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Integrationsdebatte : Was sagt Mehmet Scholl zu Sarrazin?

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Das bringt uns zu einem dritten Konzept der Kommunikationswissenschaft, dem der Schweigespirale. Entwickelt von der in diesem Jahr verstorbenen Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann, postuliert die Schweigespiralenlehre, dass die Bereitschaft zur Partizipation am öffentlichen Diskurs von der derzeit herrschenden öffentlichen Meinung abhängt. Sieht man sich bestätigt, ist die Bereitschaft groß. Fühlt man sich dagegen in der Minderheit, hält man sich lieber zurück. Und so kann es unter Umständen passieren, dass die Mehrheit schweigt, weil sie sich nicht als solche fühlt. So auch ähnlich geschehen in der Integrationsdebatte: Mehmet-Scholl-Türken werden nicht von chronisch beleidigten Funktionären türkischer oder islamischer Verbände vertreten, auch Necla Kelek ist ihnen fremd – genau die aber geben den Ton an in der Debatte und prägen so das öffentliche Bild der Migranten.

Riester statt Erdogan

Mehmet-Scholl-Türken können mit rechtem Leitkultur- und linkem Multikulti-Gehabe nur wenig anfangen. Wenn Tayyip Erdogan nach Deutschland kommt und die Assimilation aufs schärfste verurteilt, dann können sie nur schmunzeln – oder sie fragen: Wer ist der Typ? Und auch wenn in letzter Zeit häufiger von Aus- und Rückwanderern aus Deutschland zu lesen war, für einen Mehmet-Scholl-Türken käme das nie in Frage. Der lärmende Verkehr in Istanbul, die langen Wartezeiten auf Behörden in Ankara, Militärdienst in südost-anatolischen Kasernen – hier wäre man nicht integrationsfähig. Für einen Mehmet-Scholl-Türken stellt sich nicht die Frage, ob Merkel oder Erdogan, Deutschland oder die Türkei, sondern VfB Stuttgart oder Werder Bremen, Riester-Rente oder Bausparvertrag. Sie haben zwar irgendwo im Regal auch ein verstaubtes Grundgesetz herumliegen, viel eher aber googeln sie den Bußgeldkatalog der Straßenverkehrsordnung. Kurzum: Mehmet-Scholl-Türken sind nicht selten deutscher als die Deutschen.

„Mehmet Scholl ist ja aber kein richtiger Türke“, mögen die Kritiker jetzt entgegnen. „Du bist ja eine Ausnahme“ ist ein Satz, den jeder Mehmet-Scholl-Türke nur zu gut kennt. Der Kundenberater bei der Bank, die Polizeibeamtin, der Realschullehrer – Ausnahmen so weit das Auge reicht. Gibt es wirklich so viele Exemplare des Prototyps Mehmet Scholl, dass sie gar die Mehrheit innerhalb der Minderheit stellen? Die Empirie der Erfahrung zeigt: Es sind ziemlich viele „Ausnahmen“. Genaue Zahlen gibt es nicht, meist sind sie unsichtbar für die Statistik, absorbiert von der Mehrheitsgesellschaft. Es ist ja gerade charakteristisch für Mehmet-Scholl-Türken, nicht organisiert zu sein. Sie haben keine Lobby und sie brauchen keine. Für sie ist nicht wichtig, ob eine Ministerin Özkan oder Müller heißt, solange sie gute Politik macht. Sie fühlen sich eher auf den Arm genommen, wenn Mesut Özil einen Fernsehpreis in der Kategorie „Integration“ bekommt und dann in seiner dreisätzigen Dankesrede ziemlich holprig daherkommt.

Warum aber zeigen die Mehmet-Scholl-Türken dann kein Gesicht in der Debatte um Integration? Warum überlassen sie der Leitkultur-Multikulti-Achse die Bühne? Weiß die gefühlte Minderheit denn nicht, dass sie eigentlich das Potential zur Meinungsführerschaft hat? Die Mehmet-Scholl-Türken wollen gar nicht das Bild der öffentlichen Diskussion prägen. Die einen debattieren über die Gesellschaft, die anderen haben Besseres zu tun.

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