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Sarrazin und der Biologismus-Vorwurf : Nachdenken wäre der Intelligenzdebatte zuträglich

  • -Aktualisiert am

Spricht so ein „Biologist”? Thilo Sarrazin, vertieft ins eigene Werk Bild: dapd

Kann wirklich nur ein „Biologist“ behaupten, Intelligenz sei größtenteils erblich bedingt? Und spräche die Erblichkeit von Intelligenz wirklich für die Irrelevanz von Bildung und Erziehung? In der Debatte um Thilo Sarrazins Buch gehen die Begriffe wild durcheinander.

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          Thilo Sarrazins Behauptung, dass Intelligenz zu fünfzig bis achtzig Prozent erblich sei, hat erheblich zur Polarisierung beigetragen. Gerade hierin erblickt Sigmar Gabriel den wichtigsten Grund für Sarrazins Parteiausschluss. Nicht in seiner Beschreibung der Integrationsprobleme, so Gabriel, liege das Problem, sondern in seiner „Kernthese“: Diese Probleme hätten damit zu tun, „dass Menschen genetisch disponiert sind und bestimmte Verhaltensweisen sich nicht etwa kulturell vererben, sondern genetisch, biologisch“.

          Zum Zankapfel wird die Erblichkeitsthese, weil sich Sarrazin und Gabriel anscheinend insofern einig sind, dass diese These gesellschaftspolitisch weitreichende Konsequenzen habe. Auf der einen Seite legt Sarrazin nahe, dass teure Bildungsmaßnahmen prinzipiell wenig sinnvoll seien, sofern Intelligenz ohnehin größtenteils erblich sei; auf der anderen Seite steht der Vorwurf, wer so etwas auch nur behaupte, hänge einem einseitig biologistischen Menschenbild an. Beide Seiten gehen offenbar von der Annahme aus, die Erblichkeitsthese sei gleichsam ein Naturgesetz, also für alle intelligenten Organismen gleichermaßen gültig.

          Diese Interpretation beruht nun auf einem mangelhaften Verständnis der Grundbegriffe „Intelligenz“ und „Erblichkeit“. Gegen diese Interpretation lässt sich auf zwei Ebenen argumentieren. Erstens auf empirischer Ebene. Dies ist in der vergangenen Woche ausgiebig geschehen. Die Debatten enden allerdings meistens in einer Pattsituation, weil die empirische Befunde - wie so oft - komplex sind und jeder Studien vorfindet, die seine Position stützen.

          Zweitens aber lässt sich auf wissenschaftsphilosophischer Ebene gegen diese Interpretation argumentieren. Auch unabhängig von empirischen Befunden kann man allein durch das Verständnis von begrifflichen und methodischen Grundsätzen einsehen, dass die oben skizzierte Interpretation der Erblichkeitsthese falsch sein muss. Die entscheidende Frage lautet dabei: Was besagt Sarrazins „Kernthese“ eigentlich, wenn man sie angemessen interpretiert?

          Glieder der selben Kette

          Zunächst ist die Entscheidungsfrage „Was ist wichtiger für Intelligenz, die Gene oder die Erziehung?“ schon deshalb irreführend gestellt, weil es sich nicht um zwei parallele oder gar konkurrierende Wirkmechanismen handelt. Es handelt sich somit nicht um eine Entscheidungsfrage des Typs „Glühbirne oder Energiesparlampe - welche Lichtquelle ist effizienter?“. Anlage (Gene) und Umwelt (Erziehung) sind vielmehr zwei sequenziell hintereinandergeschaltete Glieder in einer Verursachungskette, die beide notwendig zur Realisierung eines Ergebnisses sind. Dabei generiert die genetische Anlage Potentiale, die dann durch die Umwelt realisiert werden oder eben nicht. Beides ist also wahr: Jedes Intelligenzpotential hat eine genetische Grundlage, ohne geeignete Förderung kann kein Potential realisiert werden. Die Frage nach dem Verhältnis von Anlage und Umwelt ist deshalb etwa so angemessen wie die Entscheidungsfrage: Was braucht man dringlicher, um einen Apfel zu zerschneiden - einen Apfel oder ein geeignetes Schneidegerät?

          Damit stellt sich die Frage, wie überhaupt Prozentangaben zu erblichen „Anteilen“ von Intelligenz sinnvoll interpretiert werden können. Hierfür wurde in der modernen Intelligenzforschung ein Ansatz entwickelt. Statistische Maßzahlen wie der Intelligenzquotient (IQ) spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie erfassen aber keine Beträge oder Anteile von Intelligenz, sondern beschreiben lediglich den Rang, den ein Individuum in einer untersuchten Vergleichspopulation einnimmt. Das Maß ist also populationsrelativ. Schreibt man einer Person den IQ 100 zu, so ist damit gesagt, dass die Hälfte der untersuchten Vergleichspopulation intelligenter und die andere Hälfte der Population weniger intelligent sind als die betreffende Person. Jeder Versuch, „Anteile“ von Intelligenz zu erklären (etwa: achtzig Prozent Gene, zwanzig Prozent Erziehung), ist somit auf der Grundlage des IQ prinzipiell unmöglich.

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