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Integrations-Debatte : Einwachsen statt auswachsen

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Die Katstrophe des Denkens in Gruppenzugehörigkeiten: Trauerfeier für die von einem Russlanddeutschen in Dresden ermordete Ägypterin Bild: APN

Abstammung ist kein Schicksal: Entscheidend für die Integration von Einwanderern ist die Befreiung von autoritären Prägungen. Der liberale Staat darf die Vaterrolle nicht ablehnen, meint die Integrationsforscherin Lena Kornyeyeva.

          Thilo Sarrazin nutzt in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ statistische Auffälligkeiten. Mit ihnen will er beweisen, dass sich muslimische Einwanderer nicht integrieren. Tatsächlich scheint er auf den ersten Blick recht zu haben. Die Integration der Einwanderer aus muslimisch geprägten Staaten ist nicht so erfolgreich wie die Integration von Menschen aus westlichen Demokratien. Doch daraus den Schluss zu ziehen, dass Türken, Libanesen oder Iraker nicht integrationswillig, ja, nicht integrationsfähig seien, ist vorschnell. Die Idee, dass ihnen die intellektuellen Fähigkeiten zur Integration fehlen, ist abstrus.

          Andere, die etwas sanftere Töne bevorzugen als der Berliner Provokateur, behaupten gerne, dass kulturelle und religiöse Unterschiede beispielsweise zwischen Türken und Deutschen eine Integration unmöglich machen. Sie berufen sich gerne auf türkische Jugendliche, die doch selber sagten, dass sie sich nicht „assimilieren“ wollten. Doch alle diejenigen, die ein zwangsläufiges Scheitern der Integration vorhersagen, kratzen an der Oberfläche, reden nicht über Ursachen. Tatsächlich sind es nicht die Unterschiede zwischen den Kulturen oder Religionen, die Integration erschweren oder gar scheitern lassen. Schon gar nicht sind es biologische Dispositionen oder gar mangelnde Intelligenz. Eine wichtige Ursache der vielfältigen Schwierigkeiten liegt vielmehr in der autoritären Prägung, die Menschen während ihrer Sozialisation erlebt haben.

          Das Leben wird zum Kampf

          Integrationsprobleme entwickeln regelmäßig genau jene Einwanderergruppen, die aus autoritär bestimmten Gesellschaften kommen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob sie christlich oder muslimisch erzogen wurden oder ob sie aus einem arabischen oder westlichen Kulturkreis kommen. Wesentlich für ihre Integrationsfähigkeit ist, ob sie in ihrer Kindheit und Jugend eine autoritäre oder eine freiheitlich-demokratische Prägung genossen haben.

          In manchen Gesellschaften werden die Menschen systematisch autoritär beeinflusst. Ich rede hier nicht in erster Linie von Staatsformen oder politischen Entscheidungen. Den Autoritarismus sehe ich als eine psychologische Dimension, die zuerst in den Familien zum Tragen kommt. In meinen Forschungen zu drei Einwanderergruppen in Deutschland konnte ich nachweisen, dass unter türkischen Einwanderern die autoritäre Prägung signifikant höher ist als unter westlichen. Ebenfalls stark autoritär geprägt sind die Zuzügler aus der ehemaligen Sowjetunion, allerdings etwas weniger als die Immigranten aus der Türkei. Gleichzeitig konnte ich eine Korrelation von autoritärer Prägung und jeweiligem Bildungsstand feststellen. Je besser ausgebildet die Menschen sind, um so weniger werden sie von den autoritären Mustern beherrscht - und das steht nicht in Beziehung zu Herkunft oder ethnischer Zugehörigkeit.

          Für das Welt- und Selbstbild derjenigen, die in Familie und Gesellschaft eine autoritäre Sozialisation erfahren haben, sind scharfe Abgrenzungen typisch. Sie blicken auf Gruppenfremde herab und bevorzugen Gruppenmitglieder. Alle Menschen, die gleiche oder ähnliche Charakteristiken aufweisen, gelten ihnen als gut. Diejenigen aber, die zu einer anderen (Sub)Kultur gehören, müssen nicht unbedingt ernst genommen werden, gelten als „ungläubig“, „nicht richtig“ und so weiter. Nach autoritären Denkmustern ist Menschenwürde nicht ein unabänderliches Attribut, sondern kann dem Menschen nur unter bestimmten Bedienungen von einer Vaterfigur gegeben werden. Nach dieser Vorstellung ist die Welt hierarchisiert. Jeder versucht, einen „besseren“ Platz in der Pyramide zu finden, das Leben wird zum Kampf.

          Jede Gruppe kocht ihr Süppchen

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