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Integrations-Debatte : Ein Befreiungsschlag

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Für eine inhaltliche anstelle einer moralischen Diskussion der Thesen Sarrazins: Necla Kelek Bild: dpa

Die Thesen von Thilo Sarrazin zu Bildung und Zuwanderung sollte man diskutieren, nicht den Autor verteufeln. Aber die politische Klasse, der seine Kritik gilt, verweigert sich der Debatte, argumentiert die Soziologin Necla Kelek.

          Wenn ein Ökonom, Finanzexperte und erfahrener Politiker wie Thilo Sarrazin sich um Deutschlands Zukunft Gedanken macht, kann man erwarten, dass er mit dem Blick des Controllers Zusammenhänge analysiert, eine qualitative wie quantitative Bewertung von Zahlen und Zusammenhängen vornimmt und als Politiker Vorschläge macht, wie die Probleme gelöst werden könnten. Diese Erwartung wird in seinem Buch nicht enttäuscht. Er führt auf 460 Seiten Daten und Fakten zusammen, die alle für sich mehr oder weniger bekannt sind, aber in ihrer Gesamtschau und Bewertung doch überraschende Zusammenhänge und Folgerungen ergeben.

          Ausgangspunkt ist die These, dass sich das „goldene Zeitalter“, in dem die Bundesrepublik seit den Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhundert lebt, sich dem Ende zuneigt, weil sich die Voraussetzungen des Wohlstands, das heißt demographische und gesellschaftliche Formationen, dramatisch verändern, die Politik dies ignoriert oder falsche Schlüsse zieht.

          Unterschiedliche intellektuelle Voraussetzungen

          Sarrazin stellt fest, dass der autochthone Teil der deutschen Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen, die Zahl der Einwanderer durch Zuwanderung und höhere Geburtenrate aber steigen wird und diese Gruppe seiner Meinung nach aufgrund kultureller Hindernisse nicht in der Lage ist, Qualifikationsdefizite zu kompensieren. Dadurch nimmt die Leistungsfähigkeit des produktiven Teils der Erwerbsbevölkerung ab, weil statistisch gesehen Deutschland weniger technisch-wissenschaftliche Intelligenz reproduziert. Als eine Ursache entdeckt er unterschiedliche intellektuelle Voraussetzungen, aufgrund derer das Bildungsniveau sinke, und weist anhand der Pisa-Studie nach, dass nicht die finanzielle Ausstattung der Schulen oder vermutete Armut entscheidend ist, sondern qualitative und kulturelle Ursachen diese Entwicklung viel mehr beeinflussen.

          Sarrazins Ausführungen über Armut und Ungleichheit und Arbeit und Politik könnten ein Befreiungsschlag für Sozialpolitiker sein

          Zum einen ist dies die Qualität des Unterrichts und zum anderen sind dies die Voraussetzungen der Schüler. Obwohl die Berliner Schulen ein viel günstigeres Lehrer/Schüler-Verhältnis haben und mehr Geld pro Schüler ausgegeben wird als zum Beispiel in Bayern, rangiert Bayern bei der Pisa-Studie vorn und Berlin hinten. Für den Autor sind Unterrichtsqualität und Leistungserwartungen - unabhängig von deutscher oder migrantischer Herkunft - entscheidend. Sarrazin widerspricht der These „Viel hilft viel“. Und nennt Alternativen.

          Muslime bleiben zurück

          Die von Sarrazin aufgezeigte Wechselbeziehung von Intelligenz und Demographie wird als biologistisch diffamiert. Dabei scheint schon der gesunde Menschenverstand nahezulegen, dass Ethnien wie zum Beispiel die Völker Anatoliens oder Ägyptens, die über Jahrhunderte von den Osmanen daran gehindert wurden, Lesen und Schreiben zu lernen, bei denen noch heute Mädchen nicht zur Schule gehen dürfen, andere Talente vererbt bekommen, als die Söhne von Johann Sebastian Bach und dass es auch bei der Intelligenz so etwas wie die Gaußsche Normalverteilung gibt.

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