationstheorie auf, aber Bolz stellt Habermas vom Kopf auf die Füße. Er verwandelt den Idealismus in Materialismus, indem er Kommunikation technisch definiert. Der herrschaftsfreie Diskurs stellt sich im Plebiszit der Fernbedienung her.

          Diese Gleichgültigkeit ist auch das Geheimnis von Rudolf Scharping. Er hat von Clinton gelernt, sich auf nichts festzulegen und nur konventionelle Meinungen zu äußern. Auf jede kontroverse Frage gab er in Koblenz eine harmonische Antwort. Steht die SPD vor einem medienpolitischen Godesberg? Ja und nein. Der Kandidat findet im Privatfernsehen vieles scheußlich, aber im öffentlichen Rundfunk auch nicht alles prima. Die Begrifflichkeit war Scharping weniger wichtig als die Behaglichkeit. Er zitiert zwar „gern den Theodor Adorno“. Aber er müsse ihm in einem Punkt unrecht geben. Kultur lasse sich eben doch genießen wie eine Kalbshaxe. Manchmal ist sie schwer verdaulich. Die moderne Bildhauerei definierte Scharping als „Kunst, ein unbehauenes Stück Stein so lange zu bearbeiten, bis es aussieht wie ein unbehauenes Stück Stein“.

          Dieser Populismus kommt aus dem Kopf. Die Wonnen der Gewöhnlichkeit verdanken sich harter Arbeit. Den Beweis liefern Scharpings persönliche Vorlieben. Welche Musik hört er? „Kommen Sie zu mir ins Büro, dann leg' ich Ihnen was auf. Mendelssohn, Violinkonzert, zweiter Satz, mit Nigel Kennedy.“ Hier inszeniert sich ein feinsinniges Urteil, das dann doch dem Mainstream lauscht. „Oder wir hören bei Keith Jarrett rein. Gute Musik teile ich nicht nach Sparten ein.“ Die große Koalition beginnt im Plattenschrank.

          Das Unbehagen gegenüber scharfen Distinktionen erweitert sich in Scharpings Habitus zu einem Mißtrauen gegen das Wort überhaupt. Peter Glotz, der seine Laufbahn auf Worte gebaut hat, muß erfahren, daß sich für die Formulierungen seines Programmpapiers niemand interessiert. Scharping gibt durch seine zerdehnte Redeweise, seine Vorliebe für verbale Grobheiten und seinen dialektalen Ton zu verstehen, daß es auf Worte nicht ankommt, sondern auf Taten. Kohl hat eher spät verstanden, daß sein unintellektuelles Auftreten ihm Sympathie eintrug. Scharping hat das sofort begriffen. Es ist anstrengend, Scharpings bräsigem Vortrag zu folgen. Aber in der Verweigerung der Kommunikation beweist er, daß er die Kommunikation beherrscht. Viel besser als der wortgewandte Gerhard Schröder gibt er zu erkennen, daß er ein Macher ist. Er könnte einen Buchtitel von Bolz zu seinem Motto erklären: Stop making sense. Aber er würde es auf deutsch sagen: Hört doch auf mit dem Gequatsche.

          Das „Wommerjaauch“

          Rudolf Scharping liest gerade wieder einmal den „Siddhartha“. Hesse ist einer seiner Lieblingsautoren. Dem Jünger Siddharthas ist das Ding wichtiger als die Worte, das Tun und Leben wichtiger als das Reden, die Gebärde der Hand wichtiger als die Meinungen. Auch Scharping versteht es, das Om zu sprechen, das Wort der Worte. In westerwäldischer Übersetzung heißt das Om „Wommerjaauch“ - hochdeutsch „Wollen wir ja auch“. Scharping spricht das magische Wort aus, um eine gute Absicht zu bekunden und zugleich ihre Unerfüllbarkeit zu gestehen. „Im ersten und zweiten Entwurf stand: (Pause) Wir wollen eine Geschwindigkeitsbegrenzung. (Lange Pause, dann breit gedehnt) Wommerjaauch.“ Resignation und Hoffnung, alles ist eins.

          Jetzt verstehen wir auch einen seltsamen Werbespott der SPD zur Europawahl. Köpfe werden auf die Leinwand geworfen, Köpfe bekannter Menschen, Köpfe unbekannter Menschen. Dann ist immer häufiger der Kopf von Rudolf Scharping zu sehen, und zum Schluß bleibt sein Kopf als einziger übrig. Hier wurde die Vision von Siddharthas Freund Govinda verfilmt, der am Ende des Romans das Gesicht des Weisen nicht mehr sieht, sondern „einen strömenden Fluß von Gesichtern, von Hunderten, von Tausenden, welche alle kamen und vergingen und doch alle zugleich dazusein schienen, welche alle sich beständig veränderten und erneuerten und welche doch alle Siddhartha waren“. Am Ende bleibt nur eine Maske, „und diese Maske lächelte, und diese Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht“.

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