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Sarrazins Konsequenz : Ein fataler Irrweg

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Die Bundesrepublik hat glücklicherweise keinen Krieg erlebt, aber die demographische Veränderung stellt in den Schatten, was unsere Vorfahren zu bewältigen hatten. Der Prozess hat unendlich langsam begonnen und gerät jetzt in die Phase seiner unaufhaltsamen Beschleunigung. Die Fakten sind bekannt, sie werden mittlerweile empirisch durch die Erfahrung von Entvölkerung, Parallelgesellschaften, Kinderarmut und verändertem Wahlverhalten von jedem wahrgenommen. Thilo Sarrazin gilt als Mann des offenen Wortes. Er sagt, was er denkt, sagt man. Aber er tut es nicht. Denn Thilo Sarrazin, hat ein Buch geschrieben, das durchaus sehr viele richtige und notwendige Dinge sagt. Aber es führt zu Konsequenzen, die er sich selbst nicht zu ziehen traut und sogar mit Fleiß verbirgt und die in ihrem Ergebnis manchem seiner Anhänger den Atem rauben würden. Es ist kein Zufall, dass entscheidende Begriffe, Namen und Quellen im Register nicht auftauchen, obwohl sie sich in den Fußnoten oder über Verweise rekonstruieren lassen. Das ist kein Versehen. Man sollte Sarrazin nicht unterschätzen. Er will eine völlig neue politische Debatte auslösen, die im Kern biologisch und nicht kulturell argumentiert. Dafür gibt es Vorbilder auch in der Geschichte der großen Demokratien. In den Worten von Irving Fisher aus dem Jahre 1912, der zu den Befürwortern der neuen Einwanderungsgesetzgebung in Amerika zählte: eine Einwanderungsdebatte ist immer die Chance einer eugenischen Debatte. Sarrazin spricht, wenn er von Kultur redet, nicht vom Erbe, sondern vom Erbgut, und auch das ist Bestandteil demokratischer Diskurse vor exakt hundert Jahren: „Die Gesellschaft“, so der mächtige Biologe Harry Laughlin, „muss Erbgut als etwas betrachten, das der Gesellschaft gehört und nicht allein dem einzelnen.“

Sarrazin ist ohne Zweifel ein Bildungsbürger. Das ist die Grundhaltung seines Buches, wie sie allgemein verstanden wird: die Verteidigung der eigenen oder auch der abendländischen Kultur vor der demographisch induzierten Bedrohung vor allem durch muslimische Milieus. Es gibt unzählige solcher Bücher, und ein weiteres wäre der Rede nicht wert.

Der Reflex biologischer Prozesse

Hier ist das anders. Denn mit jeder Seite, die man liest, wird klarer, dass es sich hier nicht um ein bildungsbürgerliches Traktat handelt, sondern um die Etablierung eines völlig anderen Kulturbegriffs. Es geht um die Verbindung von Erbbiologie und Kultur und damit letztlich um, ein Wort, das Sarrazin (Darwin zitierend) so unerschrocken benutzt, wie einst Gottfried Benn, „Zuchtwahl“ und „Auslese“. Sarrazin redet nicht von Goethe und Schiller, obwohl auch Dichter in seinem Buch vorkommen. Kultur ist ihm der Reflex biologischer Prozesse. Die Schichtenabhängigkeit des generativen Verhaltens in Deutschland - die Tatsache, dass immer mehr Kinder in Unterschichtenmilieus geboren werden - führt zwangsläufig zu einer Verdummung der Gesellschaft, Aufsteigerkarrieren widersprechen dem Befund nicht. Auch diese These ist keineswegs neu. Im Gegenteil: sie steckt im Kern der gesamten aufklärerischen Idee von Bildung, Schule und Erziehung. Sarrazins Botschaft ist eine andere: Bildung, von der er höhnend als „Mantra“ spricht, ist letztlich nicht in der Lage, das Vehikel des intellektuellen Aufstiegs zu werden. Genetische und ethnische Disposition begrenzen die Fähigkeiten des Individuums ebenso sehr wie die ganzer Völker.

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