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Goethes Islambild : Herr, mache ihnen Raum in ihrer engen Brust

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Es kam nie zur Realisierung dieses Projekts, vielleicht, weil der Grundkonflikt zwischen Religiösem und Ästhetischem, zwischen Poesie und Prosa – ich würde heute in Bezug auf meinen Dialog mit dem Islam sagen: zwischen Politik und Spiritualität –, der sich für Goethe auftat, nicht lösbar erschien. Er wollte den Koran als faszinierende Dichtkunst lesen, stieß dabei aber unweigerlich auf die höchst irdischen Absichten – ein Gegensatz, der sich nicht auflösen ließ.

Poesie und Prophetie des Glaubens

Die Poesie des Korans nützte Mohammed bei der Durchsetzung der neuen Religion, die Heilige Schrift konnte, so Goethe, gar „nicht anders als vom Himmel stammen . . . So stark war in ihnen (den Arabern, N.K.) der Glaube an das Göttliche der Dichtkunst“. Deswegen seien beide, der Poet und der Prophet, zwar ursprünglich „von einem Gott ergriffen und befeuert“, dann aber gehen ihre Wege völlig auseinander. Während es dem Poeten gerade um das Zwecklose geht, um ästhetische Mannigfaltigkeit und Grenzenlosigkeit, will der Prophet eine Lehre durchsetzen, überzeugen, mobilisieren. Die unaufhebbare Differenz zwischen dem Poeten und dem Propheten hat Goethe vielleicht auf Distanz gehen lassen. Denn wie sollte er den Propheten darstellen? Zwangsläufig hätte er ihn diskreditieren müssen, ihn ähnlich wie Voltaire als „Betrüger“ entlarven müssen. Denn Goethe dachte, wie es in den „Noten und Abhandlungen zum West-östlichen Divan“ heißt, „vom Standpunkte der Poesie“ her.

Seit 1814 beschäftigte Goethe sich dann mit Hafis, der im vierzehnten Jahrhundert in Schiras unter einem freizügigen muslimischen Schah lebte und selbst ein Gegner jedweder Orthodoxie gewesen war. Er diente Goethe auch als Figur, mit der er kritische Differenzen zum Koran kenntlich werden lassen konnte. So monierte der „Dichter der Frauen“, dass die muslimischen Vorstellungen vom Paradies ausschließlich männlich bestimmt waren. In diesem „Paradies der Männer“ sind zwar himmlische Frauen als Freudenspenderinnen dienlich, für irdische Frauen aber ist darin kein Platz. Katharina Mommsen schreibt: „Die offensichtliche Benachteiligung der Frau erschien Goethe als so charakteristische Eigenheit am Islam, dass er sich motiviert fühlte, in drastischer Weise auf sie aufmerksam zu machen.“

Goethe ist dem Islam mit Respekt, aber nicht mit Kritiklosigkeit begegnet. An vielen Stellen seines „Divan“ ist er voll beißenden Spotts. Für ihn ist, so schreibt er zum Verdruss mancher seiner muslimischen Rezipienten, Mohammed der „Verfasser jenes Buches“: der Koran nicht etwa göttliche Offenbarung, sondern ein von Menschenhand verfasstes Buch, das der historischen Kritik unterworfen und erst dadurch dem Dialog zugänglich ist. Goethes Auseinandersetzung mit dem Islam ist höchst modern – von ihm können wir lernen.

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