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Wehler verteidigt Sarrazin : Parteiausschluss undenkbar

Hans-Ulrich Wehler Bild: dpa

Hans-Ulrich Wehler, Deutschlands bedeutendster Sozialhistoriker, verteidigt Thilo Sarrazin in einem Zeitungsbeitrag. Damit gibt er der Debatte um dessen umstrittene Integrationsthesen eine völlig neue Wendung.

          Soeben hat der Historiker Hans-Ulrich Wehler das Deutschland-Buch von Thilo Sarrazin in der „Zeit“ kommentiert. Es ist nicht untertrieben zu sagen, dass dieser Beitrag der Debatte eine völlig neue Wendung gibt. Sie wird die SPD in fast unlösbare Argumentationsschwierigkeiten bringen - von den nicht-lesenden Verfassungsorganen ganz zu schweigen. Von heute an kann Sarrazins Verlag ein Plakat drucken, auf dem untereinander steht: „Sarrazins Formulierungen sind überhaupt nicht hilfreich“ (Angela Merkel) - „Ich habe das Buch nicht gelesen“ (Angela Merkel) - „Ein Buch kann so verstören, dass manche es gar nicht mehr lesen wollen“ (Guido Westerwelle) - „Sarrazins Buch trifft ins Schwarze“ (Hans-Ulrich Wehler) - „Verkaufte Auflage: 1,1 Millionen“.

          Hans-Ulrich Wehler gehört zu den besten Kennern dessen, wovon Sarrazin handelt, der sozialen Schichtung in Deutschland nämlich. Und er bezeichnet das Buch nun als „das Reformplädoyer eines geradezu leidenschaftlichen Sozialdemokraten“. Wehler muss es wissen, er ist selbst ein Linker: völlig unverdächtig rechtspopulistischer Neigungen, unanfällig für Irrationalismen - Wehler hat einst den Historikerstreit gegen Relativierungen des Nationalsozialismus in Gang gebracht -, unempfänglich für eine elitäre Missachtung von Unterschichten. Und als ein solcher fordert er, endlich die Stärken des Buches von Sarrazin zur Kenntnis zu nehmen.

          Mehr Wirklichkeitskontakte wagen

          Dafür, dass die „Zeit“ Wehler als den „bedeutendsten Sozialhistoriker der Gegenwart“ vorstellt, ist sein Kommentar in ihrem Feuilleton etwas versteckt. Dabei macht er sich weder die biologischen Laubsägearbeiten Sarrazins zu eigen noch den schlechten Traum einer auf höhere IQs zielenden Bevölkerungspolitik. Reserviert ist er auch gegenüber Pessimismen, was einen Bildungsaufstieg aus der - „ethnischen“ oder deutschen - Unterschicht angeht. Aber Wehler hält mit dem Hinweis auf diese Schwächen das Buch nicht schon für erledigt. Anstatt die schwer zu widerlegenden Befunde Sarrazins zur Bilanz der Einwanderung anzuerkennen, verschanze man sich hinter Einwänden gegen Erbbiologie. Sarrazins Problemdiagnose aber treffe „ins Schwarze“. Ins Schwarze einer Einwanderungspolitik, die nichts - weder Qualifikation, Sprachkenntnis noch Integrationsbereitschaft - von den neuen Bürgern verlangt. Ins Schwarze eines um seine sozialen Kosten unbekümmerten politischen Laissez-faire.

          So weit Hans-Ulrich Wehler. An dieser Stelle darf man - auch manche Sozialdemokraten - daran erinnern, wer er, außer dem bedeutenden Historiker, außerdem noch ist. Denn Wehler ist nicht nur so nebenbei und der privaten Gesinnung - nicht der Mitgliedschaft - nach Sozialdemokrat, sondern zusammen mit Jürgen Habermas derjenige Intellektuelle, der das sozialliberale Geschichts- und Gesellschaftsbild in den vergangenen fünfzig Jahren wohl am stärksten wissenschaftlich artikuliert hat. Wenn er darum Sarrazin als lesefreudigen Bildungsbürger anspricht, steckt darin auch die Erwartung des Linksliberalen an lesende, für Argumente zugängliche sowie zum Streit um Argumente bereite Politik. Politik, die nicht einfach wegleugnet oder mit Euphemismen überzieht, was ihr lästig ist oder im Ton unwillkommen. „Mehr Wirklichkeitskontakte wagen“ könnte eine Formel für die SPD sein.

          Das immense Versagen der Politik

          Neben dieser Erwartung, politische Autoritäten müssten sich Gedanken und Tatsachen gegenüber furchtlos verhalten und mehr als nur strategisch oder in Phrasen denken, hat Wehler noch eine zweite. Auch sie zeigt, welche sozialdemokratische Mentalität sich hier zugunsten Sarrazins meldet. In seiner „Deutschen Geschichte“ schreibt Wehler über die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik als eine Epoche enormen Aufstiegswillens, der in allen Schichten zu finden war. Die Existenz einer Unterschicht war nicht zu leugnen, wie es heute dort üblich ist, wo offenbar der Begriff mehr als die Tatsache unzumutbar erscheint. Genauso wenig wurde aber davon abgesehen, dass Aufstieg Ambition, Bildung Neugier, Bürgerlichkeit Assimilation voraussetzt. Die aktive Bereitschaft, sich selbst zu ändern, um etwas für sich und seine Kinder zu erreichen, war, mit entsprechenden Verzichten verbunden, gewissermaßen das Realitätsprinzip großer Teile der Arbeiterschaft.

          Wenn manche Migranten heute ihre Lage schicksalshaft, bildungsfeindlich und nicht von Lernprozessen her interpretieren, steht darum die Sozialdemokratie vor einer ganz neuen Aufgabe. Aber, könnte Hans-Ulrich Wehler sagen, es ist zugleich eine ganz alte. Denn „Aufstieg durch Bildung“ - notabene: Aufstieg von Individuen, nicht von ganzen Schichten -, das musste die SPD vor hundert Jahren auch im Arbeitermilieu erst einmal erklären. Die Illusion, der Sozialstaat allein, eine weitere Schulreform oder freundliches Daumendrücken würden es schon richten, gab es damals nicht. Wehler liest in Sarrazins Buch genau diese Aufforderung, den immensen Schwierigkeiten des Problems, den individuellen Härten seiner Lösung und dem immensen Versagen der Politik ins Auge zu schauen.

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