https://www.faz.net/-gsj-6kdfz

Zum Umgang mit Sarrazin : Der übliche Prozess

Sarrazin wird wieder der übliche Prozess gemacht - auch von jenen, die erst die Einwanderung leugneten und dann die Probleme, die sie verursachte. Weit ist die Politik bei der Suche nach den Ursachen für das Scheitern der Integration nicht gekommen.

          1 Min.

          Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland einem Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank empfiehlt, in die NPD einzutreten. Nun könnte man sagen, es gehe ja nur um den berüchtigten Herrn Sarrazin. Doch legen Bestsellerlisten, Internetforen und Leserbriefe nahe, dass nicht wenige Deutsche dessen Beobachtungen und Ansichten teilen.

          Sollen auch sie der Empfehlung folgen und Mitglied der NPD werden? Immerhin wäre damit Sarrazin widerlegt: Deutschland würde dann nicht dümmer; es wäre dann schon dumm. Das könnte man auch ohne großen Mut behaupten. Wer den autochthonen Deutschen unterstellt, sie seien zu blöde zu begreifen, welche kulturelle Bereicherung ihnen etwa durch die Einwanderung aus Anatolien zuteil wird, muss nicht mit Rassismusvorwürfen und Rücktrittsforderungen rechnen.

          Sarrazin in der Statistik zu widerlegen versucht kaum jemand

          Sarrazin aber wird jetzt wieder der übliche Prozess gemacht. Die Richter entstammen nicht nur den Parteien, die meinten, das deutsche Wesen solle an möglichst viel Einwanderung genesen, sondern auch jenen, die erst diese Einwanderung leugneten und dann die Probleme, die sie verursachte. Seit diese nicht mehr abgestritten werden können - Sarrazin in der Statistik zu widerlegen versucht kaum jemand -, fällt wenigstens noch die Suche nach den Gründen für die gescheiterte Integration einseitig aus: Hauptsächlich die aufnehmende Gesellschaft sei schuld daran, weil sie den Einwanderern nicht in ausreichendem Maße Angebote mache, sich einzufügen.

          Viel weiter ist die Politik bei der Ursachenforschung nicht gekommen, da sind die Dogmen des Multikulturalismus vor. Daher erweisen sich die Parteien nach wie vor als weitgehend ratlos, wenn Einwanderer zwar die Sozialleistungen dieses Staates annehmen, nicht aber seine Einladung zur Integration. Dabei seien Sarrazins Äußerungen „überhaupt nicht hilfreich“, ließ Frau Merkel ihren Sprecher sagen. Die Kanzlerin als oberste Rezensentin der Republik - auch das erlebt man nicht allzu oft.

          Sie gesteht mit ihrer Stellungnahme, wenn auch kaum gewollt, Sarrazins Thesen Gewicht und Einfluss auf den Verlauf der Debatte zu. Den kann man bedauern und das Volk, das Sarrazins Zustandsbeschreibungen für zutreffender hält als die der üblichen Weichzeichner, für bestenfalls desorientiert erklären. Oder man kann sich einmal ernsthaft fragen, warum Sarrazin so viel Zustimmung findet.

          Weitere Themen

          Italienisches Eigentor

          FAZ Plus Artikel: Sprachtests für Fußballer : Italienisches Eigentor

          Luis Suárez stand kurz vor einem Wechsel zu Juventus Turin. Nur einen Sprachtest musste der uruguayische Stürmer zuvor noch absolvieren. Dann funkten die italienischen Behörden dazwischen – mit peinlichen Folgen für die Universität, den italienischen Verein und den Spieler.

          Topmeldungen

          Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

          Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

          Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.
          Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

          Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

          Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.