https://www.faz.net/-gsj-6kns9

Intelligenz von Menschen und Ethnien : Was ist dran an Sarrazins Thesen?

  • -Aktualisiert am

Thilo Sarrazin am Montag nach einer Radiodiskussion in Berlin Bild: AFP

Die Arbeiten der Entwicklungspsychologen und Begabungsforscher Heiner Rindermann und Detlef Rost wurden zu den wichtigsten Quellen für Thilo Sarrazins Deutschland-Buch. Jetzt schreiben sie, was an Sarrazins Thesen ihrer Meinung nach Bestand hat - und was nicht.

          11 Min.

          Die deutsche Öffentlichkeit erfährt durch das enorme Echo auf Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ manche als politisch nicht „korrekt“ angesehene und tatsächlich auch gesellschaftlich heikle Details über das Zusammenspiel von Intelligenz, Wirtschaft, Religion und Demographie. Für viele ist es schockierend, dass Intelligenz im Kontext von Minderheiten, Vererbung und dem Islam genannt wird. Es besteht die Gefahr der Stereotypisierung: Als Folge können Angehörige der benannten Gruppen unabhängig von ihren individuellen Merkmalen mit negativen Attributen belegt werden. Deshalb ist bei diesen Themen besondere Sorgfalt in Forschung und Begrifflichkeit - politisch wie ethisch - geboten.

          Sarrazins Bestseller ist gespickt mit Zahlen, Tabellen, deutschen und englischen Zitaten und Forschungsergebnissen aus den Bereichen Intelligenz, Bildung, Wirtschaft, Kultur und Demographie, die unter dem Gesichtspunkt der Relevanz für Gesellschaft und Kultur miteinander verknüpft werden. Sarrazin argumentiert, zumindest was das Psychologische angeht, für einen Laien bemerkenswert differenziert; Korrelation wird von Kausalität unterschieden, andere Ansichten werden zitiert und argumentativ bewertet.

          Stichprobenartig haben wir im Buch abgedruckte Tabellen mit den jeweiligen Quellen verglichen und Sarrazins Berechnungen nachgeprüft; nennenswerte Fehler konnten wir in diesen Stichproben nicht finden. Obwohl fachfremd, scheint Sarrazin das, was er in psychologischen Fachbüchern gelesen hat, im Wesentlichen verstanden zu haben. Manche Details hätte man aber präziser und ausführlicher darstellen können.

          Sarrazins Buch ist im Grunde genommen eine Art bürgerlicher Kampfschrift für Stabilität und Disziplin, Eigenverantwortung und Leistungsprinzip, Realismus und Pragmatismus, Erziehung und Fleiß. Gestützt auf unsere Expertise als Psychologen, fokussieren wir in unserem Beitrag Sarrazins fünf intelligenz- und bildungsbezogenen Hauptthesen.

          Hängt Wohlstand von Intelligenz ab oder Intelligenz von Wohlstand?

          Dass kognitive Kompetenzen nicht wenig mit nachhaltigem Wirtschaftserfolg zu tun haben, stellt die Grundlage der durch die Wirtschaftsorganisation OECD durchgeführten Pisa-Studien dar. Empirische Untersuchungen belegten enge Zusammenhänge zwischen kognitiven Kompetenzen - seien sie durch Intelligenztests oder durch Schulleistungstests gemessen - und dem Bruttoinlandsprodukt wie dem Wirtschaftswachstum. Unklar ist jedoch der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang: Führt Intelligenz zu Wohlstand, oder ist es nicht vielmehr umgekehrt, hat Wohlstand eine bessere Intelligenz zur Folge? Stehen vielleicht hinter diesem Zusammenhang unbekannte weitere Faktoren?

          Erst bei einer Feinanalyse der Zusammenhänge wird deutlich, dass insbesondere das Fähigkeitsniveau der etwa fünf Prozent kognitiv Leistungsfähigsten einer Gesellschaft besonders relevant ist, weil diese Personen für technische Innovationen und deren Adaptation, für die Steuerung in Betrieben und Verwaltungen und für die Funktionalität komplexer Systeme die größte Verantwortung tragen. Außerdem sind kognitive Kompetenzen von der Qualität der Erziehung und Bildung abhängig. Intelligenz ist immer ein in Kausalnetze eingebundener Faktor. Je komplexer ein Wirtschaftssystem ist, desto mehr hängen seine Erfolge von kognitiven Kompetenzen ab.

          Daneben sind Bildung und Kompetenzen auch für politische Einstellungen und Institutionen bedeutsam, für Toleranz, Liberalität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit: Mehrheitsprinzip und Entscheidungsfindung über Wahlen implizieren, dass die Mehrheit der Wähler erkennen kann, was gut für sie und für das Land ist, dass abweichende Meinungen toleriert werden und dass Personen bestimmte demokratische Werthaltungen teilen. Größere Untersuchungen zur kognitiven Epidemiologie haben belegt, dass Bildung und Intelligenz, auch unabhängig vom Wohlstand, positiv mit Gesundheit und Lebenserwartung zusammenhängen. Internationale Unterschiede in der HIV-Belastung lassen sich beispielsweise besser durch Unterschiede in Bildung und Intelligenz erklären als durch Wohlstandsdivergenzen. Intelligentere Personen verhalten sich dank Einsicht und Wissen im Durchschnitt gesünder und verfügen über eine höhere biopsychische Systemintegrität. Nicht zuletzt ermöglicht Intelligenz über den Erfolg in Ausbildungssystemen und Beruf, in gesündere Umwelten zu gelangen.

          In all diesen Wirkprozessen dürfen die vielfach belegten Zusammenhänge mit der allgemeinen Intelligenz nicht deterministisch interpretiert werden; eine höhere Intelligenz erhöht lediglich Wahrscheinlichkeiten für positive Effekte und senkt diese für Risiken. Die Genese von Intelligenz ist weniger auf ökonomische Faktoren als auf kulturell-pädagogische und auf heute im Einzelnen noch unbekannte genetische Determinanten zurückführbar. Damit steht diese Position einem deterministischen Sozialkausalmodell entgegen: Nicht äußere, vom Individuum, einer Familie oder einer Gesellschaft unbeeinflussbare Faktoren, sondern interne, mindestens teilweise veränderbare Faktoren, sind entscheidend. Diese gegensätzlichen Denkweisen sind vielleicht auch mitverursachend für die Heftigkeit der Diskussion um Sarrazins Buch.

          Ist Intelligenz das Ergebnis von Erb- oder von Umwelteinflüssen?

          Zur Erklärung, warum sich einzelne Personen voneinander unterscheiden, sind Merkmale der familiären Umwelt von großer Bedeutung: Hinter elterlichen Bildungs- und Erziehungsmerkmalen, bildungsmaterieller Ausstattung und Quantität wie Qualität von Gesprächen der Familienmitglieder untereinander können aber auch unerkannte genetische Faktoren stehen. Aufgrund vieler Zwillings-, Adoptions- und Patchworkfamilienstudien aus unterschiedlichsten Ländern wissen wir, dass sich Intelligenzunterschiede von Menschen zu fünfzig bis achtzig Prozent durch genetische Faktoren aufklären lassen; bei Älteren und unter günstigen Umweltbedingungen ist der Einfluss genetischer Faktoren auf die interindividuelle Variabilität kognitiver Leistungen stärker als bei jüngeren Kindern und unter ungünstigen Umweltbedingungen. Die von Sarrazin angeführten Zahlen, die sich auf die Bedeutung der Genetik für Intelligenzunterschiede beziehen, sind korrekt.

          Für das Intelligenzwachstum ist dagegen das Bildungssystem (Krippe, Kindergarten, Schule, Universität) ein entscheidender Faktor. In der Kindheit und Jugend nimmt die kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen immer weiter zu, und zwar pro Jahr um ca. fünf IQ-Punkte. Rund achtzig Prozent dieses Intelligenzzuwachses gehen auf das Konto der Schule.

          Wie ist man zu dieser Erkenntnis gelangt? Sie ist nicht einfach zu gewinnen, weil in praktisch allen Schulsystemen das Lebensalter und die Schulbesuchsdauer miteinander konfundiert sind. Kinder werden älter, und gleichzeitig gehen sie entsprechend länger zur Schule. Was ist der dominante Wirkfaktor für den Zuwachs an kognitiver Leistungsfähigkeit? Das Alter? Die Dauer des Schulbesuchs?

          Bedingt durch die Stichtagsregelung bei der Einschulung befinden sich in jeder Schulklasse jüngere und ältere Kinder; die jüngsten und ältesten eines Schuljahrgangs weisen eine Lebensaltersdifferenz von bis zu zehn Monaten auf, sieht man einmal von vorzeitig Eingeschulten oder Sitzengebliebenen ab. Der Vergleich der Testleistungen solcher Schülergruppen mit unterschiedlicher Beschulungsdauer zum Zeitpunkt ihres zehnten Geburtstags belegt, dass jeder absolvierte Schulmonat je nach Tests zu einem Intelligenzzuwachs von etwa 0,2 bis 0,5 IQ-Punkten führt. Das führt zur Erkenntnis, dass etwa zwanzig Prozent des individuellen Intelligenzzuwachses auf Reifungseffekte und außerschulischen Anregungen, aber fast achtzig Prozent auf den genossenen Unterricht zurückführbar sind.

          Die Relevanz dieses Befundes im Zusammenhang mit der Förderung kognitiv benachteiligter Migrantenkinder ist offensichtlich. Unterricht ist aus Sicht der Psychologie ein besonders intensives, besonders breit und besonders langfristig angelegtes und damit besonders nachhaltiges kognitives Trainingsprogramm. Unterrichtserfolg hängt dabei nicht nur von Techniken der Klassenführung und der Didaktik und damit von Kompetenzen der Lehrkräfte ab, sondern auch von dem, was die Schüler mitbringen: Gute Schulen sind auch wegen ihrer guten Schüler gut. Schwache und schwierige Schüler benötigen besonders gut ausgebildete und engagierte Lehrkräfte.

          Variiert Intelligenz in modernen Gesellschaften mit Schichtung?

          In einer ständischen oder Kastengesellschaft wird der Lebenserfolg mit der Geburt weitgehend unabhängig von der eigenen Leistung festgelegt. Niedrig geboren, niedrig gestorben. In offenen Gesellschaften hängt der spätere Status wesentlich auch von individuellen Kompetenzen ab. In hochentwickelten Ländern werden Berufs- und Lebenschancen vor allem über Erfolge im Bildungssystem verteilt. Da Intelligenz ein besonders wichtiger Faktor für den Schul-, Studien-, Ausbildungs- und Lebenserfolg ist (daneben spielen natürlich auch Persönlichkeitsmerkmale wie Motivation, Fleiß, Arbeitshaltung, Selbstdisziplin und Gewissenhaftigkeit eine Rolle), wird sich langfristig, wenn Leistung eher zum Aufstieg und Nichtleistung zum Abstieg führen, eine Schichtung nach Intelligenz und Persönlichkeit einstellen. Je meritorischer eine Gesellschaft ist, desto weniger Ressourcen verbleiben in unteren Schichten, da intelligentere Personen aufsteigen bzw. aufgestiegen sind und ihre Intelligenz über Gene und durch ein intellektuell stimulierendes Entwicklungsmilieu zu nennenswertem Anteil an ihre Kinder weitergeben. Studien aus England haben beispielsweise gezeigt, dass intelligente Kinder aus der Unterschicht aufsteigen können, wenig intelligente Kinder aus der Oberschicht steigen aber nahezu nicht ab; es gibt damit eine Aufstiegsmeritokratie, keine Abstiegsmeritokratie.

          Extreme Unterschiede in der Qualität elterlicher Entwicklungsmilieus stabilisieren eine solche Schichtung: Für die Vereinigten Staaten konnten Betty Hart und Todd Risley feststellen, dass dreijährige Kinder aus „Welfare“-Familien von ihren Eltern etwa zehn Millionen Wörter gehört haben, gleichalte Kinder aus „Professional“-Familien von ihren Eltern aber schon dreißig Millionen Wörter. Manche Eltern schienen kaum mit ihren Kindern zu sprechen. Ausschlaggebend für Intelligenz- und Sprachentwicklung der Kinder war hier nicht so sehr die Schichtzugehörigkeit oder Ethnie, sondern die Erziehungsqualität und insbesondere das Sprechverhalten der Eltern, was, und das darf nicht ausgeschlossen werden, genetisch mitbeeinflusst ist.

          Diese Studie gibt einen Hinweis, dass und wie (nicht nur) Migrantenkinder schon früh und nachhaltig intellektuell gefördert werden können: Erwachsene sollten mit kleinen Kindern möglichst viel und variantenreich sprechen und den Kindern möglichst viele Sprechanlässe geben. Migrantenkinder, bei denen die familiären Verhältnisse dies nicht zulassen, sollte man möglichst frühzeitig in eine Kinderkrippe aufnehmen, in der, und das ist sehr wichtig, eine hohe sprachliche Interaktionsdichte zwischen Betreuerin und Kind gewährleistet ist, was ausgesprochen kleine Gruppengrößen erfordert, Ähnliches gilt auch für Kindergärten. Das kostet kurzfristig viel Geld, bringt langfristig aber hohe volkswirtschaftliche Renditen.

          Gibt es einen Zusammenhang von Intelligenz und muslimischer Kultur?

          Sarrazins Thesen zum Zusammenhang von Migration, Bildung und Intelligenz sind besonders umstritten. Vorab ist festzuhalten, dass empirische Studien stets nur Mittelwerte berichten. Es gibt eine beträchtliche Variabilität innerhalb der Gruppen, zwischen verschiedenen Gruppen existieren große Überlappungen. Mittelwertsunterschiede führen aber auch zu unterschiedlichen Häufigkeiten schwacher und günstiger Werte. Für die Praxis kann immer nur das Individuum von Bedeutung sein.

          In der Tat schneiden türkische Immigrantenkinder in Schulleistungs- und Intelligenzteststudien schwach ab. Diese Werte korrespondieren mit ähnlichen Werten in den Herkunftsländern und einer geringeren Bildung Erwachsener sowie einem intellektuell weniger stimulierendem Familienklima. Deshalb sind die Befunde vermutlich gültig. Die Ergebnismuster sind über die Einwanderungsländer hinweg recht robust; dennoch gibt es beachtliche Unterschiede: Türkischstämmige Schüler in den Niederlanden schneiden besser ab als türkischstämmige Kinder in Deutschland, in Bayern Migranten besser als in Berlin. Die Leistungen von Schülern, nicht nur von Immigranten, hängen also sowohl von Faktoren ab, die die Schüler mitbringen, als auch von länderspezifischen Besonderheiten (z. B. Qualität des Schulsystems).

          Sarrazin weist auf die genetischen Auswirkungen der Heirat von Verwandten hin, was in muslimischen Gesellschaften weniger verpönt ist, wohl aber in christlich-jüdischen Gesellschaften mit Ausnahme der Adelshäuser. Bei Cousin-Cousinen-Ehen ist im Schnitt die Intelligenz der Nachkommen um drei IQ-Punkte abgesenkt; hinzu kommt ein erhöhtes Risiko für Krankheiten. Nach internationalen Statistiken werden in der Türkei 21 Prozent aller Ehen zwischen Verwandten geschlossen, in Afghanistan 55 Prozent, in Pakistan 61 Prozent, im Schnitt der muslimischen Länder 32 Prozent. In Westeuropa liegt die Häufigkeit unter einem Prozent. Das würde, auf ein muslimisches Land hochgerechnet, etwa eine Beeinträchtigung von maximal ein bis zwei IQ-Punkten ergeben. Rechnet man hypothetisch Folgeeffekte auf Kinder über die Erziehung und Mehrfachverwandtenheiraten hinzu, dann könnten es bis zu drei oder vier IQ-Punkte sein. Verwandtschaftsehen klären damit nur einen kleineren Anteil der Differenz von im Mittel 10 bis 20 IQ-Punkten auf.

          Wichtiger sind die kulturellen Faktoren, die unter anderem zu diesen Verwandtenheiraten führen, aber noch entscheidender ist die Wertschätzung des Denkens. Es ist schwierig, die Wirkung von Weltanschauungen auf die Erziehung, damit auf Intelligenz und umgekehrt von Intelligenz auf Kultur zu bestimmen. Kritisch sind für herkömmliche Strömungen des Islams die Traditionen autoritären Auswendiglernens, mangelnde Orientierung zum Selberdenken und autoritäre Erziehung in Familien. Hinzu kommen eine gescheiterte Geschichte der Aufklärung, die geringe Bildung von Frauen und damit der Mütter, ein generell geringes Bildungsniveau der Eltern, das aufzuholen ein bis zwei Generationen dauert. Und schließlich gibt es im Arabischen noch Sprach- und Schriftprobleme.

          Das alles ist aber nicht festgezurrt, sondern kann verändert werden. In vielen muslimischen Ländern ist eine Verbesserung der Bildungssituation beobachtbar: So hat die Türkei die Schulpflicht von fünf auf acht Jahre hochgesetzt. In Iran gibt es seit jeher eine aktive Intellektuellen- und Universitätsszene. In den Golfstaaten werden Universitäten gegründet, welche aber hauptsächlich als Ausbildungsschulen, kaum als lebendige Zentren für geistige Auseinandersetzung und Forschung konzipiert sind. Es gibt also in vielen muslimisch geprägten Staaten erste, noch nicht ausreichende Reformen zur Verbesserung von Schule und Unterricht.

          Sinkt die Intelligenz der nachfolgenden Generationen?

          Aufgrund abnehmender Kinderzahlen in bildungsorientierten Familien haben verschiedene Forscher eine Intelligenzabnahme postuliert. Thilo Sarrazin berechnet je Generation einen zukünftigen Verlust um einen IQ-Punkt, Richard Lynn für fünfzig Jahre und weltweit 1,3 Punkte, und Gerhard Meisenberg geht weltweit je Jahrzehnt von 1,3 Punkten aus. Die Zahlen unterscheiden sich aufgrund unterschiedlicher Modellannahmen. Empirisch beobachtbar war im 20. Jahrhundert aber genau der gegenteilige Effekt, ein Anstieg der Intelligenz pro Dekade um im Schnitt drei bis fünf IQ-Punkte. Dieser Intelligenzanstieg manifestierte sich stärker in Denkaufgaben, die logisches Schlussfolgern erfassen, und weniger in wissensnahen Aufgaben wie Wortschatzfragen. Der Intelligenzzuwachs scheint sich in Industrieländern abgeschwächt zu haben, in Entwicklungsländern ist der Anstieg seit etwa einer Generation besonders stark.

          Eine stärkere genetische Bedingtheit ist wegen der Geschwindigkeit, mit der sich der Anstieg vollzogen hat, nicht wahrscheinlich. Für ihn selber dürfte es mehrere Ursachen geben, die simultan zusammenwirken: die Erhöhung der Schulbesuchsdauer und Unterrichtsqualität, die zunehmende Verbreitung vorschulischer Förderung in Kombination mit einer generellen Verbesserung der Ausbildung von Lehrern und Erzieherinnen; der Rückgang des mechanischen Auswendiglernens; die Intensivierung des Lesens und Betonung des kritisch-problemlösenden Reflektierens, insbesondere im Fach Mathematik.

          In Ergänzung dazu ist auch an ein verändertes Erziehungsverhalten vieler Eltern und an ihr gesteigertes Interesse an einer guten Förderung der Kinder zu denken, was insgesamt zu einer „intellektualisierteren“ Erziehung führt. Daneben wurden auch vielfältige andere Faktoren als mögliche Gründe thematisiert, vor allem bessere Ernährung (Vitamine, Eiweiß etc.), aber auch progressiv zunehmende Umwelt-Entwicklungsanreize, die Reduktion der Geburtenrate (d. h. mehr Zeit der Eltern für die Beschäftigung mit ihrem Kind), Exogamie und verbesserte medizinische Versorgung.

          Ein kurzes Fazit

          Sarrazins Thesen sind, was die psychologischen Aspekte betrifft, im Großen und Ganzen mit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar. Hier und da ließe sich sicher eine abweichende Gewichtung vornehmen. Massive Fehlinterpretationen haben wir aber nicht gefunden. Sarrazin macht auch Vorschläge zur Förderung von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern. Seine diesbezüglichen Anregungen sind vernünftig und unterscheiden sich wenig von denen, die in der aktuellen bildungspolitischen Diskussion auch von anderen geäußert werden (z. B. mehr Krippen; mehr und bessere Kindergärten; intensivierte Sprachförderung; Ganztagsschulen).

          Allerdings weist das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich keine extremen Defizite auf, und Ressourcen, die hier investiert werden sollen, müssten zunächst außerhalb dieses Systems erwirtschaftet werden. Auch darf man sich nicht einer Machbarkeitsillusion hingeben: Es gibt Grenzen der Förderung, letzten Endes muss immer die betreffende Person selbst lernen und selbst denken. Maßnahmen müssen psychologisch zielführend, politisch sinnvoll, von wohlwollender Verantwortung getragen und ethisch legitimierbar sein. Die Frage der Gene ist hier von nachgeordneter Bedeutung, zudem eine stärkere genetische Verankerung nicht automatisch Unveränderbarkeit bedeutet.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Von innen nach außen –  die zerstörten  Gleise der Ahrtalbahn bei Marienthal, daneben die zerstörte Bundesstraße B 267.

          Medienökologin über die Flut : „Es sind Bilder entfesselter Kräfte“

          Schutzmaßnahmen allein reichen nicht – wir brauchen neue Erzählungen, sagt die Medienökologin Birgit Schneider. Im Interview spricht sie über die Darstellung des Klimawandels und die Kluft zwischen Wissen und Handeln.

          Afghanistan : Eine Stadt in Angst

          Die Taliban stehen vor Kabul. Viele Einwohner der afghanischen Hauptstadt sind verzweifelt und fragen sich, ob sie fliehen sollen. Ein paar junge Frauen wollen kämpfen.

          Basketball-Star Luka Dončić : Schaut diesem Jungen zu!

          Luka! Die besten Basketballspieler werden beim Vornamen genannt. Der Slowene Dončić will in Tokio den Entertainern der USA die Show stehlen. Denn vielleicht ist seine erste Chance schon die letzte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.