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Fernseh-Frühkritik: Maybrit Illner : Gabriels Sternstunde nach Sarrazins Abgang

Er war nicht da, aber es ging um ihn und sein Buch: Thilo Sarrazin Bild: dpa

Vor der Sendung wurde bekannt, dass Sarrazin die Bundesbank verlässt. Umso wichtiger war es, dass sich die Runde bei Maybrit Illner im Detail mit den biologistischen Thesen seines Buches auseinandersetzte. SPD-Chef Gabriel argumentierte glänzend.

          Soll man so tun, als spreche aus Thilo Sarrazins Buch kein biologistisches Menschenbild, nur weil er in vielen gesellschaftspolitischen Befunden recht hat? Die Runde bei Maybrit Illner zeigte sich nicht bereit, auf die Probleme der Integration mit einer genetisch ausgerichteten Gesellschaftspolitik zu antworten. Von „unerträglichen und falschen Schlussfolgerungen“ Sarrazins sprach Georg Mascolo, der Chefredakteur des Spiegel, der die SPD freilich dazu aufrief, die Debatte über Integrationsverweigerung und Missbrauch des Sozialstaats nun „anständig“ zu Ende zu bringen. Es gebe „gute Gründe, warum man im Jahre 2010 nicht mit genetischem Halbwissen hantieren sollte“, meinte die Schriftstellerin Thea Dorn. Und Sigmar Gabriel legte in einem leidenschaftlich bewegten, in der Sache aber kühl durchargumentierten Plädoyer dar, wo für seine Partei die „rote Linie“ verlaufe, jenseits derer die Politikfähigkeit aufhöre.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Nein, es werde gegen Thilo Sarrazin in der SPD keinen „kurzen Prozess“ geben, gab der Parteichef zu verstehen und stimmte insoweit der Ansicht zu, eine Volkspartei müsse die Meinungsfreiheit ihrer Mitglieder aushalten. Wenn er dennoch ein Parteiausschlussverfahren anvisiere, dann schließe dies ein Widerspruchsrecht ein und setze eine Debatte voraus, bei der sich zeigen werde, ob Sarrazin die Integrationsfrage weiterhin auch eugenisch diskutieren wolle oder nicht.

          „Massive Probleme“ bei der Integration

          „Ich will keine Selektion nach Genetik und Erbmaterial“, erklärte Gabriel, der im übrigen „massive Probleme“ bei der Integration und entsprechende Defizite seiner Partei einräumte. Die SPD dürfe aber nicht mit der Aufforderung an den Staat identifiziert werden, über eugenische Anreize in die Bevölkerungsentwicklung einzugreifen. Wenn derart grundsätzliche Fragen des Menschenbildes berührt seien, verbiete sich jeder Opportunismus, der frage, ob die Debatte den Umfragewerten der Partei schade.

          Entschieden setzte sich Gabriel mit innerparteilichen Vorbehalten an seiner klaren Linie auseinander. Klaus von Dohnanyi etwa gab im Einspielfilm zu Protokoll, Sarrazins Buch habe mit Biologismus nichts zu tun. Demgegenüber bot Gabriel Lektürekenntnis auf und bezog sich insbesondere auf Sarrazins Plädoyer, die Mendelschen Vererbungsgesetze auf Darwins Theorie der natürlichen Zuchtwahl zu beziehen und daraus ein gesellschaftspolitisches Programm abzuleiten. Dass Sarrazin die mit einem solchen Programm verbundene geschichtliche Katastrophe, zu der „Sterilisation und Rassenhygiene“ gehören, unerwähnt lasse, hält Gabriel für eine politische Obszönität, von der sich seine Partei abzugrenzen habe.

          Prämien für Akademikerkinder

          Im Buch zeigt Sarrazin denn auch tatsächlich Unverständnis darüber, dass man sich von Eugenik als politischer Option distanziert habe. So heißt es dort im achten Kapitel, auf das sich Gabriel bezog: „Der britische Biologe Julian Huxley integrierte Darwins Theorie in die Mendelsche Genetik und analysierte die dysgenischen Folgen einer unterdurchschnittlichen Fruchtbarkeit der gebildeten Schichten. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es immer mehr Angriffe auf die Fragestellung. Diese Attacken waren letztlich Ausdruck von Wertungen, die gewisse Fragen als unzulässig verwarfen. Aber sie waren nicht empirisch begründet.“ Gabriel ließ keinen Zweifel daran, dass solche von Sarrazin kritisierten Wertungen für eine Partei unabdingbar sind, die Politik nicht mit der Durchsetzung von Naturgesetzen verwechselt.

          Ungerührt führte der glänzend vorbereitete SPD-Chef Sarrazins Aufforderung an den Staat vor, Prämien für Akademikerkinder zu zahlen, von denen - wie es im Buch heißt - keine „dysgenetischen Effekte“ zu erwarten seien. Sarrazin schlägt vor, „bei abgeschlossenem Studium für jedes Kind, das vor Vollendung des 30. Lebensjahres der Mutter geboren wird, eine staatliche Prämie von 50.000 Euro“ auszusetzen. Diese Prämie darf nach Ansicht des zurückgetretenen Bundesbankers „allerdings nur selektiv eingesetzt werden, nämlich für jene Gruppen, bei denen eine höhere Fruchtbarkeit zur Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur besonders erwünscht ist“. Wer sich von „solchem Unsinn“ nicht distanziere, so Gabriel, schade der dringend erforderlichen Integrationsdebatte. Im Vorübergehen parierte er die Versuche Günther Becksteins, diese Debatte unter der Überschrift Leitkultur zu führen. In den ersten zwanzig Artikeln unserer Verfassung stehe bereits alles drin, so der SPD-Chef, was man von bürgerlicher Loyalität erwarten könne und müsse. Man wird diese Sendung als Gabriels Sternstunde im Gedächtnis behalten.

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