https://www.faz.net/-gsj-6kc7i

Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern im Interview : Jeder kann das große Los ziehen

  • Aktualisiert am

Die Zwillingsforschung zeigt: Gene haben eine große Bedeutung beim Zustandekommen von Intelligenzunterschieden Bild: dpa

Thilo Sarrazin beruft sich für sein Programm der positiven Selektion auf die Lernforschung der Psychologin Elsbeth Stern. Sie lehnt diese Vereinnahmung ab. Es mache keinen Sinn, davon zu sprechen, Intelligenz sei zwischen 50 und 80 Prozent erblich.

          4 Min.

          Frau Stern, Thilo Sarrazin erwähnt Sie in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ als einen seiner Kronzeugen. Fühlen Sie sich verstanden oder missverstanden?

          Herr Sarrazin beruft sich auf Aussagen, die, aus dem Kontext gerissen und nicht korrekt wiedergegeben, zu Missverständnissen führen. Er redet von 50 bis 80 Prozent Erblichkeit bei der Intelligenz. Das macht aber wissenschaftlichen keinen Sinn. Man muss von Erblichkeit von Intelligenzunterschieden sprechen. Dazu müsste man verstanden haben, dass der Intelligenzquotient keine absolute Größe ist, sondern die relative Abweichung einer Person vom Mittelwert des Testverfahrens beschreibt. In wissenschaftlichen Untersuchungen möchte man wissen, wie viel Prozent der Unterschiede auf Unterschiede in den Genen zurückzuführen sind. Dies kann man in statistischen Analysen ermitteln, in denen eineiige und zweieiige zusammen aufgewachsene Zwillingspaare verglichen werden.

          Was wurde dabei festgestellt?

          In allen Studien findet man, dass eineiige Zwillingspaare eine deutlich höhere Übereinstimmung im IQ zeigen als zweieiige Zwillingspaare, obwohl beide Arten von Zwillingspaaren sehr ähnliche Erfahrungswelten haben (Gebärmutter, Kinderzimmer, Kita, Schule). Dies belegt die Bedeutung der Gene beim Zustandekommen von Unterschieden.

          Elsbeth Stern

          . . . und macht das Intelligenz-Gen dingfest?

          Nein, man darf sich kein Intelligenz-Gen vorstellen, welches das Bearbeiten eines Intelligenztests steuert. Die genetischen Voraussetzungen zur Entwicklung von Intelligenz und ihren Unterschieden, über die wir bisher nur ganz wenig Detailwissen haben, können sich nur bei entsprechenden Lerngelegenheiten entfalten.

          Sie werden von Sarrazin mit der Aussage zitiert, „dass die optimale Förderung eines jeden Schülers nicht zu mehr Gleichheit, sondern zu mehr Ungleichheit führt. Denn je größer die Chancengleichheit, desto mehr schlagen die Gene durch. Eine gute Schule, das mag nicht jedem gefallen, produziert Leistungsunterschiede auf hohem Niveau.“ Was meinen Sie damit?

          Eine gute Schule sorgt dafür, dass sich jeder entsprechend seinen Voraussetzungen zu seinem Optimum entwickeln kann. In einer guten Schule lernt jeder mehr als in einer nicht so guten Schule. Der Durchschnittswert steigt an. Gleichzeitig können Menschen, die besonders gute Voraussetzungen mitbringen, gute Lerngelegenheiten so effizient nutzen, dass sie sich damit eine neue Welt erschließen. Beispiel: Von einer Grundschule, die sehr guten Leseunterricht macht, profitieren alle Kinder, auch die Schwächsten. Die besten Kinder aber werden sich schon früh eigenständig Bücher besorgen, und sie bauen ihren Vorsprung aus. Wir müssen es positiv sehen, wenn alle besser werden und manche noch stärker zulegen.

          Ihre Wissenschaft, die Experimentelle Psychologie, spricht vom menschlichen Optimum, als handele es sich um eine abrufbare Fixgröße. Wenn man diesen Tribut an die Expertensprache leistet, was sagen dann Gesellschaftsordnungen über den Einfluss der Gene aus?

          Im Prinzip gilt: Je größer die Leistungsgerechtigkeit einer Gesellschaft ist, um so größer ist die Chance, dass Menschen mit guten genetischen Voraussetzungen ihr in den Genen angelegtes Potential für die Intelligenzentwicklung nutzen und beruflichen und schulischen Erfolg haben. In ungerechten Gesellschaften sind sozialer Hintergrund und Beziehungen wichtiger als Begabung. Kürzlich ist eine Untersuchung veröffentlicht worden, in der gezeigt wurde, dass Berufserfolg in Schweden stärker von den genetischen Voraussetzungen abhängt als in den Vereinigten Staaten. Das bestätigt unser Bild von Skandinavien als einer sozial durchlässigen Gesellschaft.

          Was bringen solche sortierenden Kollektivbefunde, wenn man doch dem einzelnen Menschen nicht ansehen kann, wie viel Prozent seines geistigen Vermögens genetisch und wie viel Prozent anderweitig beeinflusst ist?

          Gesellschaftspolitisch lassen sich dennoch Schlüsse ziehen. So manches Akademikerkind bleibt in den Schulleistungen hinter den Erwartungen zurück und nicht selten zeigen Intelligenztests, dass das Kind nicht das Potential der Eltern hat. Das mag zwar enttäuschend für die Eltern sein, aber die Vererbung von Intelligenz ist eine sehr komplexe Angelegenheit, wo etliche Zufälle bei der Bildung von Eizellen und Spermien sowie bei der Befruchtung eine Rolle spielen.

          Ich erinnere mich an eine entsprechende Filmpointe von Woody Allen...

          Wenn die Eltern dabei das große Los gezogen haben, ist es nicht wahrscheinlich, dass das in der nächsten Generation noch einmal passiert. Umgekehrt können auch weniger intelligente Eltern Erbsubstanz in sich tragen, die ihrem Nachwuchs in einer gerechten Gesellschaft zu ungeahnten Höhenflügen verhilft.

          Wie zuverlässig lässt sich das erwähnte große Los, der Höhenflug, denn mit Hilfe von Intelligenztests messen? Anders gefragt: Welche Auskunft über das geistige Vermögen eines Menschen gibt die effiziente Bewältigung von Denksport- und Knobelaufgaben?

          Intelligenztests geben Auskunft über das geistige Potential einer Person, aber sie sind nur ein Baustein der menschlicher Kompetenz. Für die meisten Anforderungen auch im akademischen Bereich muss man kein Überflieger sein, und ein Weniger an Intelligenz kann durch ein Mehr an Fleiß ausgeglichen werden. Um seine Intelligenz nutzen zu können, muss man sie in einen Anforderungsbereich oder in ein Fachgebiet investieren.

          Machen Intelligenztests in den Hochzeiten von Hirnforschung und Kognitionswissenschaft nicht doch einen etwas altbackenen Eindruck? Muss man nicht gar von einer speziellen Idiotie der Intelligenztests sprechen?

          Das sehe ich anders. Wenn wie das Lernpotential einer Person in einem für sie neuen Gebiet vorhersagen wollen, dann sind Intelligenztests besser geeignet als alle anderen diagnostischen Maßnahmen. Mit nicht-sprachlichen Intelligenztests würde man auch manches begabte Immigrantenkind identifizieren können, das aufgrund seiner unzureichenden Sprachkompetenz falsch eingestuft wird. Es sind in Deutschland Fälle von straffällig gewordenen Migranten mit Hauptschulabschluss verbürgt, wo erst der Gefängnispsychologe eine Hochbegabung festgestellt hat.

          Wird es im Sinne Sarrazins zu einem Einbruch des Durchschnitts-IQ in Deutschland kommen, wenn Menschen, die sich in der unteren Hälfte der Intelligenzverteilung befinden, mehr Kinder bekommen?

          Nein. Vielmehr gehen wir davon aus, dass bei der Ausbildung und Entwicklung von Intelligenz sehr viele über alle Chromosomen verteilte Gene zusammenwirken. Eltern und Kinder zeigen nur eine mittelhohe Übereinstimmung im Intelligenzquotienten. Unterdurchschnittlich intelligente Eltern können überdurchschnittlich intelligente Kinder haben und umgekehrt. Das Ungleichgewicht in der Fortpflanzung müsste noch über viele Generationen gehen, bevor der IQ merklich absinkt. Die größte Gefahr für eine gesellschaftliche Verdummung besteht darin, dass soziale Herkunft für Schul- und Berufserfolg wichtiger ist als Intelligenz und Begabung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Abwarten: Salvini und Unterstützerinnen auf einer Kundgebung am 23. Januar in Bibbiano

          Trotz Wahlniederlage : Salvini gibt nicht auf

          Italiens früherer Innenminister ist bei den Regionalwahlen gleich doppelt gescheitert und die Regierung von Ministerpräsident Conte bekommt Luft zum Atmen. Trotzdem darf Salvini hoffen, eines Tages Ministerpräsident zu werden.
          Der Stacheldrahtzaun des früheren Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.

          Holocaust-Gedenken : Die Lehren aus Auschwitz

          Die Erinnerung an den Holocaust bedeutet, an die absolute Unmenschlichkeit zu erinnern. Bekämpft werden muss aber auch die politische Lüge an sich. Die Lehren aus Auschwitz sind der Rechtsstaat und die Menschenrechte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.