https://www.faz.net/-gsj-6knx2

Integrations-Debatte : Einwachsen statt auswachsen

  • -Aktualisiert am

Die Katstrophe des Denkens in Gruppenzugehörigkeiten: Trauerfeier für die von einem Russlanddeutschen in Dresden ermordete Ägypterin Bild: APN

Abstammung ist kein Schicksal: Entscheidend für die Integration von Einwanderern ist die Befreiung von autoritären Prägungen. Der liberale Staat darf die Vaterrolle nicht ablehnen, meint die Integrationsforscherin Lena Kornyeyeva.

          4 Min.

          Thilo Sarrazin nutzt in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ statistische Auffälligkeiten. Mit ihnen will er beweisen, dass sich muslimische Einwanderer nicht integrieren. Tatsächlich scheint er auf den ersten Blick recht zu haben. Die Integration der Einwanderer aus muslimisch geprägten Staaten ist nicht so erfolgreich wie die Integration von Menschen aus westlichen Demokratien. Doch daraus den Schluss zu ziehen, dass Türken, Libanesen oder Iraker nicht integrationswillig, ja, nicht integrationsfähig seien, ist vorschnell. Die Idee, dass ihnen die intellektuellen Fähigkeiten zur Integration fehlen, ist abstrus.

          Andere, die etwas sanftere Töne bevorzugen als der Berliner Provokateur, behaupten gerne, dass kulturelle und religiöse Unterschiede beispielsweise zwischen Türken und Deutschen eine Integration unmöglich machen. Sie berufen sich gerne auf türkische Jugendliche, die doch selber sagten, dass sie sich nicht „assimilieren“ wollten. Doch alle diejenigen, die ein zwangsläufiges Scheitern der Integration vorhersagen, kratzen an der Oberfläche, reden nicht über Ursachen. Tatsächlich sind es nicht die Unterschiede zwischen den Kulturen oder Religionen, die Integration erschweren oder gar scheitern lassen. Schon gar nicht sind es biologische Dispositionen oder gar mangelnde Intelligenz. Eine wichtige Ursache der vielfältigen Schwierigkeiten liegt vielmehr in der autoritären Prägung, die Menschen während ihrer Sozialisation erlebt haben.

          Das Leben wird zum Kampf

          Integrationsprobleme entwickeln regelmäßig genau jene Einwanderergruppen, die aus autoritär bestimmten Gesellschaften kommen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob sie christlich oder muslimisch erzogen wurden oder ob sie aus einem arabischen oder westlichen Kulturkreis kommen. Wesentlich für ihre Integrationsfähigkeit ist, ob sie in ihrer Kindheit und Jugend eine autoritäre oder eine freiheitlich-demokratische Prägung genossen haben.

          In manchen Gesellschaften werden die Menschen systematisch autoritär beeinflusst. Ich rede hier nicht in erster Linie von Staatsformen oder politischen Entscheidungen. Den Autoritarismus sehe ich als eine psychologische Dimension, die zuerst in den Familien zum Tragen kommt. In meinen Forschungen zu drei Einwanderergruppen in Deutschland konnte ich nachweisen, dass unter türkischen Einwanderern die autoritäre Prägung signifikant höher ist als unter westlichen. Ebenfalls stark autoritär geprägt sind die Zuzügler aus der ehemaligen Sowjetunion, allerdings etwas weniger als die Immigranten aus der Türkei. Gleichzeitig konnte ich eine Korrelation von autoritärer Prägung und jeweiligem Bildungsstand feststellen. Je besser ausgebildet die Menschen sind, um so weniger werden sie von den autoritären Mustern beherrscht - und das steht nicht in Beziehung zu Herkunft oder ethnischer Zugehörigkeit.

          Für das Welt- und Selbstbild derjenigen, die in Familie und Gesellschaft eine autoritäre Sozialisation erfahren haben, sind scharfe Abgrenzungen typisch. Sie blicken auf Gruppenfremde herab und bevorzugen Gruppenmitglieder. Alle Menschen, die gleiche oder ähnliche Charakteristiken aufweisen, gelten ihnen als gut. Diejenigen aber, die zu einer anderen (Sub)Kultur gehören, müssen nicht unbedingt ernst genommen werden, gelten als „ungläubig“, „nicht richtig“ und so weiter. Nach autoritären Denkmustern ist Menschenwürde nicht ein unabänderliches Attribut, sondern kann dem Menschen nur unter bestimmten Bedienungen von einer Vaterfigur gegeben werden. Nach dieser Vorstellung ist die Welt hierarchisiert. Jeder versucht, einen „besseren“ Platz in der Pyramide zu finden, das Leben wird zum Kampf.

          Jede Gruppe kocht ihr Süppchen

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Hessens Innenminister Peter Beuth und SEK-Beamte im Jahr 2017

          Polizeiskandal in Hessen : Muckibude von Rechtsextremen

          Der Skandal um rechtsextreme Chats bei der Polizei wird immer größer. Im Zentrum steht ausgerechnet das SEK. Wer dessen Räume betrat, sollte staunen. Ein Fall von übersteigertem Elitebewusstsein?
          Der belarussische Staatschef Alexandr Lukaschenko

          Belarus : Lukaschenko greift Deutschland wegen Sanktionen scharf an

          Der belarussische Staatschef bringt die Strafmaßnahmen des Westens in Verbindung mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren. In Richtung von Außenminister Maas fragt er, ob dieser ein „Erbe der Nazis“ sei.
          EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (links) mit Kanzlerin Angela Merkel nach ihrem Treffen in Berlin

          Von der Leyen in Berlin : Die gütige Gabenbringerin aus Brüssel

          Ursula von der Leyen kommt aus Europas Hauptstadt nach Berlin. Neben monetären Zusagen in Milliardenhöhe bringt die EU–Kommissionspräsidentin auch noch viele freundliche Worte mit sich.
          „Ich habe das im Internet ganz anders gefunden“: Einen komplexen Beratungsbedarf bei einer Unternehmensnachfolge sollte man nicht mit einer Suche im Netz klären.

          Kolumne : Fünf Dinge, die als Unternehmensberater nerven

          „Ich habe das im Internet ganz anders gefunden.“ „Sie übersehen die bisher noch nicht genutzten Potentiale.“ „Ich kläre das mal für meine Frau.“ Solche Sätze nerven unseren Gastautoren, einen Unternehmensberater.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.