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Integration in Berlin : Der Zug fährt ab

Berlin-Kreuzberg ist heute ein Problemviertel - Schuld hat die Politik Bild: Michael Hauri

Wenn inzwischen sogar Migranten aus Migrantenvierteln wegziehen, ist Integration vielleicht gar kein ethnisches Problem, sondern ein soziales. Eine Bestandsaufnahme in Berlin-Kreuzberg.

          Das Problem ist die Mittelschicht. Die Mittelschicht ist auf der Flucht. Zum Beispiel in Berlin-Kreuzberg.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei ist es gar nicht so, dass die Mittelschicht Kreuzberg meiden würde. Im Gegenteil. Solange sie keine schulpflichtigen Kinder hat, zieht es sie nach Kreuzberg, wo das Leben locker und bunt ist, wo viel gefeiert wird und andauernd neue Clubs eröffnen. Dieser Ort vermittelt einem leicht das Gefühl, man müsse niemals erwachsen werden. Sobald die Menschen schulpflichtige Kinder haben, verschwindet dieses Gefühl, und sie ziehen weg. Sie wollen ihre Kinder nicht auf Schulen schicken, die sehr viele Kinder mit Migrationshintergrund und schlechten Deutschkenntnissen besuchen. Diese Mittelschicht ist nicht nur deutsch, sie ist auch türkisch.

          Selda Kaya lebt mit ihrem Sohn Aurel in Kreuzberg, sie ist vierunddreißig, hat dunkle Locken und ein schönes Gesicht. Ihr Sohn ist sechs, hat rotbraunes Haar und sieht aus wie ein Kind, das sich in der Welt zurechtfinden wird. Selda Kaya gehört zur türkischen Mittelschicht, von der seit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ viele annehmen, dass sie gar nicht existiert und Türken entweder vorwiegend mit dem Zeugen von Kindern, dem Verkauf von Gemüse oder mit überhaupt nichts beschäftigt sind. Selda Kayas Eltern kamen in den siebziger Jahren. Sie waren keine Gastarbeiter, zählten zu den wenigen Akademikern, sprachen bald ausgezeichnet Deutsch und unterrichteten Musik an einer Schule.

          Berlind Kreuzberg ist heute ein Problemviertel. Daran ist auch die Politik schuld. Sie hat den Weg geebnet, anstatt ihn zu verbauen.

          Im Windschatten der Mauer

          Es kommt vor, dass Selda Kaya für mehrere Tage fort muss, zum Drehen, sie ist Schauspielerin. Sie ist aber auch alleinerziehende Mutter. Das wäre kein Problem, viele Freunde leben in Kreuzberg. „Bei ihnen könnte ich Aurel unterbringen“, sagt sie. Sie bewarb sich für die Charlotte-Salomon-Schule und die Reinhardswaldschule. Beides Kreuzberger Schulen. „Beide haben einen guten Ruf“. Von solchen Schulen findet man in Kreuzberg keine Handvoll. Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund liegt unter sechzig Prozent, während der Pausen prügeln sich die Schüler in der Regel nicht. Deshalb melden jedes Jahr mehr Eltern ihre Kinder an, als die Schulen Plätze haben.

          Selda Kaya sagt: „Ich war mir sicher, dass das Schulamt meine Lebenssituation berücksichtigen und Aurel einen der Wunschplätze zuweisen würde.“ Das tat es nicht. Dass die Probleme in Kreuzberg ohne Menschen wie Selda Kaya und Aurel größer und nicht kleiner werden, weil die soziale Mischung irgendwann aus dem Gleichgewicht gerät, spielt bei der Entscheidung keine Rolle. Es spielt nur eine Rolle, wie weit die Schule vom Zuhause des Schülers entfernt ist. Als Grundlage der Berechnung dient nicht die tatsächliche Distanz, sondern das Liniennetz der Berliner Verkehrsbetriebe. Es kann also sein, dass ein Kind gegenüber der Schule wohnt und trotzdem keinen Platz auf ihr bekommt.

          Das Schulamt bot Selda Kaya zwei, drei andere Schulen in Kreuzberg an. Eine war die Lenauschule. „Ihr Ruf ist miserabel“, sagt Selda Kaya. Sie sah sich die Schule trotzdem an, sah düstere Gänge, alte Klassenzimmer, Frauen mit Kopftüchern, keine ohne. „Das ist ein schlechtes Signal für ein Kind.“ Monokultur sei in einer Großstadt gefährlich, egal, ob deutsch oder türkisch. Selda Kaya fürchtete nicht um Aurels Deutsch, sie fürchtete, dass er in den Pausen verprügelt würde. Sie sagt: „Mein Kind ist kein Versuchskaninchen.“

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