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Fernseh-Frühkritik: Beckmann : Ein Impfstoff namens Sarrazin

  • -Aktualisiert am

Typisch - für eine bestimmte Art von Sozialdemokraten: Thilo Sarrazin und die protestantische Pfarrhäuser bei „Beckmann” (l. Aygul Özkan) Bild: dpa

Özdag, Özkan, das özt doch egal: Thilo Sarrazin wirkt bei „Beckmann“ wie eine Figur von Wolfgang Menge - so richtig aufregen will und kann sich darüber keiner. Denn sein Altmann-Gemecker ist zwar xenophob, wirkt im Fernsehen aber hilflos.

          Thilo Sarrazin könnte sich, nach dem englischen Spruch, noch als blessing in disguise erweisen, als Segen, der zunächst ganz anders wahrgenommen wird. Seine komischen Ansichten, denen er mit eigenwillig selektierten Fakten und mühsam uminterpretierten Forschungsergebnissen den Anschein von wissenschaftlicher Objektivität verleihen möchte, werden, in ganz Europa übrigens, von vielen geteilt. Sein Buch stellt diese bürgerliche Fremdenangst in extenso dar, ohne dass sich dessen Autor zum Volkstribun oder zum Chef einer rechtsextremen Partei eignen würde. Man kann hier also endlich einmal zeigen, was an diesen Aussagen zutreffend ist, was eine Fehlinterpretation und was geradewegs in die Katastrophe führt.

          Sarrazin könnte, entgegen seiner Absicht, die Abwehrkräfte gegen seine Art von bornierter und fantasieloser Kinderbewertung mobilisieren. Sein Buch ist ein Impfstoff. Wer es liest, schüttelt sich und weiß dann: Dies ist der falsche Weg. Doch wie geht das Fernsehen damit um? Von seinem Habitus her ist Thilo Sarrazin dem Medium fremd. Bei Beckmann musste er mehrmals neu ansetzen, um selbst seine elementarsten Argumente zu formulieren. Mit dem Hin und Her so einer Talksendung wird er nicht fertig, ihm fallen keine Repliken ein und keine schlagenden Beispiele. Wenn es ihm zu viel wird, und das passiert recht schnell, hebt er beide Hände seitlich auf Höhe seines Gesichts und sagt den Namen des Moderators.

          Das Jörg-Haider-Gen ist bei Sarrazin also nicht nachzuweisen. Andererseits müssen sich seine Opponenten im Studio etwas einfallen lassen, denn direkte Angriffe kann Sarrazin mit seiner umständlichen Art schlecht parieren, dann haben die Zuschauer Mitleid mit ihm. Bald agieren alle mit halber Kraft, die Folge ist eine langweilige Sendung.

          Typisch für bestimmte Sozialdemokraten

          Beckmann war gut vorbereitet, er konnte beide Positionen vertreten und wechselte freudig und besorgt von einem Gast, einem Thema zum nächsten wie ein gewissenhafter Hütehund. Allerdings beherrschte er damit das Feld derart, dass man nicht mehr wusste, wozu er sich noch Gäste eingeladen hatte. Olaf Scholz wirkte müde, und als er darlegte, der Parteiausschluss von Sarrazin werde „ein ordnungsgemäßes Verfahren, das im Kreisverband seinen Ausgangspunkt hat“, da klang er wie aus einem Sketch von Loriot.

          Dabei ist Sarrazins Weg nicht untypisch für Männer, die eine ganze Karriere mit der SPD verbracht haben. Mit den Jahren gerät ihnen die Beschäftigung mit den Kernthemen der Partei, mit Arbeitslosigkeit, Unbildung und Armut, zu einer Obsession, bis sie das Problem mit seinen Patienten verwechseln. Dann findet man höhere Beamte der Arbeitsagentur, die über die Arbeitslosen schimpfen; Lehrer, die ihre Schüler hassen und Sozialpolitiker, die über ihre Klienten ätzen. Es klingt, als sei es auch Sarrazin so ergangen: Wenn die Armen und Dummen keine Kinder mehr bekommen, so wird er sich eines Tages gedacht haben, dann verringert sich auch die Armut und Dummheit in der Welt. Und umgekehrt: Wenn sie sich vermehren, gibt es bald kein gepflegtes protestantisches Pfarrhaus mehr.

          Das hat es Sarrazin, auch sehr typisch für eine bestimmte Sorte Sozialdemokraten, besonders angetan, denn Pfarrer sind ja wie Beamte, dazu die vielen schönen Bücher in den geräumigen Häusern - ein Traum wie aus der „Vorwärts“-Wochenendbeilage. Keiner in der Beckmann-Runde wandte ein, dass auch Terroristen und Nazi-Unholde aus protestantischen Pfarrhäusern kamen, aber das ist nur einer von vielen Aspekten, den man gegen das Buch vorzubringen hat. Wichtiger wiegt, dass Sarrazin eine nostalgische Zukunftsvision pflegt. Für eine dynamische, kreative Wirtschaft, die nicht nur Professoren und Pfarrer, sondern eben auch Unternehmer und Künstler auf heute noch unregulierten Betriebsfeldern braucht, in Fächern, für die es noch keine Schule gibt, hat er kein Gespür.

          Was hätte Willy Brandt eigentlich von Sarrazins Thesen gehalten?

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