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Thilo Sarrazin im „Aspekte“-Film : Emotional ein bisschen zugespitzt

Sarrazin im Kreuzberger Kulturkampf: Szene aus Balcis „Aspekte”-Beitrag Bild: dpa

Thilo Sarrazin, hieß es in den Springer-Medien, sei in Kreuzberg angepöbelt und gemobbt worden. Nun zeigte das ZDF just diesen Kreuzberg-Besuch im Sarrazin-Film von Güner Belci. Und siehe da, nicht nur für die Autorin stellte sich manches anders dar.

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          Am Freitag ist im Kulturmagazin „Aspekte“ im ZDF der Film über einen Spaziergang Thilo Sarrazins durch Berlin-Kreuzberg gezeigt worden, der durch koordinierte Vorabberichterstattung den für Sarrazins Aktionen typischen Lärm erzeugt hatte. Die beiden Protagonisten des Films hatten in Artikeln in Springer-Blättern die Dreharbeiten als von Kreuzberg nicht bestandene Probe auf die Liberalität des multikulturellen Stadtteils geschildert.

          Patrick Bahners
          (pba.), Feuilleton

          Der Artikel der Journalistin Güner Balci in der „Welt“ trug die Überschrift „Kreuzberg schafft sich ab“. Sarrazins Besuch sei „ein kurzer“ geblieben, weil eine Gruppe von Kreuzbergern, „die kein Interesse an einem Gespräch hat und es auch nicht für andere zulassen will“, immer lauter geworden sei. Wie diese „Brüllenden“ empfänden im deutschtürkischen Kiez viele: „Sie leben in einer Welt, in der es Freund und Feind gibt, dazwischen gibt es nichts.“ Sarrazin beklagte in der „Welt am Sonntag“, er sei aus Kreuzberg „förmlich herausgemobbt“ worden, und beschloss seinen Artikel mit der apokalyptischen Warnung: „Wehe uns, wenn, wie viele hoffen, Kreuzberger Zustände die Werkstatt des künftigen Deutschland sind.“

          Der zehnminütige Filmbeitrag hat eine andere Tendenz, als man nach Frau Balcis „Welt“-Artikel erwartet hatte. Das letzte Wort von Güner Balci - man sieht Sarrazin in ein Auto einsteigen - lautet: „Der Mann, der so gerne Klartext spricht, ist nun selbst beleidigt. Merkwürdig.“ In ihrem Artikel hatte sie „die ach so liberale und für alle offene alevitische Gemeinde“ als feige und opportunistisch vorgeführt, weil angeblich die Zusage, mit Sarrazin zu diskutieren, widerrufen worden war. Frau Balci, die selbst aus einem alevitischen Elternhaus stammt, hatte früher gelegentlich die emanzipatorischen Wirkungen einer alevitischen Erziehung gewürdigt.

          Güner Balci in der Neuköllner Sonnenallee
          Güner Balci in der Neuköllner Sonnenallee : Bild: dpa

          Mit der Eloquenz der Verzweiflung

          Im Oktober des vergangenen Jahres hatte sich die Autorin der Bücher „Arabboy“ und „Arabqueen“ in einem Zeitungsinterview über „Deutschland schafft sich ab“ geäußert und lediglich den biopolitischen Überbau der Argumentation kritisiert: „Wenn er diese Eugenik nicht reingebracht hätte, hätte ich mich hinter ihn stellen können. Aber so geht das nicht. Ansonsten sagt der Mann nichts Falsches. Ich kann nachvollziehen, dass die Menschen sich von ihm verstanden fühlen - sie sind täglich mit Problemen konfrontiert, um die sich die Politik nicht kümmert.“

          Im Film wechselt Güner Balci nun die Perspektive: Sie konfrontiert Sarrazin mit dem Selbstgefühl der türkischen Berliner, die seine volksgruppenbezogenen Nützlichkeitsrechnungen auch unabhängig von den erbbiologischen Hintergrundannahmen kränken.

          Einige Markthändler wollen Sarrazin mit der Eloquenz der Verzweiflung vor Augen fühlen, dass sie sich von seinen Tiraden gegen geborene Sozialschmarotzer mitgemeint fühlen, obwohl sie als Gewerbetreibende und Steuerzahler nicht gemeint sein können. Schon der körpersprachliche Gegensatz ist frappant. Die Händler breiten die Hände aus oder schlagen sich an die Brust, um die Klage zum Ausdruck zu bringen, die einer von ihnen ausspricht: „Sie machen unser Herz kaputt!“ Sarrazin hört sich das mit verschränkten Armen an und sagt immer dasselbe: „Sie müssen ja sehen, was ich sage, und was ich sage, ist, dass es nicht in Ordnung ist, dass ein sehr großer Teil der Türken und Araber letztlich vom Staat lebt, das finde ich nicht in Ordnung.“

          „Darauf bekommen Sie von mir keine Antwort“

          Mechanisch beharrt er darauf, dass die Statistik keine Angaben über den Einzelfall macht und der einzelne Obsthändler sich nicht betroffen fühlen muss. Aber als im Marktgewühl ein Passant ihm einen aufmunternden Spruch zuruft und sich als Pole vorstellt, lässt Sarrazin sich dann doch zu volkscharakterkundlichen Wesensaussagen hinreißen. Aufgedreht doziert er: „Polen sind anders als Türken und Araber. Sie sind nicht aggressiv; Polen beziehen weniger Hartz IV.“

          Auf Güner Balcis Frage, ob er den Unmut, der ihm von den Obst- und Gemüsehändlern am Maybachufer entgegenschlägt, „emotional verstehen“ könne, verweigert Sarrazin die Antwort. Er bildet sich offenbar ein, seine Gefühle für sich behalten zu können, solange er sich darauf beschränkt, „bestimmte Formulierungen“ zu wiederholen und zu erläutern. „Darauf bekommen Sie von mir keine Antwort, weil ich nur die Antworten gebe, die ich zu geben wünsche. Andere gebe ich nicht, da können Sie es tausendmal probieren.“

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