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Gelebte Integration : Sie würde niemals ein Kopftuch tragen

Auf fast verlorenem Posten: Die Lehrerin Betül Durmaz Bild: WDR/privat

Ihr Dasein als Lehrerin erschöpfe sich zu 80 Prozent in Sozialarbeit, sagt sie: Betül Durmaz unterrichtet an der Malteser-Förderschule in Gelsenkirchen. Das Erste zeigt einen beeindruckenden Film über ihren Kampf gegen Parallelgesellschaften.

          „Wer von euch hat deutsche Freunde?“, will die Lehrerin von ihren Schülern wissen. Niemand. Keiner spielt mit den deutschen Kindern. „Weil sie nicht zu uns gehören, Schweinfleisch essen – dann ekelt man sich vor denen.“ Würden die Deutschen „für einen Tag verschwinden, das würde nicht auffallen“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wir sind an der Malteser-Förderschule in Gelsenkirchen, und wir bezeugen den Alltag einer mutigen Frau, einer Einzelkämpferin, die einen, wie die Autorin Nicole Rosenbach im Begleittext zu ihrem Film „Hart und herzlich – Eine türkische Lehrerin gibt nicht auf“ schreibt, schier „aussichtslosen Kampf um Integration und Chancengleichheit“ ficht. Betül Durmaz ist diese Frau, geboren in Istanbul, aufgewachsen im Ruhrgebiet, geschieden, Mutter eines Sohnes. Zöpfe hat sie sich schon einmal gebunden, ein Kopftuch tragen würde sie nie. Sie weiß um ihre Vorbildfunktion und setzt auf Neutralität, das Kopftuch sieht sie als religiöses oder politisches Symbol. Für ihre Schüler und Schülerinnen – siebzig Prozent haben ausländische Wurzeln – erscheint sie trotzdem als eine der ihren.

          Da braucht es keinen Thilo Sarrazin

          Die Eltern aber, die ihre Töchter direkt nach der Schule verheiraten, sehen das anders. Für sie ist Betül Durmaz „keine Muslimin“, sondern ein Hassobjekt, erst recht, nachdem sie ein Buch geschrieben hat („Döner, Machos und Migranten“), in dem sie die Verhältnisse beschreibt, unter denen sie arbeitet. Sie wird von einem Schüler massiv bedroht, geht unter Polizeischutz vor Gericht. Sie nimmt den Kampf um die Moderne auf, um die Integration von Kindern, die für eine aufgeklärte, tolerante Gesellschaft noch nicht verloren sind. Sie lebt vor, was eine deutsche Muslimin mit türkischen Wurzeln erreichen kann, tritt für die Freiheit der Mädchen und Frauen ein, füllt die Lücke, welche die politische Klasse reißt, die das Problem ignoriert.

          Da braucht es keinen Thilo Sarrazin, um zu erkennen, worum es geht. Nicht um Genetik, sondern um kulturelle Milieus geht es, die militant gegen jede Integration wirken und denen die Religion das Merkmal der Abgrenzung ist. Um Clans geht es, die eine totale soziale Kontrolle ausüben. Die Schule ist der Platz, an dem die parallelen Welten aufeinandertreffen, mit verbaler und körperlicher Gewalt. Wir sehen Mädchen, die um sich schlagen, weil sie, wie der Leiter der Malteser-Schule meint, spüren, dass die Schule ihnen eine Chance gibt, die sie dann doch nicht nutzen können, weil sie nicht dürfen. Die Aggression, die sich eigentlich gegen die Eltern richtet, leben sie an den Mitschülern aus – an „diesem christlichen Mädchen, das ich hasse“. „Du Christ“ ist ein gängiges Schimpfwort. Ihre Tochter solle es einmal besser haben, sagt eine junge Frau, welche die Schule vor einiger Zeit verlassen, schon zwei Kinder hat und nun ihre ehemalige Lehrerin besucht. „Das ist kein schönes Leben“, sagt sie. Nicht einmal zwanzig Jahre ist die junge Mutter alt.

          Gegen den Ungeist der Intoleranz

          Nicole Rosenbach schildert all dies und lässt es für sich stehen. Sie hört nicht nur die Lehrerin, sondern auch die Schüler an und hat es vermocht, Eltern vor die Kamera zu bekommen, die ihre Kinder vom Schulbesuch abhalten, die für die Abkehr von der Gesellschaft, in und von der sie leben, stehen, wenn sie diese nicht gar verachten. „Achtzig Prozent meines Lehrerdaseins ist Sozialarbeit“, sagt Betül Durmaz. Sie übt mit den Kindern Mindeststandards sozialen Miteinanders ein, fehlende Sprachkenntnisse sind nicht das einzige Problem.

          Es ist der Ungeist der Intoleranz, gegen den sie lehrt. Warum ihre Tochter nicht tanzen dürfe? „Koran“, es stehe alles im Koran. Betül Durmaz lebt vor, dass dies nicht das letzte Wort sein kann. Nicht nur Integrationsministern sei dieser Film als Anschauungsmaterial dringend empfohlen. Er zeigt, mit welcher Aufgabe wir hingebungsvolle Menschen wie Betül Durmaz nicht alleine lassen dürfen.

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