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FAZ.NET-Frühkritik: „Anne Will“ : „Eine Art Geschichtszeichen“

Auch bei „Anne Will” das Thema der Woche: Thilo Sarrazin Bild: ddp

In der Talkshow von Anne Will tritt die Sarrazin-Debatte in ihre nächste Phase ein. Und in dieser haben die Politiker einen schweren Stand, ganz gleich, welcher Partei sie angehören. Es geht um nicht weniger denn ihre Existenz.

          Anne Will hat die Debatte nicht auf die Spitze getrieben. Die Politiker, die am Sonntag stellvertretend für ihre Parteien in ihrer Runde saßen - Klaus Wowereit für die SPD, Wolfgang Bosbach für die CDU und Katrin Göring-Eckardt für die Grünen -, sind mit einem blauen Auge davongekommen. Weit aus der Reserve mussten sie sich beim Thema „Sarrazin weg - Integrationsproblem gelöst?“ bewegen, doch ob dem Taten folgen oder sie es nur als Schuss vor den Bug nehmen und den Kurs beibehalten, bleibt die Frage. Die Frage lautet, ob sie sich auch den negativen Seiten der Integrationsdebatte stellen und die Rufe jener hören, die sich täglich ganz praktisch mit der Materie befassen. Ob sie bereit sind, sich mit jenen auseinander zu setzen, über deren Zahl man genauso streiten kann wie über die Religion, die für ihren Lebenswandel steht. Bislang durfte man den Eindruck haben, dass dem nicht so ist. Es gab andere, die vor Thilo Sarrazin darauf hingewiesen und den Befund, dass etwas schiefläuft im Staate, nicht mit krudem Biologismus verbunden haben. Doch wollte man ihnen zuhören?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Keine politische Entscheidung“

          Kirsten Heisig zum Beispiel, der verstorbenen Jugendrichterin, die deutlich beschrieben hat, was aus dem Libanon stammende, kriminelle Familienclans in Berlin anrichten. Jetzt, da die SPD schwer an dem Entschluss trägt, Thilo Sarrazin aus der Partei auszuschließen, gilt ihr Wort plötzlich; nun hört auch Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit zu, dessen Stadtregierung bis dato Staatsanwälte, die aus der Kriminalstatistik zitieren, kalt stellte. Selten hat man den angriffslustigen Wowereit so defensiv gesehen wie an diesem Abend, selten so in Übereinstimmung mit Wolfgang Bosbach. Peinlich war es, mit ansehen und hören zu müssen, wie dieser sagte, dass Sarrazins von der Politik betriebene Entlassung bei der Bundesbank „keine politische Entscheidung“ gewesen sei. Dabei hat die Bundeskanzlerin Angela Merkel für jeden hör- und sichtbar der Bundesbank die Instrumente gezeigt. Pech für sie, Pech für den SPD-Parteichef Sigmar Gabriel, dass sich das Thema nicht mit der Entlassung Sarrazins erledigt. Es wäre ja auch zu schön, Fehler, die man jahrzehntelang begangen und Missstände, die man konsequent ignoriert hat, mit einer Personalie von heute auf morgen erledigten.

          Für März 2011 sollte Anne Will sich abermals das Thema Migration vormerken

          Norbert Bolz, der Medienforscher, hat sicherlich Recht, wenn er Sarrazins Buch und die Affäre für eine Zäsur, oder, wie er es sagte, für „eine Art Geschichtszeichen“ hält. Das Volk lasse sich weder von der Politik noch von den „Jakobinern“ in den Feuilletons den Mund verbieten. Doch macht es sich Bolz zugleich viel zu einfach. Sarrazins Mischung aus zutreffender Umschreibung sozialer Realitäten und biologistischer Auslese kann man nicht kommentarlos unterschreiben. Er tut denjenigen, die seit Jahr und Tag auf die Probleme der Integration hinweisen, keinen großen Gefallen außer dem, dass er die Debatte, die sonst bei jeder passenden Gelegenheit aufflammt und schnell wieder versiegt, - vielleicht - verstetigt. Er wolle doch einmal sehen, wie es in einem halben Jahr aussehe, sagte Wolfgang Bosbach. Genau - das wollen wir wirklich sehen, durchaus gerne bei Anne Will im Ersten, die sich das Thema für den März 2011 schon einmal vormerken sollte.

          „Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft“

          Ob Katrin Göring-Eckardt dann immer noch so bei sich und selbstgewiss ist wie am Sonntagabend? Für sie ist die Sache klar und so einfach, wie die Grünen es sich seit geraumer Zeit machen und damit immer höhere Umfrageergebnisse erzielen: Es gibt Ängste in der Gesellschaft und diese werden auf einen Sündenbock projiziert - hier die Zuwanderer. Es gibt einen Rassismus in der Mitte der Gesellschaft und es gibt ein kleines Problem mit zugewanderten Kriminellen. Dass man Letzteres in Form sich ausbreitender Parallelgesellschaften vielleicht für nicht gar so klein halten und sich damit nicht abfinden wollen kann, ohne eine Rassist „aus der Mitte der Gesellschaft“ zu sein, passt ins Weltbild einer Katrin Göring-Eckardt offenbar nicht. Sarrazin sei hysterisch, nicht die Politik, nicht diejenigen, die an diesem Abend diskutierten, sagte sie. Doch das stimmt nur zum Teil. Sarrazin mag hysterisch sein, die politische Klasse aber ist oft genug ignorant. Erstaunlich, dass Anne Will die Debatte nicht auch auf die Frage lenkte, wer denn aus der Debatte um Thilo Sarrazins Buch politisches Kapital schlagen könnte. Der Erfolg von Rechtspopulisten in unseren Nachbarländern müsste den demokratischen Parteien Mahnung sein. Dass die Idee einer Sarrazin-Partei im Augenblick nicht zieht, sollte gerade die Volksparteien nicht in falscher Sicherheit wiegen.

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