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Thilo Sarrazin im „Aspekte“-Film : Emotional ein bisschen zugespitzt

Sarrazin gibt aber zu, dass er sehr wohl an die Emotionen seines Publikums gedacht hat: „Ich habe mir die Formulierungen im Buch wie im Interview genau überlegt. Die sind teilweise auch ein Stück weit ein bisschen emotional zugespitzt. Dadurch gewinnen sie auch die nötige Aufmerksamkeit.“

Nach dem skandalösen Interview mit „Lettre International“ hatten Verteidiger Sarrazins zunächst zu bedenken gegeben, schon die Länge seiner Ausführungen verbiete es, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Teilweise ein Stück ein bisschen zugespitzt: Der Schein der Sachlichkeit muss natürlich gewahrt bleiben. So kann man dem kleinen Film einen begrenzten Aufklärungswert zusprechen: Nicht zum erstenmal legt Sarrazin das Kalkül hinter seiner Rhetorik der Kälte offen.

„Das Beleidigtsein des Orientalen ist eine Kampfhaltung“

Er widerspricht auch dem von Güner Balci auf den Punkt gebrachten Monitum der Marktstandbesitzer nicht, dass er nichts Positives über Türken sage, die schon seit fünfzig Jahren hier ansässig seien, sondern begründet diese Auslassung damit, dass „ganz viele andere ständig Positives sagen“. Ob er den Ärger über diese kalkulierte Einseitigkeit emotional verstehen will oder nicht - auf jeden Fall versteht er ihn ethnologisch. „Das Beleidigtsein des Orientalen ist eine Kampfhaltung, mit der er unangenehme Diskussionen wegwischt.“ Seine Gesprächspartnerin sieht Sarrazin offenbar nicht als Orientalin an, sonst würde er ihr nicht anvertrauen, was er den Marktleuten nicht ins Gesicht sagen wollte. „Das habe ich eben so nicht gesagt, weil ich am Stand keine Aggression haben wollte.“

Diese Theorie des kriegerischen Ressentiments ist die Folie für Güner Balcis abschließendes Urteil über den merkwürdig schnell beleidigten Kreuzberg-Besucher. Ein ähnliches Fazit des Feldversuchs wie die Autorin des Films zog der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky: „Thilo Sarrazin darf nicht die beleidigte Mimose geben, eine Reaktion musste er ja erwarten.“

Die einzige Szene, die nicht in Kreuzberg spielt, deutet früh die von den Vorabberichten abweichende Richtung des Films an. Gezeigt wird ein Auftritt Sarrazins vor bürgerlichem Publikum in Mannheim. Ordner führen einen Zwischenrufer aus dem Saal. Kommentar: „Wer anderer Meinung ist, fliegt raus.“ Dabei wird nicht deutlich, ob ein solcher Störer nicht auch auf einer anderen Veranstaltung des Saales verwiesen worden wäre.

Indirekt nimmt Güner Balci den von Journalistenkollegen geäußerten Vorwurf auf, sie habe mit ihrem Kamerateam eine künstliche Situation mit quasi festgelegten Rollen geschaffen: Dass sich Schaulustige an Sarrazins Fersen hefteten, schreibt sie nun einer herbeigeeilten türkischen Fernsehcrew zu. Entscheidend für die Mythen, die in der islamfeindlichen Gegenöffentlichkeit schon um Sarrazins Kreuzberg-Visite gestrickt werden, ist die Szene im Restaurant „Hasir“ in der Adalbertstraße. Die „grölende Gruppe“ des „Welt“-Artikels von Frau Balci beziehungsweise der „Menschenauflauf“ in Sarrazins Protokoll ist im Film auf „zwei Passanten“ geschrumpft, ein junges Paar.

Klartext kann klebrig sein

Die von Sarrazin als „sehr schlank und auf etwas anämische Weise intellektuell wirkend“ beschriebene Frau hat die Begebenheit in einem Offenen Brief an Güner Balci geschildert. Sarrazin habe sie als „strohdumm“ beschimpft. Das hört man im Film nicht, sehr wohl aber, dass er ihren Begleiter einen „ganz widerlichen Linksfaschisten“ nennt.

„Rauswurf aus türkischem Lokal“ hatte die Schlagzeile der „Bild“-Zeitung gelautet. Mittlerweile legt Güner Balci Wert auf die Feststellung, dass sie mit Sarrazin das Restaurant verlassen habe, um dem Wirt Ärger zu ersparen. Ausdrücklich sagt sie: „Ein Rauswurf sieht anders aus.“ Thilo Sarrazin hat den Vorgang in der „Welt am Sonntag“ dagegen genutzt, um ein „grundsätzliches Problem“ zu illustrieren: Unter Druck gehöre „die Loyalität dieses erfolgreichen deutsch-türkischen Geschäftsmannes offenbar eher den Krawallmachern der eigenen Volksgruppe als dem deutschen Gast“.

Ein Kommentator der „Jungen Freiheit“, Mitautor des soeben erschienenen Buches „Deutsche Opfer, fremde Täter“, hat Sarrazins Analyse des Vorbürgerkriegszustands in eigene Worte übersetzt: Für den Eigentümer der „Hasir“-Kette, den man „als gut integriert beschreiben“ müsste, „ist im Ausnahmezustand Blut dicker als Wasser“. So klebrig kann Klartext sein.

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