https://www.faz.net/-gsj-6kmev

Intelligenz-Forschung : Wir sind alle Schlümpfe

  • -Aktualisiert am

Auch in Schlumpfhausen gibt es eine intellektuelle Oberschicht... Bild: Lucas Wahl

Dass Intelligenz nicht vom Himmel fällt, hat die Debatte um Thilo Sarrazins Thesen gezeigt. Aber wo kommt sie dann her? Fest steht: Ein spezifisches Juden-Gen gibt es nicht. Genauso wenig wie ein Deutschen- oder ein Türken-Gen.

          Eine Frage, die an jeden bayerischen Stammtisch passt: Was passiert, wenn eine Blondine von Österreich nach Deutschland übersiedelt. Antwort: In beiden Ländern sinkt der Intelligenzquotient.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Da können gleich zwei Bevölkerungsgruppen nicht drüber lachen. Wahr ist die Behauptung deshalb noch lange nicht, denn es gibt keine Studien, die belegen würden, dass der durchschnittliche IQ von Blondinen höher liegt als der österreichische, aber niedriger als der deutsche. Und selbst wenn es so wäre, hieße das immer noch nicht, dass Österreicher, Deutsche oder Blondinen von Geburt an so begriffsstutzig oder so gescheit sind, wie sie in Witzen gern dargestellt werden.

          Intelligenz „zu fünfzig bis achtzig Prozent erblich“?

          Gepflegte Vorurteile kommen ohne Fakten aus. Gefährlich wird es erst, wenn diese von vermeintlichen Autoritäten nachgeliefert werden. Deutschlands Intelligenz sei kollektiv im Sinkflug, weil muslimische Migranten einen immer größeren Prozentsatz der Bevölkerung stellen, war die heftig diskutierte These der vergangenen Tage. Der gelernte Volkswirt Thilo Sarrazin unterfütterte sie in Interviews mit einer Handvoll Statistiken. Von da aus schlug er den Bogen zur Naturwissenschaft: Intelligenz sei nicht nur eine Frage des gesellschaftlichen Umfelds, sondern „zu fünfzig bis achtzig Prozent erblich.“ Aus der Sympathiekurve trug es ihn dann, als er auch noch die Bemerkung fallenließ, es sei schließlich bewiesen, dass „alle Juden ein bestimmtes Gen teilen“. Befragt, woher er das so genau wisse, gab er an, er habe das in der Zeitung gelesen; drei jüdische Mitbürger hätten es ihm außerdem schriftlich bestätigt.

          ... Die unten haben allerdings genauso viel zu sagen.

          Dies als die Privatmeinung eines notorischen Radaubruders abzutun, der in seinem Job bei der Bundesbank nichts anderes zu tun hat, wäre zu kurz gegriffen. In allen Meinungsforen der großen Medien dieses Landes findet Sarrazin breite Unterstützung. Die Medien selbst machten zu Beginn der Debatte nahezu einhellig Front gegen ihn. Selten haben öffentliche und veröffentlichte Meinung so auseinandergeklafft. Allein deshalb verdient der unter Berufung auf die Wissenschaft vorgetragene Aspekt seiner Behauptungen eine ernsthafte Auseinandersetzung.

          Austausch mit der lokalen Bevölkerung

          Angefangen mit der letztgenannten: Gibt es ein Gen, das alle Juden besitzen, aber andere Bevölkerungsgruppen nicht? Das kann man in dieser Schlichtheit vergessen. Beim Judentum handelt es sich einerseits um eine Glaubensgemeinschaft, die im Laufe ihrer langen Geschichte unter anderem im Vorderen Orient, Europa, Afrika, Nordamerika und sogar in China Heimat fand. Überall kam es zum Austausch mit der lokalen Bevölkerung. Genetisch verfolgen lässt sich beispielsweise die Abstammung des männlichen Y-Chromosoms; dabei stieß man unter anderem auf eine gemeinsame Linie, der heute siebzig Prozent der israelischen Juden und fünfzig Prozent der arabischen Palästinenser angehören.

          Andererseits definieren sich Angehörige des jüdischen Glaubens auch als Volk mit gemeinsamen Wurzeln. Das steht nicht im Widerspruch zum eingangs Genannten: Statistisch gesehen finden sich bei ihnen manche Erbanlagen häufiger als bei Nichtjuden. Am bekanntesten ist das Beispiel der Aschkenasim, die vom fünften Jahrhundert an in Nord- und Osteuropa lebten und heute eine starke Gemeinde in den Vereinigten Staaten bilden. Ihr relativ enger Verwandtschaftsgrad ist mehrfach untersucht worden, vor allem deshalb, weil sie ein erhöhtes Risiko für erbliche Stoffwechselkrankheiten wie das Tay-Sachs-Syndrom tragen. Jüngste Erbgutanalysen, bei denen es nicht um Gene, sondern nur um kurze DNA-Abschnitte ging, zeigen außerdem, dass auch die aus Spanien und Portugal stammenden Sefarden und die im Orient beheimateten Juden genetische Gemeinsamkeiten besitzen, die in benachbarten Bevölkerungsgruppen seltener zu finden sind.

          Komplexes Zusammenspiel von Anlagen und Umwelt

          Ein spezifisches Juden-Gen gibt es also nicht. Genauso wenig wie ein Deutschen- oder ein Türken-Gen. Das ist auch nicht zu erwarten. Nur sehr wenige Eigenschaften des Menschen werden von einem einzigen Gen diktiert. Genetiker der ersten Stunde haben vor allem solche monogenen Merkmale studiert – mit der fatalen Folge, dass heute noch angebliche Gene für Frömmigkeit, Jähzorn oder Homosexualität durch die Medien geistern. Die auch schon oft wiederholte Wahrheit ist, dass praktisch alle physischen oder psychischen Attribute des Menschen durch ein komplexes Zusammenspiel von Anlagen und Umwelt hervorgerufen werden, die sich experimentell kaum voneinander trennen lassen.

          Wie viel von unserem Verhalten bereits bei der Geburt angelegt ist und wie viel erst erlernt werden muss, ist eine Frage, die nicht einmal eine Serie von Kaspar-Hauser-Versuchen beantworten könnte. Man kann vielleicht schon an dieser Stelle Zweifel anmelden, ob eine Forschung, die erstens ohne überprüfbare Grundannahmen und zweitens ohne adäquate Werkzeuge auskommen muss, überhaupt sinnvoll ist. Aber so viel zeigt die Resonanz auf Sarrazins Thesen denn doch: Das Interesse an einfachen Erklärungsmustern ist riesengroß.

          Intelligenztests setzen gute Sprachkenntnisse voraus

          Dass es individuelle Unterschiede in der messbaren Intelligenz gibt, bestreitet niemand. Doch noch vor der Frage, ob das am Erbgut liegt, stellt sich eine andere. Was heißt Intelligenz? Und was heißt messbar? Die einzige Definition, auf die sich Psychologen bislang einigen konnten, lautet durchaus selbstreferentiell: Intelligenz ist das, was man mit Intelligenztests messen kann.

          Manche Tests ermitteln nur die Geschwindigkeit, mit der Probleme gelöst werden. Andere spüren dem Sprachverständnis nach, dem Allgemeinwissen, dem räumlichen Vorstellungsvermögen oder dem logischen Denken. Am verbreitetsten ist ein Test, der nach dem amerikanischen Psychologen David Wechsler benannt wurde. Allerdings setzt er gute Sprachkenntnisse voraus, Gastarbeiter und Immigranten schneiden dabei automatisch schlechter ab. So gab es in den Vereinigten Staaten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ernste Sorgen, die zahlreich ins Land strömenden italienischen Einwanderer könnten die Nation intellektuell in den Ruin treiben; tatsächlich hatten sie nur die Testfragen nicht verstanden. Innerhalb von dreißig Jahren gelang es ihnen mühelos, mit den Amerikanern gleichzuziehen.

          Vergleich von Äpfeln mit Birnen

          Man hat aus diesem Grund sprachfreie Intelligenztests entwickelt. Aber auch sie sind kulturabhängig. Mitgliedern vom Stamm der Kpelle in Liberia beispielsweise legte man verschiedene Gegenstände vor, die sie zu Gruppen sortieren sollten. Anstatt nun alle Werkzeuge auf einen Haufen zu legen und alle Lebensmittel auf einen anderen, ordneten sie wie selbstverständlich Kartoffeln dem Messer zu, weil man ja Kartoffeln mit dem Messer schält. Gut, sagten die Forscher, so machen es weise Menschen, aber wie würden es Idioten tun? Schon landeten Messer und Hammer auf einem Haufen. Nach westlichem Verständnis hätten die Kpelle mit einem Intelligenzquotienten nahe der Debilitätsgrenze abgeschnitten, nach ihren eigenen Begriffen waren sie völlig normal.

          In der psychologischen Literatur sind mittlerweile weit mehr als hundert verschiedene Intelligenztests beschrieben worden. Allein das legt den Vergleich von Äpfeln mit Birnen nahe, wenn irgendwo Bemerkungen über kollektive Unterschiede im Intelligenzquotienten fallen. Nicht einmal die Ergebnisse ein und desselben Tests lassen sich miteinander vergleichen. So stolperte der amerikanische Sozialwissenschaftler James Flynn Mitte der achtziger Jahre über Daten, nach denen es so aussah, als habe die Intelligenz von niederländischen Jugendlichen innerhalb einer Generation um sieben Punkte zugenommen. Statt mit durchschnittlich Begabten hatte man es nun offenbar mit Höherbegabten zu tun. Als die Psychometriker darangingen, andere Testreihen zu untersuchen, stellten sie fest, dass der Flynn-Effekt universal war. Überall auf der Welt schienen die Kinder Jahr für Jahr schlauer als ihre Eltern zu werden, wobei diese immer noch klüger als die Großeltern waren. Rechnete man zurück, hieß das, dass Jugendliche an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert nach heutigen Maßstäben fast ausnahmslos unter geistiger Behinderung gelitten haben mussten. Wie hatten sie es dennoch zum Arzt oder zum kaiserlichen Beamten gebracht?

          Intelligenzunterschiede auf Variationen im genetischen Code zurückzuführen

          Der Flynn-Effekt ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Fähigkeit, Intelligenzfragen zu beantworten, eine kulturelle Anpassung an bestimmte Denkmuster ist. Denn innerhalb von zwei oder drei Generationen können sich genetische Grundlagen gar nicht so gravierend ändern. Wenn es sie denn überhaupt gibt.

          An Versuchen, sie zu finden, hat es nicht gefehlt. Letztlich gehen alle Aussagen über Vererbung und Intelligenz auf Studien an Zwillingen zurück. Eineiige Zwillinge unterscheiden sich höchstens minimal im Genom, während zweieiige Zwillinge genetisch gesehen normale Geschwisterpaare sind. Ein Vergleich zwischen beiden Gruppen sollte also zeigen, wie groß der Anteil des Erbguts ist und was im Gegensatz dazu diverse Umweltfaktoren wie Elternhaus, Ernährung oder soziales Umfeld beitragen.

          Irrtümer, maßlose Übertreibungen und Fälschungen

          Die Geschichte der Zwillingsstudien war nicht frei von Irrtümern, maßlosen Übertreibungen und Fälschungen. Aber immerhin stützen die seriösen Ergebnisse Sarrazins Behauptung, fünfzig bis achtzig Prozent der menschlichen Begabung seien erblich. Die Bandbreite der Schätzungen legt allerdings den Verdacht nahe, dass es sich um keine besonders exakte Wissenschaft handelt. Fünfzig Prozent würden, salopp gesagt, bedeuten, dass alles Jacke wie Hose ist. Achtzig Prozent dagegen hieße: Geistig Minderbemittelte, die in den intellektuellen Wettbewerb treten, sollten alle Hoffnung fahrenlassen. Bildung wird ihnen nicht helfen, sie können zufrieden sein, wenn sie es bis zum Müllkutscher bringen.

          Sichtet man den Studienberg, bleibt die Feststellung: In den entwickelten Ländern mit allgemeiner Schulpflicht ist mindestens die Hälfte der beobachteten Intelligenzunterschiede auf Variationen im genetischen Code zurückzuführen. Im Fachjargon wird dieser Anteil als „Heritabilität“ bezeichnet.

          Körpergröße von Gesundheit und Einkommen abhängig

          Weil es sich dabei um eine statistische Größe handelt, schwankt das Ergebnis von Fall zu Fall. Mit der Erblichkeit von Intelligenz verhält es sich ähnlich wie mit der Erblichkeit der Eigenschaft Körpergröße. Wie groß ein Erwachsener wird, ist zu einem großen Teil, nämlich sogar zu achtzig Prozent in seinen Genen festgeschrieben. Im Durchschnitt werden Männer hierzulande 1,78 Meter groß, Frauen 1,65. Doch es gibt auch viele Frauen, die selbst große Männer überragen, und umgekehrt Männer, die selbst zu kleinen Frauen aufblicken müssen. Und es gibt unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, deren Durchschnittsgröße voneinander abweicht. Das wiederum hängt von den Lebensbedingungen ab: Menschen in einem Land mit ursprünglich kleineren Bewohnern können deutlich über sich hinauswachsen, wenn sich Gesundheit und Einkommen verbessern. So sind die Bewohner Südkoreas inzwischen im Schnitt 15 Zentimeter größer als ihre Nachbarn im Norden, obwohl sie mit denen genetisch eng verwandt sind.

          Bezogen auf die Bildungsdebatte, heißt das: Würden wir in einer Gesellschaft absoluter sozialer Gleichheit leben, in der jedes Neugeborene identische Umweltbedingungen vorfände, dann ließen sich alle verbleibenden Intelligenzunterschiede auf Vererbung zurückführen. Weil dem aber nicht so ist, kommen weniger begabte Kinder aus wohlhabenden Familien in der Regel immer noch weiter als begabtere aus armen Schichten. Ein Sohn reicher Eltern kann auf dem Internat gefördert werden, bis er seine angeborenen intellektuellen Fähigkeiten zu hundert Prozent ausgeschöpft hat. Ein Hartz-IV-Kind, das eine schlechte Schule besucht, kann seine Intelligenz dagegen nur zu einem Teil entwickeln, auch wenn sie von Geburt an höher liegen sollte.

          Schlechte Umgebung unterdrückt vorhandene Intelligenz

          Wohlmeinenden Bildungspolitikern kommt dieses Argument sicher nicht neu vor. Für Soziobiologen alter Schule ist es dagegen eine echte Überraschung. Denn die Zwillingsstudien, auf die sie sich ursprünglich bezogen, wurden fast ausschließlich an Familien der Mittelklasse durchgeführt. Dort schien die Heritabilität einigermaßen konstant bei 55 Prozent zu liegen. Gab man eines von zwei eineiigen Geschwistern zur Adoption in eine reichere Familie, änderte sich an seinem IQ kaum etwas. Es konnte sein Potential, verglichen mit dem zurückgebliebenen Zwilling, nicht weiter steigern. Das Erbgut markierte die Grenze, bessere Lebensbedingungen änderten nichts daran. Erst in jüngster Zeit fiel der Blick der Zwillingsforscher dann auch auf ärmere, in chaotischeren Zuständen lebende Familien. Dort stellten sie zu ihrer Verblüffung eine deutlich geringere Heritabilität fest. Der IQ von Kindern, die aus solchen Verhältnissen in bessere kamen, stieg um 12 bis 18 Punkte, was im Vergleich zu ihren zurückgebliebenen Geschwistern rein rechnerisch nur noch eine Heritabilität von 39 Prozent ergab. Da aber die Vererbungsregeln unter den Rockefellers nicht anders funktionieren als unter Proleten, bleibt nur ein einziger Schluss: Schlechte Umgebung unterdrückt vorhandene Intelligenz.

          Wie so oft in der Intelligenzforschung kommt bei näherem Hinsehen also nur eine Binsenweisheit heraus: Unterhalb einer bestimmten, durchs Erbgut festgelegten Schwelle wächst die Intelligenz von Heranwachsenden umso stärker, je besser ihre Umwelt sie fördert. Im Erwachsenenalter ist das anders: Erkennt erst der Gefängnispsychologe eine Hochbegabung, ist es zu spät.

          „Gene für Intelligenz“?

          Für echte Kontroversen taugt diese Feststellung nicht. Bleibt weiterhin die Behauptung, es gäbe „Gene für Intelligenz“. Irgendwo im Erbgut müssen tatsächlich Informationen niedergelegt sein, die kognitive Prozesse in die eine oder andere Richtung steuern. Fünfzig vermeintliche Intelligenz-Gene wurden bislang ins Visier genommen. Doch in rund zweihundert einschlägigen Studien konnte noch kein einziges Stück Erbgut dingfest gemacht werden. Mittlerweile scheint es extrem unwahrscheinlich, dass einzelne Gene die beobachteten Unterschiede menschlicher Intelligenz erklären können. Man hätte sie längst entdeckt. Selbst wenn eines Tages welche gefunden würden, dürften sie, jedes für sich genommen, deutlich weniger als ein Prozent aller Intelligenzunterschiede erklären.

          Wenn Intelligenz zum Teil erblich ist, Forscher aber keine Gene finden - wie passt das zusammen? Vielleicht liegt es daran, dass die Instrumente der Genetik nur solche Erbanlagen aufspüren, die sich negativ auf die Intelligenz auswirken. Dann wären wir alle von Natur aus Genies, sofern wir nicht eine oder mehrere seltene Mutationen tragen, die uns zu Durchschnittsdenkern machen. So oder so bleibt es für Eltern ein Lotteriespiel: Die mögliche Zahl der Genkombinationen ihres Nachwuchses ist so hoch, dass niemand Voraussagen über dessen IQ wagen wird. Die statistische Verteilung von Intelligenz, die mathematisch einer Glockenkurve folgt, lässt nur vermuten, dass Kinder von Hochbegabten eher weniger begabt sein werden und Kinder von weniger Begabten eher begabter als ihre Eltern.

          Und was ist nun mit den Muslimen?

          Und was ist nun mit den Muslimen? Sind sie im Schnitt dümmer oder nicht? Kein Mensch kann diese Frage beantworten. Zum einen, weil es auf der ganzen Welt schätzungsweise 1,5 Milliarden Anhänger des Islams gibt, die weder ethnisch noch kulturell in eine Schublade passen. Und schon gar nicht genetisch. Ein Muslim-Gen hat nicht einmal Thilo Sarrazin ins Feld geführt. Flächendeckende oder auch nur halbwegs repräsentative Intelligenzstudien sind weder aus der Türkei noch aus anderen arabischen Ländern bekannt. Vor acht Jahren erschien allerdings ein Buch des inzwischen emeritierten nordirischen Psychologen Richard Lynn, von dem Sarrazin möglicherweise den Begriff der „Dysgenik“, also des allgemeinen Niedergangs wertvollen Erbgutes, abgeschaut hat. In „IQ and the Wealth of Nation“, als dessen Ko-Autor Tatu Vanhanen, der Vater des vor kurzem abgewählten finnischen Ministerpräsidenten fungiert, wird der Versuch unternommen, das Bruttosozialprodukt aller Staaten dieser Erde mit dem Intelligenzquotienten ihrer Einwohner in Verbindung zu setzen. In der Hälfte aller Fälle fanden die Autoren keine Daten vor und behalfen sich mit dem Mittelwert des IQ der Nachbarstaaten. Auf den ersten Plätzen landeten auf diese Weise Südkorea (106 Punkte), Japan (105) und Taiwan (104). Deutschland und Österreich, nebenbei gesagt, lagen mit 102 gleichauf. Die Türkei schaffte es gerade noch auf Platz 41 (90). Schlusslichter waren Sierra Leone (64), Äthiopien (63) und Guinea (59), wo nach unseren Maßstäben augenscheinlich Schwachsinnige leben.

          Am Beispiel Äthiopien, einem Land, in dem immerhin achtzig verschiedene Sprachfamilien zu Hause sind, kann man gut zeigen, was von solchen Zahlen zu halten ist. Gewonnen wurden sie 1989 mit Hilfe eines nonverbalen Multiple-Choice-Tests, und zwar an einer Gruppe von 250 äthiopischen Jugendlichen, die vom israelischen Geheimdienst unter dramatischen Umständen aus ihrer von Bürgerkrieg und Hungersnot geschüttelten Heimat ausgeflogen worden waren. Sie gehörten zum Stamm der Falasha, die seit Jahrhunderten in der Diaspora lebten und sich zum jüdischen Glauben bekannten, bis ihnen das Recht zuerkannt wurde, israelische Staatsbürger zu werden. Unterernährt und traumatisiert durch den Verlust von Familienangehörigen, dazu noch neu in einer vollkommen ungewohnten Umgebung, schnitten die Jugendlichen zunächst mit dem erwähnten Intelligenzquotienten von 63 ab. Nachdem sie eine Vorschule und spezielle Lernprogramme absolviert hatten, änderte sich der Wert dramatisch: Nach ein paar Jahren waren ihre Testergebnisse nicht mehr von denen ihrer Mitschüler zu unterscheiden.

          „IQ and the Wealth of Nation“ ist nach wie vor im Handel. Beim Buchversand Amazon, wo sich Volkes Stimme gern in Rezensionen äußert, wird das Werk dieser beiden „außergewöhnlich kenntnisreichen und mutigen Professoren“ in höchsten Tönen gelobt. Das wird Thilo Sarrazin freuen.

          Weitere Themen

          Filmstars gegen die AfD Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Görlitz : Filmstars gegen die AfD

          Am Sonntag wird in einem zweiten Wahlgang in Görlitz der Oberbürgermeister gewählt. Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte AfD-Kandidat Sebastian Wippel mit 36,4 Prozent die meisten Stimmen. Um die Wahl des AfD-Kandidaten zu verhindern, haben Filmgrößen wie Daniel Brühl und Armin Rohde in einem offenen Brief die Wähler ermahnt, "weise" zu wählen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.