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Integrations-Debatte : Ein Befreiungsschlag

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Der von muslimischen Forschern erarbeitete Arab Development Report beklagt seit Jahren, dass die mangelnde Tradition der Bildung, die fehlende Lese- und Abstraktionsfähigkeit durch das pädagogische Prinzip des Taqlid, das das Nachahmen fördert und die Neugier verbietet, die eigenen Gesellschaften behindern, sich zu entwickeln. Fast jeder kann ein Handy benutzen, aber die dahinterstehende Technik, das sind eben über fünfhundert Jahre kumulierte europäische Geistesgeschichte und naturwissenschaftliche Forschung. Sarrazin sagt nicht, dass der Einzelne diese Entwicklung nicht nachvollziehen kann, sondern ist hier der Volkswirtschaftler, der kühl Kennzahlen bewertet. Er bezieht sich auf die amerikanischen Forscher Herrnstein und Murray und schreibt: „Die Erkenntnis, dass Intelligenz zum Teil erblich ist, verträgt sich nur schwer mit Gleichheitsvorstellungen, nach denen Ursachen von Ungleichheit unter den Menschen möglichst weitgehend in den sozialen und politischen Verhältnissen zu suchen sind.“ Sarrazin reißt eine Diskussion auf, in die sich Wissenschaftler seit Jahren verhakt haben.

Qualitative Kriterein einführen

Ein Befreiungsschlag könnten für Sozialpolitiker Sarrazins Ausführungen über Armut und Ungleichheit und Arbeit und Politik sein. Zum einen befreit er die Diskussion um Armut aus der materiellen Abhängigkeit. Im bisherigen Politikverständnis geht man quer durch alle politischen Parteien davon aus, dass sozialer Fortschritt, Gesundheit, Ernährung und letztlich Glück nur durch mehr materielle Zuwendung erreicht werden können. Er stellt fest, dass im bisherigen Politikkonzept „das Individuum, sein Verhalten und seine Verantwortung“ gar nicht vorkommen. Das will er ändern und qualitative Kriterien einführen. Es geht ihm nicht um die fünfzig Euro mehr, die ein Leistungsempfänger bekommen soll, sondern darum, wie effektiv und verantwortlich er damit umgehen kann.

Ausführlich diskutiert Sarrazin die unterschiedlichen Ansätze, Gerechtigkeit und Leistungsbereitschaft im Arbeitsleben zu gewährleisten. Er rechnet die Idee des voraussetzungslosen Grundeinkommens nach, konstatiert, dass dieses Konzept eine eher mythische denn ökonomische Alternative darstellt, diskutiert den Einfluss von Innovation und Globalisierung. Wer meint, dies alles bereits zu wissen, möge sich melden.

Die Statistik ist eindeutig

Voraussetzung für erfolgreiches Lernen sind für Thilo Sarrazin im Kapitel über Bildung neben dem Unterrichtkonzept auch Disziplin und Übung. Auch Denken kann man üben, heißt es, und homogene Lerngruppen und bildungsorientierte Eltern sind förderlich, soziale und materielle Nachteile auszugleichen. Hier ist Sarrazin ganz Sozialdemokrat, der das Bildungssystem auch als Möglichkeit für den sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt nicht aufgeben will, der weiß, das Gerechtigkeit und Gleichheit sich bedingen, aber die Frage offenbleibt, wann der Mensch nach seinem Bedarf und wann er nach seiner Leistung zu behandeln ist.

Aber auch hier geht er wieder in die Zahlen und stellt fest, dass trotz subjektiven Wollens die Statistik eindeutig ist, und Kinder aus muslimischen Herkunftsländern, auch wenn inzwischen Eltern subjektiv bildungsorientierter werden, objektiv Defizite haben. Und erst hier, im siebten Kapitel, Seite 255, beginnt die Auseinandersetzung mit Zuwanderung und Integration. Sarrazin verortet die Integrationsprobleme europaweit zum überwiegenden Teil bei den Muslimen.

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