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Präsidentschaftswahl in Polen : Ein Kassenschlager, der das Land spaltet

Andrzej Grabowski spielt im Film den Vorsitzenden der PiS-Partei Jarosław Kaczyński. Bild: Vega Investments

Der satirische Film „Polityka“ von Patryk Vega hat vor der Wahl in Polen den Wahlkampf aufgemischt. Besonders ein Bild bleibt in Erinnerung.

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          Polen steht am Sonntag vor einer Schicksalswahl. Wenn der liberale Herausforderer Rafał Trzaskowski Präsident werden sollte, würde die 2015 von der PiS-Regierung eingeläutete konservative Kulturrevolution vermutlich den Anfang ihres Endes erleben; wird Amtsinhaber Andrzej Duda bestätigt, kann die PiS unter ihrem Vorsitzenden Jarosław Kaczyński bequem weiterregieren. In Polen steht das Staatsoberhaupt mit seiner Machtfülle dem französischen Modell näher als dem deutschen.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          In den letzten Wochen hat es, da die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen stabil bei unter vierhundert liegt, einen fast normalen Wahlkampf gegeben. Aber noch nie zuvor haben die Ehefrauen der Kandidaten eine solche Rolle gespielt wie diesmal – augenfällig wurde dies beim Auftritt der Gattin des Kandidaten der Bauernpartei, die ihren Mann mit den Worten „Komm, Tiger, die Bühne ist frei“ dem Publikum vorstellte. Dafür sind die bislang üblichen „Unterstützerkomitees“, in denen Schauspieler, Sportskanonen und andere „Autoritäten“ sich für ihre Favoriten aussprachen, fast verschwunden – womöglich ein Symptom für den in Polen empfundenen Niedergang gesellschaftlicher Autoritäten im Allgemeinen.

          Was nicht heißt, dass Künstler sich nicht zu Wort meldeten. Besonders markant hat dies jüngst der Regisseur Patryk Vega getan, ein Enfant terrible des polnischen Films. Seine Realsatire „Polityka“ (Politik) zog 1,9 Millionen Kinobesucher an und wurde zu einem der erfolgreichsten einheimischen Filme. Schon vor Erscheinen des Films war wochenlang debattiert worden, ob und wie er die Wahlen beeinflussen werde. „Polityka“ parodiert die politische Klasse, und die Regierenden – vor allem Kaczyński, der selbstherrliche „Kriegsminister“ (offiziell Verteidigungsminister) Antoni Macierewicz und dessen aufstrebender Assistent Bartłomiej Misiewicz – nehmen die meiste Leinwandzeit ein und bekommen das meiste Fett ab.

          Der mit bekannten Schauspielern besetzte Film hat verheerende Rezensionen bekommen, aber das war Vega von seinen anderen Kassenschlagern („Die Frauen der Mafia“, „Pitbull“) gewohnt. Die Szenen, in denen der Minister seinen Assistenten abknutscht oder der Assistent sich wiederum von seiner Assistentin im Dienstzimmer oral befriedigen lässt, werden wohl kaum in die polnische Filmgeschichte eingehen. Doch ein Bild bleibt in Erinnerung: Kaczyński (Andrzej Grabowski) muss – wie im wahren Leben nach einer Knieoperation – von der Politik pausieren, und als er danach erstmals das Parlament betreten will, gerät er in eine Menge wütender Demonstranten, von denen manche Kaczyński-Pappmasken tragen. Da ist kein Durchkommen – es sei denn, Kaczyński setzt sich selbst eine Kaczyński-Maske auf, um unerkannt zu bleiben. Diese originelle Szene erinnert ans gut kalkulierte Auftauchen und Verschwinden des heimlichen Herrschers in Polens Öffentlichkeit. Am Sonntag wird sich zeigen, wessen Kalkül erfolgreich war.

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