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Integrations-Debatte : Ein Befreiungsschlag

  • -Aktualisiert am

Sarrazin macht Vorschläge zur Einwanderungspolitik, die sich zum Teil in den Programmen der bürgerlichen Parteien finden, die aber, wie das Gesetz gegen Zwangsheirat, seit Jahren vor sich hergeschoben werden. Er spricht von Sprachförderung, Kindergartenpflicht, Ganztagsschulen und Verantwortung der Migranten für ihr eigenes Schicksal und gegenüber der Gesellschaft und stellt Überlegungen an, wie die autochthone deutsche Gesellschaft sich aus sich selbst heraus aus dem Dilemma von niedrigen Geburtenraten und Vergreisung retten kann. Die Eindämmung des ungehinderten Familiennachzugs ist eine Maßnahme. Er geht davon aus, dass das Verantwortungsbewusstsein der Migranten gestärkt werden muss und dass, wenn die Muslime weiter ihre archaische Kultur so leben wollen, wie sie es in Teilen jetzt tun, unsere Gesellschaft sich selbst abschafft. Mein Fazit: Hier hat ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen und sich über Deutschland den Kopf zerbrochen.

Und um diesen Kopf soll Thilo Sarrazin jetzt offensichtlich kürzer gemacht werden. Wenn man das Medienecho der letzten Tage verfolgt hat, findet sich die politische Klasse von CDU bis zur Linken in einem schrillen Chor wieder, der versucht, den Redner niederzubrüllen.

Die Kanzlerin und ihre Integrationsministerin lassen ihrer Empörung freien Lauf und tun so, als müssten sie sich schützend vor die Kinder in der Koranschule stellen. Der SPD-Vorsitzende bangt um seine türkischen Wähler, und seine Generalsekretärin mobbt einen Genossen. Der Sozialarbeiter im Parteivorstand der Grünen redet vom Stammeskrieger, die FDP-Justizministerin spricht von wirren Thesen, eine Exbischöfin von Menschenverachtung, die türkische Lobby will ihn verklagen. Alle, die den Zustand der Integration mitzuverantworten haben, rufen „Haltet den Dieb!“ und „Nicht in diesem Ton!“ und „Das nützt den Rechten“.

Keiner seiner Kritiker hat bisher inhaltlich auf die Vorschläge reagiert

Das Literaturfestival in Berlin schafft mit einer Rundmail sich selbst als Debattierforum ab, und auf „Zeit online“ verwechselt man Ort, Zeit und Anlass und diskutiert lau, ob es politisch korrekt ist, wenn man sich mit Thilo Sarrazin im selben Raum aufhält. Andere fordern auf, ihn beruflich zu vernichten. Man könnte jetzt wie Frau Nahles fragen: „Aber hallo? Geht es nicht ein wenig kleiner?“

Ich würde gern eine inhaltliche und keine moralische Debatte über Sarrazins Thesen führen. Keiner seiner Kritiker hat bisher inhaltlich auf die Vorschläge reagiert, geschweige denn seine Thesen widerlegt. Das hat man gar nicht nötig, so sehr riechen die Thesen nach Schwefel. Der Eindruck drängt sich auf, hier solle eine überfällige Debatte mit den bewährten Begriffen wie Rassismus und Populismus kontaminiert werden.

Ob sie mit aller Konsequenz Teil dieser Gesellschaft werden wollen

Keiner seiner Kritiker hat bisher inhaltlich auf die Vorschläge reagiertBei einigen Politikeräußerungen habe ich den Eindruck, hier werde ein deutscher Haider oder Geert Wilders oder das Erstarken der NPD herbeigeredet. Vielleicht wünscht man sich das, damit endlich das Feindbild wieder stimmt und man sich nicht inhaltlich mit den Fragen auseinandersetzen muss. Der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin und sein Buch taugen zu diesem Feindbild nicht, auch wenn einige es gerne so hätten.

Teilhabe ohne Leistung, das ist eine Haltung, die die deutsche Politik seit Jahrzehnten tatsächlich reproduziert, auch wenn „fordern und fördern“ plakatiert wird. Das Buch von Thilo Sarrazin ist eine Chance , die Integrationpolitik und damit auch die Zukunft des Landes in wichtigen Bereichen neu zu denken. Auch Muslime müssen lernen, über die eigene Geschichte, auch die Geschichte der Migration, zu reflektieren. Die Muslime in Deutschland müssen sich entscheiden, ob sie mit aller Konsequenz Teil dieser Gesellschaft werden wollen oder als erste Gruppe von Migranten in die Geschichte eingehen wollen, die das Land, das sie aufgenommen hat, verachtet. Sarrazin fordert auch die Muslime auf: „Zeigt, was ihr könnt.“

Necla Kelek , geboren 1957 in Istanbul, ist Soziologin und lebt in Berlin. Sie tritt als prominente Muslimin für das umstrittene Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin ein. Heute stellt sie es in Berlin vor. In dieser Zeitung hat Christian Geyer (siehe auch: Sarrazins Thesen: So wird Deutschland dumm) kritisiert, dass Sarrazin biologistisch argumentiere, sein Buch tauge nicht zum Testfall der Meinungsfreiheit. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber dieser Zeitung, stellte in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (29. August) fest, Sarrazin sei der Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft. Er ersetze Kultur und Bildung durch Biologie. Und seine Anhänger sähen nicht, dass seine Antworten nicht bei muslimischen Milieus haltmachten - sie betreffen in letzter Konsequenz jeden und unsere Vorstellung von der autonomen Kraft von Bildung.

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