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Debatte um Sarrazin : Demographie, Intelligenz und Zuwanderung

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Eine Besuchergruppe sitzt am „Tag der offenen Moschee” während einer Führung durch den Innenbereich der Merkez Moschee in Duisburg auf dem Boden Bild: dapd

Schafft Deutschland sich ab? Den Ernst der Lage erkannt zu haben ist Sarrazins Verdienst. Die Wichtigkeit umstrittener Werturteile für seine Analyse wird von vielen überschätzt. Wer das nicht tut, kann ihm dankbar sein. Ein Essay von Erich Weede.

          Hat Thilo Sarrazin recht mit seinem Bestseller? Den Ernst der Lage erkannt zu haben ist Sarrazins Verdienst. Die Wichtigkeit umstrittener Werturteile für seine Analyse wird von vielen Kritikern und Sarrazin selbst überschätzt. Wer das nicht tut, kann ihm dankbar sein, dass er Zielkonflikte offenlegt, denen sich die deutsche Politik nicht stellt - allen voran die langfristige Unvereinbarkeit des existierenden Sozialstaates mit offenen Grenzen für Zuwanderung. Für Quantität und Qualität der Zuwanderung sind die Politiker, vielleicht auch die Richter verantwortlich.

          Sarrazin befürchtet, dass Deutschland seine Zukunft verspielt. Er begründet das mit drei Argumenten. Erstens bekommen die Deutschen nicht genug Kinder. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann werden Anfang des 22. Jahrhunderts vielleicht nur noch um die 20 Millionen autochthone Deutsche leben. Sarrazin bedauert das Aussterben der deutschen Sprache und Kultur. Das ist eine Wertung, die viele Deutsche teilen dürften. Verantwortlich für diese Entwicklung sind Millionen Paare, die sich gegen Kinder entschieden haben. Aus freiheitlicher Perspektive liegt es nahe, diese Entscheidung der Paare zu respektieren. Aufklärung darüber, dass zunehmende Kinderlosigkeit die Existenz Deutschlands oder der deutschen Kultur gefährdet, kann wenig zur Problemlösung beitragen. Denn selbst wenn ein Paar sich für ein Dutzend Kinder entscheidet, hat das keinen nennenswerten Effekt auf die Bevölkerungsentwicklung. Wenn ein Volk - wie die autochthonen Deutschen und viele andere europäische Völker - sich so verhält, als ob es aussterben wollte, kann eine freiheitliche Gesellschaft dagegen wenig tun.

          Zweitens vertritt Sarrazin die Auffassung, dass sich die Humankapitalausstattung Deutschlands bald verschlechtern wird, dass Wohlstand und Wachstum darunter leiden werden. Der Zusammenhang zwischen Humankapitalausstattung und Wohlstand oder Wachstum ist ökonometrisch abgesichert. Der Trend zur Verschlechterung der Humankapitalausstattung beruht auf den unterschiedlichen Reproduktionsraten der Schichten in Deutschland und auf der Zuwanderung von meist wenig Qualifizierten und deren hohen Reproduktionsraten. Die Aussagen über schichtenspezifische Reproduktionsraten und Zuwanderung sind kaum bestreitbar. Was die Kritiker gegen Sarrazin aufbringt, ist, dass er das mit einer Erbtheorie der Intelligenz verbindet, die zwar von vielen Psychometrikern vertreten wird, aber heftige Gegner innerhalb und außerhalb der Wissenschaft hat. Für Sarrazins Kritiker ist sein „Biologismus“ oder gar „Rassismus“ der Kern des Buches.

          Thilo Sarrazin im Hotel Oranien in Wiesbaden

          Drittens vertritt Sarrazin die Auffassung, dass die Einwanderung von wenig qualifizierten Menschen, die oft keinen Arbeitsplatz finden, Deutschland schadet. Die Masse der wenig qualifizierten Zuwanderer stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei, den arabischen Ländern oder Afrika. Die meisten dieser Zuwanderer bekennen sich zum Islam. Weder beim Qualifikationsniveau der Zuwanderer noch bei deren bescheidener Beteiligung am Arbeitsmarkt sollte man Sarrazin widersprechen. Ob die Zuwanderung den deutschen Fiskus belastet oder nicht, ist schon umstritten. Auf jeden Fall kann man festhalten, dass man durch eine Auslese nach Qualifikation - wie sie in Australien und Kanada praktiziert wird - die fiskalischen Ergebnisse verbessern könnte. Für Quantität und Qualität der Zuwanderung sind offensichtlich die Politiker, vielleicht auch die Richter verantwortlich. Mit seinem dritten Argument hat Sarrazin also die Gruppe derer, die in den letzten Jahrzehnten bei uns politische Verantwortung tragen, frontal angegriffen.

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