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Fernseh-Frühkritik: „Hart aber fair“ : Ein Mann auf verlorenem Posten

  • -Aktualisiert am

Kein Max Weber: Thilo Sarrazin im Studio von „Hart aber fair” Bild: REUTERS

Thilo Sarrazin hat sich in seinem Buch bemüht, jede Menge Ängste, Falschinformationen, Mutmaßungen und Projektionen zu bewältigen. Die Art und Weise, wie er damit umgeht, lässt auf eine große intellektuelle Einsamkeit schließen. Sie trat bei „Hart aber fair“ deutlich zutage.

          Ein Mann sitzt bei einem Psychotherapeuten. Nicht dass ihm wirklich etwas fehlt, er hatte nur so komische Panikanfälle während seiner Vorlesung. Er arbeitet als Geschichtsprofessor und hält nichts von Psychoanalyse, was er dem Therapeuten auch wortreich und überzeugend erklärt. Nur besorgten Kollegen zuliebe ist er überhaupt hergekommen, er findet den Termin übertrieben und nutzlos. Der Therapeut hebt ratlos die Schultern. Da er doch nun schon mal hier sei, könne man sich doch auch etwas unterhalten, schlägt er vor und fragt, wann denn der erste dieser Anfälle aufgetreten sei? Der Professor antwortet, das sei vor rund drei Wochen gewesen, an einem Donnerstag. Was denn an diesem Tag sonst war, fragt der Therapeut. Nichts eigentlich, antwortet der Patient. „Da habe ich nicht gearbeitet, da war die Beerdigung meines Vaters.“

          Nun bittet der Therapeut um Entschuldigung: Er muss lachen. An diese Schlüsselszene aus Cedric Klapischs Film „So ist Paris,“ in der Fabrice Luchini den in der Lebensmitte verirrten Historiker gibt, erinnerte „Hart aber Fair“ mit Thilo Sarrazin. Der Moment kam relativ früh, als Sarrazin auf sein Interview vom vergangenen Sonntag zu sprechen kam, in dem er nach den genetischen Grundlagen von Kultur gefragt wurde. Da habe er nur nach einem naheliegenden Beispiel gesucht, er hätte die Ostfriesen anführen können, aber: “Ich weiß auch nicht, warum ich als erstes die Juden genannte habe.“ Nun mussten Historiker um eine unfreiwillige Lachpause bitten.

          Thilo Sarrazins Verdienst ist es, solche Schlüsselszenen zur deutschen Psyche zu bieten. Mit ihm entdecken wir das unkorrekte, unzeitgemäße Unbewusste in der deutschen Kultur. Die gestrige Sendung hat das sehr gut darstellen können: Es gibt keine neuen Erkenntnisse oder wissenschaftlich seriösen Thesen in seinem Buch, dennoch ist es wichtig, weil es die Tür zu einem Dachboden öffnet, auf dem sich Manches angesammelt hat: Ängste, Falschinformationen, Mutmaßungen und jede Menge Projektionen. Manche seiner Beschreibungen treffen auch glatt zu - aber mit den von ihnen vermuteten Ursachen haben sie wiederum nichts zu tun. Sarrazin hat sich bemüht diesen ganzen Kram zu bewältigen, alles in eine schlüssige Form zu bringen - aber auf eine Art und Weise, die auf eine große intellektuelle Einsamkeit schließen lässt.

          Viele muslimische Migranten sehen sich gar nicht als Muslime

          Er hat, so schilderte er es in der Sendung, bei diversen statistischen Stellen angerufen, um die Leistungen und Merkmale der „muslimischen Migranten“ aufgeschlüsselt zu bekommen. Daran ist er gescheitert und hat sich die Daten dann selbst, unter anderem aus dem Mikrozensus, zusammengereimt. Offenbar hat ihn aber keiner gefragt, was er mit den Daten denn vorhabe. Ab einem gewissen Grad in der sozialen und politischen Hierarchie erfährt man keinen Einspruch mehr, zumal wenn man sich auf ein Feld abseits des eigenen Berufs bewegt. Niemand hat ihm erklärt, dass viele „muslimische Migranten“ sich gar nicht als Muslime sehen und ganz froh sind, ihrer Ursprungsgesellschaft entkommen zu sein. Offenbar kennt er auch die heftigen Diskussionen innerhalb des Islams nicht, wo Autoren wie Reza Aslan und Irshad Manji nicht auf ihn gewartet haben, um ihre Glaubensgemeinschaft zur Demokratisierung und Modernisierung anzutreiben.

          Auch Ayaan Hirsi Ali stammt aus einer streng religiösen Familie, sie sagt selbst, aus ihr hätte auch gut ein weiblicher Mohammed Atta werden können. Stattdessen wurde sie, erst in den Niederlanden, an der Seite des ermordeten Theo van Gogh, nun in den Vereinigten Staaten, die expliziteste Kritikerin des Islam. Doch sie ist keine Mutantin und nicht vom Himmel gefallen. Sie ist ebensowenig als statistischer Einzelfall abzutun wie die paar Dichter und Denker des klassischen Zeitalters, von denen alle Deutschen so viel Stolz beziehen. Doch solche muslimischen Fortschrittsdenker scheint Sarrazin nicht zu kennen. Völlig rätselhaft ist schließlich, dass Thilo Sarrazin nicht die politische Dimension des Problems zu erkennen scheint.

          Die politische und intellektuelle Einsamkeit Sarrazins wurde deutlich

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