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Sarrazins Goethebild : Islam ist nicht Fanatismus: Goethe und Sarrazin, der Koran und wir

  • -Aktualisiert am

Erstausgabe des „West-östlichen Divan” aus dem Jahr 1819 Bild: Frankfurter Goethe-Haus

Seine Kritik an den Muslimen war keineswegs so ruppig: In seinem letzten Brief an die F.A.Z. kritisiert der jüngst verstorbene Schriftsteller Hadayatullah Hübsch den sorglosen Umgang Thilo Sarrazins mit Goethes „West-östlichem Divan“.

          Thilo Sarrazin meint in seinem Beitrag „Ich hätte eine Staatskrise auslösen können“ (Thilo Sarrazin: Ich hätte eine Staatskrise auslösen können), unser Bundespräsident sollte den „West-östlichen Divan“ von Goethe richtig lesen, „damit er nicht mehr verharmlosend daraus zitiert“. Sarrazin selbst geht aber äußerst nachlässig mit dem nach dem „Faust“ wesentlichsten Werk Goethes um, indem er Zitate daraus verstümmelt. So sagt Goethe in seinen „Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des west-östlichen Divan“ keineswegs nur, wie Sarrazin anführt, „Der Stil des Koran ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar“, sondern setzt den Satz fort, nach „furchtbar“ ein Komma einfügend, „stellenweise wahrhaft erhaben“.

          Das gibt dem Satz natürlich ein ganz anderes Gewicht, vor allem auch, wenn man liest, was Goethe eine Seite zuvor über den Koran sagt: „Glauben und Unglauben teilen sich in Oberes und Unteres; Himmel und Hölle sind den Bekennern und Leugnern zugedacht. Nähere Bestimmung des Gebotenen und Verbotenen, fabelhafte Geschichten jüdischer und christlicher Religion, Amplifikation aller Art, grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, so oft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.“

          Hochachtung vor dem Islam

          Berücksichtigt man, dass Goethe nur über eine sehr unzulängliche Übersetzung des Korans verfügte und keinen sachkundigen Kommentar dazu kannte, was zur Festigung von etlichen Vorurteilen beitrug, so lässt sich aus dem Zitierten doch ableiten, dass er für den Islam und den Koran große Hochachtung empfand, ja sogar so weit ging, 1816, also wenige Jahre vor Veröffentlichung des Divans, zu verlautbaren, er lehne „den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei“. Entsprechende Verse aus dem Divan lassen sich ja auch in Fülle zitieren, etwa: „Wenn Islam Gottergeben heißt / im Islam sterben wir alle.“

          Seine Kritik an den Muslimen ist zudem keineswegs so ruppig, wie Sarrazin durch sein Zitat zu belegen versucht. Sarrazin verkürzt hier eine längere Passage, indem er nur ihren Anfang erwähnt und die Begründung verschweigt. Er schreibt, Goethe habe gesagt, die muslimische Religion lasse „ihren Bekenner nicht aus einer dumpfen Beschränktheit heraus“, Goethe aber setzt den Satz fort: „indem sie, keine schweren Pflichten fordernd, ihm innerhalb derselben alles Wünschenswerte verleiht und zugleich, durch Aussicht auf die Zukunft, Tapferkeit und Religionspatriotismus einflößt und erhält“.

          Wer nun den Koran studiert, und zwar in einer annehmbaren Übersetzung, wird bald feststellen, dass Goethes Verdikt sehr voreilig gewesen ist und der Koran dem Menschen Allerhöchstes, was seine Moral und seine Spiritualität betrifft, abverlangt. Man kann Goethe nur zugutehalten, dass er es nicht besser wissen konnte, weil ihm die Quellen nicht genau zur Verfügung standen.

          Kein Zwang in Glaubensdingen

          Thilo Sarrazin hingegen könnte sich bestens informieren. Hätte er dies getan, würde er nicht behaupten, die Verse Goethes - „Gottes ist der Orient, / Gottes ist der Okzident. / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände“ - seien „eine freie Übersetzung der zweiten Sure des Korans“. Die zweite Sure indes umfasst 287 lange Verse. Vers 143, auf den sich Goethe wohl bezieht, behandelt den Wechsel der Gebetsrichtung, die von Allah, nachdem sie lange Jahre Jerusalem gewesen war, fortan zur Kaaba in Mekka eingerichtet worden war: „Die Toren unter dem Volk werden sprechen: ,Was hat sie abwendig gemacht von ihrer Qibla (Gebetsrichtung), die sie befolgten?' Sprich: ,Allahs ist der Osten und der Westen. Er leitet, wen Er will, auf den geraden Weg.'“

          Die Aussage, dass Allahs der Osten und der Westen sei, besagt nur, dass Gott überall zu finden und nicht an einen Ort gebunden ist. Es ist also reine Phantasie Sarrazins, daraus eine „totalitäre Gefahr dieser Religion“ abzuleiten. Islam gebietet Glaubensfreiheit in vollem Umfange: „In Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben“, heißt es beispielhaft in Sure 2, Vers 257. Wenn Fanatiker dieses Gebot verdrehen, sind sie es, die sich gegen den Islam und die Gebote Allahs vergehen. Dass Sarrazin so ungenau recherchiert und nicht differenziert, macht ihn somit fragwürdig.

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