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Demographischer Wandel : Seehofers Stimmungspolitik

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Aufsteigerin aus einem fremden Kulturkreis
          3 Min.

          Die Vierzig-, Dreißig- und Zwanzigjährigen in Deutschland sollten das Interview rot markieren, in dem Horst Seehofer behauptet, Deutschland benötige keine „Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen“. Kleinkindern sollte man es zurücklegen, und am Tag ihrer Volljährigkeit aushändigen. Wiedervorlage in zehn Jahren, und dann bis zur Mitte des Jahrhunderts zum Jahrestag immer wieder lesen. Die Bevölkerung wird Gelegenheit haben sich zu fragen, wie man 2010 als „Politik“ akzeptieren konnte, was in Wahrheit nur ein Ausdruck fast vollständiger politischer Unfähigkeit ist.

          Und die Älteren, die dem bayerischen Ministerpräsidenten jetzt applaudieren, weil sie noch ein paar Jahre ohne gesellschaftspolitische Großbaustelle leben wollen, sollten, da sie doch sonst auch nicht so bescheiden sind, ihre durchschnittliche weitere Lebenserwartung nicht kleinrechnen: sie werden sich nach der Einwanderung aus anderen Kulturkreisen noch sehnen, wenn ihnen bewusst geworden ist, was ein langes Leben in einer Gesellschaft heißt, die nur noch ein kurzes finanzieren kann.

          Deutschland wird ohne qualifizierte Einwanderung erodieren. Selbst die optimistischste Variante, die von hunderttausend qualifizierten Einwanderern und geringer Abwanderung jährlich ausgeht, zeigt, dass der Saldo nicht ausreicht. Das weiß vielleicht auch Seehofer, auch wenn er sich hütet das eigentlich entscheidende Problem anzusprechen: in Bayern etwa schrumpft der Anteil der Neunzehn- bis Vierundzwanzigjährigen bis 2025 um 14 Prozent, im Saarland und Berlin um 27 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern um fast 50 Prozent. Und damit kommt – bei gleichzeitigem Wachsen der Älteren – der Prozess überhaupt erst in Fahrt.

          Alles entscheidet sich heute

          Seehofer, der auch schon die Rente mit 67 in Frage stellte, suggeriert, man könne diese Schrumpfung über Einwanderung junger Menschen aus dem erweiterten EU-Raum auffangen. Aber praktisch alle europäischen Länder befinden sich in der gleichen Situation wie Deutschland. Bulgarien und die baltischen Staaten beispielsweise sind demographisch ein zweites Brandenburg. Selbst wenn es gelänge, deren junge Menschen nach Deutschland zu holen, reichte die Zahl nicht einmal aus, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Und es gibt mächtige Mitbewerber, die früher als Deutschland erkannt haben, dass Jugend eine Rarität wird.

          Die sechs anglo-amerikanischen Einwanderungsländer, von Australien bis Nordamerika, haben ihre Anforderungen an den Weltmarkt für Talente statistisch bereits formuliert. Sie benötigen, nur um ihre eigene Alterung zu verlangsamen (nicht einmal aufzuhalten), bis 2050 jährlich 1,68 Millionen qualifizierte Einwanderer – also mehr als die jährliche Zahl der Lebendgeburten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Polen zusammen. Womöglich kommt gar keiner, womöglich laufen die immer weniger werdenden qualifizierten jungen Menschen – die Kinder von heute – dem Land auch noch davon. Demographische Prozesse sind träge. Heute, und nicht erst 2020, entscheidet sich nicht nur, ob wir qualifizierte Zuwanderung aus allen Kulturkreisen bekommen, sondern auch, ob die heutigen Kinder in einer von finanziellen und psychologischen Belastungen – auch denen von nicht-integrierten muslimischen Parallel-Milieus – erodierenden Gesellschaft abwandern werden.

          Seehofer hat keine auch nur annähernd seriöse Antwort auf den demographischen Wandel. Seine Wortmeldung spielt sich vor dem Hintergrund einer psychosozialen Verstörung ab, die durch die politisch skandalöse Behandlung des ungelesenen Buches von Thilo Sarrazin aufgebrochen ist. Seehofer lässt sich lediglich auf das Spiel der Gegenseite ein und verfehlt damit seine Aufgabe ebenso wie Bundespräsident Wulff, der eine Rede hielt, die sich stellenweise anhörte, als sei der Islam eine verfolgte Minderheit in Deutschland.

          Kanadas vorbildliche Einwanderungspolitik

          Die Forderungen, die sich aus dem demographischen Wandel ergeben, kamen Wulff nicht in den Sinn. Die Sorge der Bevölkerung liegt nicht in der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, sondern umgekehrt, ob Deutschland nicht vielleicht eines Tages viel mehr zum Islam gehört als es ihm lieb sein kann. Wer das nicht versteht, der geht nicht nur an Stimmungen vorbei, er verkennt die Dynamik der fast unumkehrbaren demographischen Entwicklung.

          Das Bürgertum lebt davon, dass es sich ständig über die Aufstiegserfolge unterer Schichten regeneriert und im besten Fall sogar dadurch sogar wächst. Bürgerliche Politik, die ihren Namen verdient, weiß das. Die Hebel dafür heißen Leistung und Bildung, unabhängig vom Kulturkreis. „Kinder müssen mehr können als ihre Eltern, Einwanderer müssen mehr können als Einheimische“ – das ist das Credo der vorbildlichen kanadischen Einwanderungspolitik. Es ist nicht bekannt, dass Kanada Integrationsgipfel abhielte oder ideologische Debatten über unterschiedliche Kulturkreise führte. Das Land, in dem in den Schulen Demographiekurse angeboten werden, weiß, was es will und braucht. Das hinzubekommen ohne ideologische Bürgerkriege, ist die Minimalforderung an Politik. Stand Deutschland, heute: Sie ist damit gescheitert.

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