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Die „Divan“-Debatte geht weiter : Viel Dichtung, wenig Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Seine poetische Anverwandlung des Islam ist fern von dogmatischer Lehrmeinung: Goethe-Statue in Frankfurt am Main Bild: Helmut Fricke

Goethe hat versucht, in poetischer Übersetzung den Geist der islamischen Kultur zu erfassen. Sein „West-östlicher Divan“ taugt nicht zur Beschreibung eines dogmatischen Islam und zur Haudrauf-Polemik.

          Das hat sich Goethe nicht träumen lassen, dass ihn die Gedichte aus seinem „West-östlichen Divan“, die er 1819 erstmals gesammelt gedruckt hat, nach fast zweihundert Jahren in einen politischen Streit um den Machtanspruch islamischer Kultur verwickeln könnten. Denn die Behauptung Thilo Sarrazins in seinem Beitrag für die F.A.Z. an Heiligabend (Thilo Sarrazin: Ich hätte eine Staatskrise auslösen können), dass schon Goethes erstes Spruchgedicht aus den „Talismanen“ „Ausdruck des umfassenden Machtanspruchs des Islam“ sei, enthält nicht nur einen Auslegungsirrtum, sondern auch einen methodischen Fehler.

          Das wörtliche Verständnis poetischer (und auch prophetisch-religiöser) Texte führt meist in die Irre. „Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Occident! / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“ So lauten Goethes Spruchzeilen. Sie übersetzen den Vers 142 aus der Zweite Sure des Koran. Doch schon ein kurzer Blick etwa in den „Divan“-Kommentar von Hendrik Birus hätte genügt, um zu erkennen, dass der Koran (und Goethe mit ihm) dabei meint, die Himmelsrichtung der Gebetshaltung sei deshalb bedeutungslos, weil die Betenden, in welche Richtung auch immer sie sich wenden, „Gottes Antlitz vor haben“. Dieser Gedanke an einen allgegenwärtigen und allwirkenden Gott hat Goethe bezwungen. „Die Erde ist überall des Herrn!“ schreibt er, in Anlehnung an Psalm 24,1, im Tagebuch seiner „Italienischen Reise“ schon am 3. März 1787.

          Unverständnis der Zeitgenossen

          Aber vielleicht wäre Goethe über die politische Instrumentalisierung des „Divan“ weniger überrascht gewesen, als wir uns das vorstellen. Denn die Reaktion der patriotisch aufgeregten Zeitgenossen auf seine „Hegire“ (das heißt seine „Flucht“) in den Orient war alles andere als ermutigend. Außer Hegel und Heine hat kein prominenter Kritiker die unerhörte Neuheit dieser Sprache und dieses in die Weltliteratur aufbrechenden Denkens erkannt. Auch der Verkaufserfolg war minimal. Noch um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert konnte man unaufgeschnittene Exemplare der Erstausgabe des „West-östlichen Divan“ beim Originalverleger kaufen.

          Die Romantiker, die sich um diese Zeit einem traditionalistischen Christentum zuwandten, hatten kaum Verständnis für Goethes Entdeckung der islamischen Kultur, auch nicht für die im „Divan“ beschworene Freundschaft mit Hafis, dem in Schiras geborenen, persischen Lyriker des vierzehnten Jahrhunderts. So hatte Achim von Arnim nur wenige läppische Spottverse für den „Divan“ übrig, und August Wilhelm Schlegel soll „mit gläsernem Ärger“ Goethe wegen dieses Buches „einen zum Islam bekehrten Heiden“ genannt haben.

          Goethe aber war von seiner Begegnung mit Hafis so entflammt und verjüngt, dass er die Wirkung von dessen Gedichten auf sein eigenes Werk mit dem Brand von Moskau (1812) verglich, in dem Napoleons Herrschaft zu Asche verbrannte. Eine so gewaltige poetische Erfahrung, wie sie Goethe 1814/15 inmitten des Umsturzes aller Herrschaftsverhältnisse in Europa widerfahren ist, eine Erfahrung, die auf eine neue Liebe vorausdeutete, blieb ein Unikat. Gerhart Hauptmanns und Georg Brittings Versuche, am Ende des Zweiten Weltkriegs Goethes Hegire nachzuahmen, sind misslungen.

          Seliger Genuss des Lebens

          Die Entstehungsgeschichte des „West-östlichen Divan“ ist deshalb faszinierend, weil an den darin enthaltenen und an den in seinem Umkreis entstandenen Gedichten zu beobachten ist, wie sich die Landschaft um Erfurt, die bunten Blumenfelder der Gärtnerstadt, in ein poetisches Schiras, wie sich Goethe und Marianne von Willemer in Hatem und Suleika verwandeln und die östliche Maske – im Fehlreim, weil nicht „Goethe“ auf „Morgenröte“ reimt – doch als Maske erkennbar bleibt: „Du beschämst wie Morgenröte / Jener Gipfel ernste Wand, / Und noch einmal fühlet Hatem / Frühlingshauch und Sommerbrand.“ Die Entstehungsgeschichte von Goethes „Divan“ ist ein Lehrstück über die Entstehung von Poesie aus Lektüre, Erfahrung und Inspiration.

          Nichts eignet sich deshalb schlechter zur Beschreibung eines dogmatischen Lehrgebäudes als die Aneignung des Geistes islamischer Kultur, wie sie Goethe in der Beschäftigung mit dem Orient gelungen ist. Er hat sich das Werk eines Dichters (eben des Mohammed Schems ed-Din Hafis) anverwandelt und dabei augenzwinkernd auch dessen Abweichungen vom Weg vorgezeichneter Lehrbahnen übernommen. Des Hafis Streit mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit schien Goethe den eigenen Konflikten mit „Wortgelehrten“ innig verwandt. Dass der Dichter nicht verstanden wird von jenen zelotischen Kritikern, die jedes seiner Worte drehen und wenden, bis es stumpf und glanzlos ins Gehege dogmatischer Zäune geworfen wird, gehört für Goethe zur Symptomatologie des Poetischen.

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