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Die Affäre Güner Balci : Eine Falle namens Thilo Sarrazin

  • -Aktualisiert am

Fallengelassenes Rollenmodell für aufstiegswillige junge Türkinnen: die Journalistin Güner Balci Bild: picture-alliance/ dpa

Die Journalistin Güner Balci sollte einen Film drehen. Unter Vorwänden wird ihr der Auftrag entzogen. Nebenbei wird ein Einbruch erfunden, der Diebstahl von Tonbändern. Erklärung: „Notlüge“. In diese Not hat sich eine Öffentlichkeit begeben, die es nicht schafft, die Wahrheit über ein Buch auszusprechen.

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          Professor Heinz Haber, der große Fernsehprofessor, zeigte uns in der Kinderstunde einmal, wie eine Kettenreaktion funktioniert. Auf dem Tisch lagen unzählige Mäusefallen. Haber, wie immer im weißen Kittel, ließ einen Tischtennisball hineinfallen, und der Ball sprang wild umher und löste Falle nach Falle aus.

          Sarrazins 464 Buchseiten sind 464 Mäusefallen. Und der Ball springt immer noch. Falle nach Falle schnappt zu. Es ist ein unglaubliches Schauspiel. Es begann beim Bundespräsidenten, der sich in den Rausschmiss einmischte, wie er es nicht hätte tun sollen, ging weiter bei der Bundeskanzlerin, die das Buch nicht gelesen hatte, aber eine Meinung besaß, ging weiter bei Sarrazins Anhängern, die von türkischen Milieus reden hörten, aber nicht ahnten, was Sarrazins Thesen über ihre eigene Intelligenz verhieß, ging weiter zur SPD, die ihn ausschloss und doch wieder nicht ausschloss, und weiter, von Mausefalle zu Mausefalle.

          Und Sarrazin steht da, im weißen Kittel, wie der gute Professor Haber, der doch nur erklären wollte, was die Welt zusammenhält, notfalls auch in Kreuzberg, aber das ist kein Programm für die Kinderstunde, sondern eins für den Comedy-Club.

          Ein Trojaner, der die Codes des öffentlichen Diskurses hackt: Thilo Sarrazin vor seinem umstrittenen Buch
          Ein Trojaner, der die Codes des öffentlichen Diskurses hackt: Thilo Sarrazin vor seinem umstrittenen Buch : Bild: Sarrazin

          Trojaner im öffentlichen Diskurs

          Güner Balci ist eine hochbegabte Fernsehjournalistin und Schriftstellerin. Sie wollte sich die Fallen einmal ansehen. Ein Jahr nach dem Ereignis, so glaubte sie, kann man einmal fragen, was von Sarrazin bleibt. Schon vor Monaten erkundigte sie sich, ob man bereit sei, mit ihr für eine im Auftrag des RBB verfasste Dokumentation vor der Kamera zu reden. Jakob Augstein fragte sie offenbar, Thilo Sarrazin und auch mich. Ein Jahr ist ein guter Rezeptionsparameter. Der Pulverrauch hat sich verzogen, und man könnte noch einmal feststellen, dass Sarrazins Buch kein Buch im klassischen Sinn ist, sondern ein Trojaner, geeignet, die Codes des öffentlichen Diskurses zu hacken.

          Ein Buch, das beispielsweise seinen Kronzeugen Sir Francis Galton den „Vater der frühen Intelligenzforscher“ nennt und keine Silbe – um das noch einmal zu wiederholen – darüber verliert, dass Galton zuerst und vor allem der Erfinder der Eugenik war und aus ihr erst seine Intelligenzthesen ableitete. Das ist ungefähr so, als sagte man von einem Drogendealer, er sei der Vater der Suchtprävention.

          Ein ominöser Diebstahl

          So in etwa verlief das Gespräch mit Frau Balci vor den Kameras des RBB. Sie hatte mittlerweile für das ZDF den kleinen Film „Sarrazin in Kreuzberg“ gedreht. Der spielte aber keine Rolle. Vier Tage später meldete sich die Produktionsfirma. Es sei eine Katastrophe passiert. In der Firma sei eingebrochen worden, die Sarrazin-Bänder alle gestohlen, man bitte darum, noch einmal kommen zu dürfen. Weil die Zeit dränge, aber ohne Frau Balci.

          Kein angenehmes Gefühl, wenn ungeschnittenes Material und dann auch noch zu Sarrazin auf dem grauen Markt gehandelt wird. Wer stiehlt Interviews? Türkische Nationalisten, die Güner Balci fast mehr bekämpfen als Thilo Sarrazin? Die Gegenseite, die ihm die Publicity neidet? Thilo Sarrazin selbst?

          Güner Balci ist wie vom Donner gerührt. Sie wisse nichts von einem Diebstahl. Sie wisse nur, dass sie am nächsten Tag zum RBB bestellt sei, weil man ihr den Film entziehen wolle. Anwälte seien dort auch.

          Kommunikation der permanenten Notlüge

          Anruf beim RBB, aber erst einmal, ohne vom Diebstahl zu reden. Ja, man müsse sich von Frau Balci als Autorin trennen, „das würden Sie auch machen“. Der „Aspekte“-Film sei unabgesprochen, Frau Balci sei jetzt zum Subjekt der Berichterstattung geworden. Auf die Frage, ob es einen vorauseilenden Gehorsam angesichts des politischen Wirbels gegeben habe, den Balcis Kreuzberg-Experiment ausgelöst habe, wird das Gespräch ganz unerfreulich. „Ihre Produktionsfirma sagt aber, der Sarrazin-Film sei gestohlen worden.“

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