https://www.faz.net/-gsj-6kkxf

Fernseh-Frühkritik: Maybritt Illner : Wie man Deutschland wieder schönrechnen kann

Maybritt Illner im „Kampf der Kulturen” Bild: ddp

Man hätte gegen Ende der Sarrazin-Woche durchatmen und über den Zustand des Landes streiten können, über kulturelle Differenzen oder die Not der Schulen mit türkischen und arabischen Kindern. Nichts da, Maybritt Illner ist im „Kampf der Kulturen“.

          Es war die erste Kampf-Talk-Runde über Thilo Sarrazin ohne Thilo Sarrazin und sie war mühsam, der Knochen ist abgenagt und nur um den wollte man sich dann wohl noch streiten. Fazit fürs dumme Fernsehvolk: der Mann ist nicht gefährlich, sondern ein unsicherer Mensch und außerdem kann man das alles, was ihn umtreibt in seinem Buch, schönrechnen.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Man hätte natürlich, und das war bis zum Vorprogramm (angeblich mit dem Schwerpunkt Integration) dieser Talkshow die Hoffnung, nun doch einmal durchatmen und konzentriert über den Zustand des Landes streiten können, über kulturelle Differenzen, demografische Probleme oder die Not der Schulen, die mit den enormen Bildungsdefiziten türkischer und arabischer Kinder trotz vieler Reformen immer schlechter fertig werden.

          Nichts da, das zusammengeschusterte Vorprogramm verhieß bereits nichts Gutes. Da stiefelten hübsche blonde ZDF-Reporterinnen durch Hamburg, verkleidet mit Kopftuch (Burka wäre eigentlich konsequenter gewesen), um sich bzw. die „Ayse“, die sie zu verkörpern behaupteten, an den Mann, die Post oder den Besitzer einer schicken Boutique für Designermode zu bringen. Allüberall jedoch Diskriminierung, der Boutiquenbesitzer gab vorsichtig an, sein Viertel und seine Kunden seien zu „oberflächlich“, um sich beim Kauf einer Gucci-Tasche mit dem Handicap - so nannte er das Kopftuch - auseinandersetzen zu wollen. Wie sehr muss man türkische Mädchen verachten, deren Väter, Onkels und die Brüder sie niemals in einem solchen Laden arbeiten ließen, um dieses Reporterinnen-Gaudi als Suche nach Integrationshindernissen zu verkaufen?

          Verkündungen des SED-Politbüros

          In der politischen Talkrunde schien zu Beginn noch kurz die Hoffnung auf, es könnte trotz des abwesenden Thilo Sarrazin etwas Licht in das Dunkel hysterischer Unterstellungen gebracht werden. Henryk Broder und Roger Köppel versuchten es zumindest. Cem Özdemir ließ sogar den „Stammeskrieger“-Vorwurf stecken, gab aber dafür den Oberlehrer und sprach nebulös von Leuten, die wohl irrtümlich glaubten, es gebe Probleme hierzulande, über die man nicht spricht. Nein, wir reden doch, rief Özdemir, und die Politik bringt es in Ordnung. War da was? Nein, alles in Ordnung; und gegen Ende der Sendung schien für die eine Hälfte dieser Runde und das ZDF die sarrazindurchrüttelte Welt eigentlich wieder ganz zufrieden.

          Kurz und staatstragend begründete Özdemir auch die geforderte Entlassung Sarrazins als Segen und notwendig, in seiner Darstellung geriet die Bundesbank fast zu einer zweiten Regierung, deren beschädigte Ehre „innen und außen“ nun wiederhergestellt wird. Ein wenig war man erinnert an die Verkündungen des SED-Politbüros, aber daran müssen wir uns wohl gewöhnen.

          Irgendwann, nach absurden Ausflügen zu Möllemann, den Italienern, Ahmadineschad und was einem sonst noch so einfällt, wenn das Objekt der Streitbegierde abwesend bleibt, versuchte der Schweizer Journalist Roger Köppel an das Buch zu erinnern, dass, unverständlich für ihn, überwiegend und regierungsamtlich so giftig bekämpft werde. Doch der Inhalt war nicht zum Thema zu machen, auf seine Frage, ob es nicht eher um den Wohlfahrtsstaat gehe, der mit seinen Zuwendungen die Integration offenbar eher behindere als fördere, mochte einfach niemand eingehen.

          Bernd Ullrich von der „Zeit“, der Grüne Özdemir und die Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan sprachen schließlich für eine imaginäre Gruppe, für ein Wir, dass von Thilo Sarrazin gekränkt worden ist. Denn am meisten, so Ullrich, habe ja nicht Sarrazin unter dieser Debatte zu leiden, sondern die liberalen und gebildeten Türken und Moslems, die entmutigt würden. Broders Einwand, die Kanzlerin habe den Ton gesetzt, obwohl sie doch nicht als Literaturkritikerin gewählt sei und damit versucht, die Debatte abzuwürgen, konterte Özdemir: Die Kanzlerin habe Schaden vom Land abwenden wollen und außerdem redeten sie doch alle Klartext. Mit dem Zweiten kann halt, wer will, tatsächlich alles besser gesehen werden.

          Nullkommanix ins Schöne gerechnet

          Schwenk ins Absurde. Frau Foroutan rief schließlich wie in den Hochzeiten ostdeutscher Gekränktheitsrituale „wir fühlen uns diffamiert“ (zuvor hatte sie noch „den Deutschen“ attestiert, die fühlten diese Misserfolge der Integration nur, die es so gar nicht mehr gäbe) und bedankte sich bei der Kanzlerin, weil die sich „vor uns Muslime“ gestellt hat. Und dann stellte sie gleich noch die gesamte Statistik-Analyse Sarrazins in Frage. Sie habe ganz andere Zahlen, rief Foroutan, schwenkte einen Zettel und trug mit atemraubender Geschwindigkeit vor, dass weder die Arbeitsmarktzahlen für Migranten noch die Bildungsmisere noch die Gewalttaten türkischer und arabischer Jungen oder die Familiengrößen muslimischer Einwanderer irgendeine Richtigkeit hätten. Kurzum, vergessen Sie Bildungsberichte und Mikrozensus, das rechnet Ihnen Frau Foroutan von der Humboldt Universität Berlin in Nullkommanix hinüber ins Schöne!

          Die Talkrunde war verblüfft und nicht einmal Maybritt Illner mochte da noch die anderslautende Fakten-Analyse ihrer Redaktion, nachzulesen im Internet, dagegenhalten. Höflich ironisch meinte lediglich Roger Köppel zu diesem statistischen Taschenspielertrick, dass sie, Frau Foroutan, sollte sie sich geirrt haben, wenigstens nicht fürchten müsse, dann ihren Job zu verlieren. Naika Foroutan leitet an der Universität das Projekt „Heymat“ und kreiert dort, unbelastet von den Integrationsproblemen dieses Landes, die „Neuen Deutschen“. Der Begriff, so steht es im Internet, wurde von ihr bewusst gewählt „in Abgrenzung zum Begriff der 'alteingessenen Deutschen', die für sich Etabliertenvorrechte reklamieren“.

          Damit ist jetzt also Schluss, die Politikwissenschaftlerin scheint ihre Identitätsforschung gleich mit einer ganz eigenen, neuen deutschen Wohlfühlstatistik ergänzen zu wollen. Deren Premiere und ihr Alleinstellungsmerkmal, die Unüberprüfbarkeit, konnte der Zuschauer am Donnerstagabend bei Maybritt Illner erleben. Nun freue dich doch endlich, Deutschland.

          Weitere Themen

          Kein Weg führt nach Utopia

          Ágnes Heller über Freiheit : Kein Weg führt nach Utopia

          Freiheit ist das Signum der Moderne. Aber auf den faktischen Gebrauch dieser Möglichkeit der Wahl kommt es an für das soziale und politische Leben heute: Diese Rede schrieb die ungarische Philosophin Ágnes Heller kurz vor ihrem Tod.

          Topmeldungen

          „Verschrotter“ gegen „Planierraupe“: Renzi am Dienstag im italienischen Senat

          Regierungskrise in Italien : Im Land der wilden Matteos

          Italiens früherer Ministerpräsident Renzi wittert in der Regierungskrise die Gelegenheit für ein Comeback – und versucht nun, die Neuwahlpläne seines Erzfeindes Salvini zu durchkreuzen. Der Publizist Massimiliano Lenzi prophezeit einen „langen Krieg der Matteos“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.