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Migrationsforschung : Professor Bade gibt den Anti-Sarrazin

  • -Aktualisiert am

Welche soziale Realität wird wahrgenommen? In einer Allee des Berliner Tiergartens Bild: dpa

Ein Emeritus aus Osnabrück sorgt sich um das Grundvertrauen in Deutschland. Er ist der Sprecher des einflussreichen Kartells staatlich geförderter Migrationsforschung, die offene Debatten unterbindet.

          5 Min.

          Wer in Deutschland Migrationsforschung betreiben will, kommt an dem inzwischen emeritierten Migrationsforscher Prof. Dr. Klaus J. Bade aus Osnabrück nicht vorbei. Er ist Vorsitzender des „Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration“, einem von acht bedeutenden Stiftungen wie der Stiftung Mercator, der Volkswagenstiftung, der Bertelsmann-Stiftung, der Körber-Stiftung finanzierten Zusammenschluss. Die Geschäftsstelle weist zehn Beschäftigte und sieben weitere Mitarbeiter aus.

          Der Sachverständigenrat selbst hat neun Mitglieder, alle Leiter von entsprechenden Instituten oder Lehrstuhlinhaber auf dem Gebiet der Migration, wie die Pädagogin Ursula Neumann aus Hamburg, die ehemalige Kopftuchgutachterin Yasemin Karakasoglu aus Bremen oder der Anthropologe Werner Schiffauer aus Frankfurt an der Oder. Insgesamt ein stattlicher Apparat, der für die Koordinierungsarbeit mit 1,7 Millionen Euro ausgestattet ist. Die entsprechenden Studien und Berichte werden zudem einzeln von den Stiftungen finanziert und stehen mit hohen Millionenbeträgen in den Büchern.

          Der Sachverständigenrat berät die Politik auf Bundes- und Landesebene, beurteilt auch seine eigenen Empfehlungen in einem jährlichen Gutachten, in diesem Jahr heißt es „Migrationsland Deutschland 2011“ und fiel besonders positiv, ja überraschend aus. Als Kontrast zum „deutschen Integrationsgejammer“ beschrieb Klaus Bade im Interview mit der „Welt“ die allgemeine Zustimmung zur Migration. Kaum jemand aber überprüfte diese vermeintlich repräsentative Studie: 5600 Personen wurden dafür am Telefon befragt, davon hatten 80,5 Prozent einen Migrationshintergrund und nur der Rest von 19,5 Prozent der Befragten gehörte zur Mehrheitsbevölkerung.

          Engländer nennen das „blacklisting“

          Die Mitglieder dieses einflussreichen Netzwerkes bewerten in dieser Funktion und als Hochschullehrer Forschungsvorhaben, koordinieren Forschungsgelder, empfehlen Stipendiaten und so weiter. Kurz gesagt, der Sachverständigenrat ist das Politbüro der deutschen Migrationspolitik, und Klaus J. Bade, der sich selbst als „die eine Stimme“ des Sachverständigenrats bezeichnet, ist sein Generalsekretär.

          Ich bezeichne diesen Rat als Politbüro, weil hier offenbar nicht nur nach wissenschaftlichen Kriterien geforscht, sondern nach ideologischen Kriterien Politik betrieben wird. Forschung als Machtpolitik, denn die geforderte Unabhängigkeit gibt es zwar formell, inhaltlich wird aber nicht nur mit einer „Stimme“ gesprochen, sondern ist auch nur eine Meinung zugelassen. Der Sachverständigenrat ist so auch das Kontrollorgan der politischen Korrektheit in Sachen Integration. Probleme, die nicht in das Gedankenschema passen, werden ignoriert oder wie zum Beispiel die Entwicklungen bei der Familienzusammenführung, die nach eigener Aussage immerhin 44 Prozent der Zuwanderung ausmachen, relativiert.

          Anträge oder Personen, die nicht das Wohlwollen dieser Institution oder seiner Mitglieder erlangt haben, haben in der institutionalisierten Migrationsforschung in Deutschland keine Chance auf Förderung oder Karriere. Ein Mitglied des Sachverständigenrats war sich nicht einmal zu schade, meinen Verlag in einem Brief aufzufordern, doch bitte keine Bücher mehr von mir zu verlegen. Ich weiß von Professoren, Doktoranden und Studenten, dass in den Instituten bestimmte kritische Fragestellungen, Bücher und Personen tabu sind, dass auf Medien und Politik und Institutionen informeller Druck ausgeübt wird. Wer sich mit diesen Themen oder Kontakten beschäftigt, wird quasi ausgeschlossen. Engländer nennen das „blacklisting“. Kritische Geister an Universitäten und Instituten werden gemobbt, es herrscht ein Common sense darüber, was und wie geforscht wird.

          Funktioniert so Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft?

          Der Einfluss dieses Netzwerkes ist enorm und wer in diesem Bereich Karriere machen will, ist gut beraten, sich es mit diesem Netzwerk nicht zu verderben. Kein Universitätsmitarbeiter oder Forscher wird sich gegen die Allmacht dieser Institution wenden oder etwas darüber sagen, denn Stipendien, Forschungsmittel, Stellenvergabe, Durchführung und neutrale Expertise sind ein geschlossener Kreislauf der immergleichen Personen und Institutionen. Weder die Stiftungen noch die Politik haben für diese Interessenkonflikte ein Bewusstsein und darum auch kein Interesse, das zu ändern. Die Stiftungen stehen diesem Wirken relativ hilflos gegenüber, denn ihre neutralen Berater sind gleichzeitig Entscheider, Durchführer und Gutachter der Projekte. Funktioniert so Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft?

          Das Fatale an dieser Konstruktion, die ja nicht nur den Strom der Stiftungsgelder lenkt, sondern über ihren Einfluss auf die Politik wiederum auch die Mittel für Integrationsmaßnahmen beeinflusst, ist, dass dabei die soziale Realität, die tatsächlichen Fragen der Migration zu oft aus dem Blickfeld geraten sind. Alle großen Debatten der letzten Jahre in Sachen Integration, wie die über arrangierte Ehen und Zwangsheirat, über die Gewaltbereitschaft junger Migranten, über die Bedeutung der Religion für die Integration, über den Zusammenhang von Armut, Bildung, Migration sind eben nicht in den hochsubventionierten Braintrusts der Migrationsforschung angestoßen und analysiert worden, sondern von Außenseitern gegen den Widerstand dieser Leute in die Öffentlichkeit gebracht worden. Kirsten Heisig, Heinz Buschkowsky, Seyran Ates, Serap Cileli, Thilo Sarrrazin, Ayaan Hirsi Ali oder auch ich haben außerhalb dieser Elfenbeintürme die Probleme der Einwanderergesellschaft auf unsere Art analysiert und problematisiert.

          Zum Schrecken der Migrationsforschung ist gelegentlich nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Politik diesen Analysen gefolgt. Das Gesetz gegen Zwangsheirat oder die Regelung, dass Importbräute ein Mindestalter haben müssen und Sprachkenntnisse vermittelt bekommen, ist, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht Ergebnis guter Beratung durch die Migrationsforschung, sondern des öffentlichen Diskurses. Auch um zu verhindern, dass künftig die Öffentlichkeit von solchen Debatten überrascht wird und diese Forscher ihre Deutungsmacht verlieren, wurde 2008 der Sachverständigenrat gegründet und üppig alimentiert.

          Bade benutzt die Reputation des Sachverständigenrats

          Die Sarrazin-Debatte hat aber gerade die Unfähigkeit verdeutlicht, problembewusst, lösungsorientiert, tagesaktuell und mediengerecht auf die Lage im Einwanderungsland zu reagieren. Bade beklagt in seinem Nachwort zum diesjährigen Jahresgutachten, dass nur die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 11. September 2010 bemerkt habe, dass das Jahresgutachten der wahre „Anti-Sarrazin“ gewesen sei. Er hat sein Büro am Hackeschen Markt in Berlin schon einmal angewiesen, die Auswirkungen des Sarrazinbuches auf die Stimmung im Land zu untersuchen und nachzusehen, ob das „Grundvertrauen“ und der „soziale Friede“ der Gesellschaft nachhaltig gestört wurden. Denn für ihn ist die Geschichte der Integration eine Erfolgsgeschichte, und die Probleme werden von den Medien herbeigeredet.

          Im Vorgriff auf das Ergebnis bezeichnet er Kritiker schon mal als „Brandstifter und Friedensbrecher“. Dass er dies erst jetzt tut, hat nicht nur mit seinem Alter, sondern mit der generellen Denkgeschwindigkeit im universitären Bereich zu tun. Als die aus diesen Kreisen stammenden sechzig Migrationsforscher vor fünf Jahren meinten, mein Buch „Die fremde Braut“ beklagen zu müssen, brauchten sie für die Lektüre und die Formulierung der Kritik ein ganzes Jahr. Bade ist schneller und äußert sich schon nach einem Semester zu Sarrazin. Er macht es auch jetzt erst, weil er wohl abwarten wollte, woher der Wind weht.

          Jetzt, da die Aufregung sich gelegt hat, Sarrazin im Prinzip wissenschaftlich und politisch in die rechte Ecke gestellt werden konnte, kann auch Herr Bade mutig sein. Bade benutzt die Reputation des Sachverständigenrats, um rhetorisch nachzutreten und von der eigenen Verantwortung abzulenken. Dass er dies faktisch als „die Stimme“ des Sachverständigenrats im Namen der Stiftungen tun kann, zeigt, wie verzweifelt der Emeritus inzwischen ist. Da ruft jemand „Haltet den Dieb“, der selbst die Beute in der Hand hält. So zerredet ein in seinen Forschungen redlicher, aber als Migrationspolitiker letztlich erfolgloser Professor seine Reputation und verheddert sich in der Politik, die wahrlich nicht sein Feld ist. Der Sachverständigenrat und sein Sprecher sollten nicht Zensuren verteilen, sondern der Verantwortung der Wissenschaft folgen, integrierend und vermittelnd wirken und mit den reichlich zur Verfügung stehenden Mitteln Probleme aufzeigen, untersuchen und Lösungen erarbeiten.

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