https://www.faz.net/-gsj-y6rm

Bundesbankpräsident Axel Weber : Der Zielstrebige

Axel Weber Bild: AP

Axel Weber ist eigentlich Wissenschaftler und ein eher unpolitischer Mensch. Die Berufung von Thilo Sarrazin in den Bundesbank-Vorstand wollte er von Anfang verhindern. Jetzt droht der Fall Sarrazin Webers hauptsächliche Arbeit zu überschatten. Dabei gehört er zur Elite der europäischen Geldpolitiker.

          2 Min.

          In diesen Tagen droht Weber zum politischsten aller Bundesbankpräsidenten zu werden und zu einem Mann, der als Herold der Unabhängigkeit der Bundesbank anfing, um an der Leine des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin zu enden. Weber ist ein gradliniger, sehr zielstrebiger Mann, der eher dazu tendiert, Widerstände aus dem Weg zu räumen, als sie zu umgehen. Der Ehrgeiz war schon vor gut 20 Jahren dem damals noch jungen Assistenten aus einer Provinzuniversität anzumerken, als er sich auf internationalen Ökonomenkonferenzen ohne Scheu mit den Großen der Zunft rieb.

          Weber hat Thilo Sarrazin von Anfang an als Fremdkörper in der Bundesbank betrachtet und die Berufung des ehemaligen Berliner Finanzsenators zu verhindern versucht. Spätestens seit den Auseinandersetzungen um ein Zeitungsgespräch Sarrazins über das Thema Migration im vergangenen Jahr war das persönliche Verhältnis belastet. Langjährige Weggefährten Webers wundern sich nicht, dass der Bundesbankpräsident in der Auseinandersetzung um Sarrazins Buch kompromisslos versucht hat, eine Trennung von seinem Vorstandskollegen juristisch zu erzwingen, obgleich sich die Bundesbankführung der äußerst komplizierten Rechtslage bewusst war.

          Der Streit mit Sarrazin sollte die hauptsächliche Arbeit Webers nicht verdecken. Der Bundesbankpräsident gehört zur Elite der Geldpolitiker. So gilt Weber neben EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und dem Italiener Mario Draghi als einer der drei einflussreichsten Geldpolitiker in der Europäischen Zentralbank, auch wenn die EZB nicht immer den Positionen der Bundesbank folgt.

          Hohes Ansehen in Fachkreisen

          Weber spielte eine bedeutende Rolle in der Rettung deutscher Banken nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vor zwei Jahren. Seitdem besitzt er ein enges Arbeitsverhältnis mit der Bundeskanzlerin. Und auch in den Frankfurter Bankentürmen genießt Weber wegen seiner Fachkenntnisse ein hohes Ansehen.

          Die Finanzkrise hat nicht nur in Deutschland die Regierung und die formal unabhängige Zentralbank enger zusammenrücken lassen. Die Auseinandersetzung um Sarrazin hat eine bislang undenkbare Einvernahme der Bundesbank durch Berlin gezeigt. Hätte Weber anders handeln sollen? Langjährige Weggefährten sehen ihn in einer Situation, in der er in keinem Fall gewinnen konnte. Da Weber ein Mann der Tat ist, der eher voraus- als zurückblickt, dürfte er die Trennung von Sarrazin in erster Linie als Erleichterung wahrnehmen und die für die Bundesbank peinlichen Begleitumstände als notwendigen Nebeneffekt abhaken.

          Webers Karriere muss nicht am Ende sein. Auch wenn er gerne mit der Vorstellung kokettierte, aus der Welt des Geldes an seinen Kölner Lehrstuhl zurückzukehren, wird ihn die Aussicht, im kommenden Jahr Trichet an der Spitze der EZB nachzufolgen, fraglos interessieren. Hierzu braucht er die Unterstützung der Bundeskanzlerin. Und damit schließt sich ein politischer Kreis.

          Weitere Themen

          Weil er es konnte

          Menzel im Kupferstichkabinett : Weil er es konnte

          Adolph Menzel war ein brillanter Zeichner und wichtiger Maler: Am großartigsten aber ist er in seinen Pastellen, Gouachen und Aquarellen. Das zeigt sich nun in Berlin.

          „Dinner Date“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dinner Date“

          „Dinner Date“ läuft montags bis freitags um 18.35 Uhr bei ZDFneo.

          Schuld und Sühne des Professors

          „Lolita“ in Prag : Schuld und Sühne des Professors

          Die flatterhafte Fabel in den düsteren Sphären Dostojewskis: Mit Rodion Schtschedrins Oper „Lolita“ erlebt das Prager Ständetheater eine Sternstunde des zeitgenössischen Musikschaffens.

          Topmeldungen

          Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

          Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

          Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
          Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

          Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

          Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.