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Buchvorstellung in Potsdam : Heimspiel für Sarrazin

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Das Publikum in Potsdam bat Sarrazin, seine Rückzugsentscheidung zu überdenken Bild: dpa

Thilo Sarrazin eröffnet am Donnerstagabend in Potsdam die Lesereihe zu seinem umstrittenen Buch „Deutschland schafft sich ab“ - und sorgt gleich wieder für Schlagzeilen: Während der Veranstaltung bestätigt er, dass er sich aus dem Vorstand der Bundesbank zurückziehen wird.

          Es ist kurz nach 20 Uhr an diesem Donnerstagabend, als Thilo Sarrazin den Potsdamer Nikolaisaal betritt. Er ist umringt von schwarz gekleideten Leibwächtern, die nach den Morddrohungen der vergangenen Tage sein Leben schützen sollen. Es ist die erste Lesung, zu der Thilo Sarrazin mit seinem umstrittenen Buch „Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ gebeten hat, und die Zuschauer sind seinem Ruf in Scharen gefolgt. „Die Nachfrage war galaktisch“, sagt Veranstalter Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro. „Wir hätten gut und gerne 3000 Karten verkaufen können.“ Platz ist nur für gut 750 Zuschauer, aber die klatschen lautstark Beifall als Sarrazin den Raum betritt, vereinzelt sind „Bravo“-Rufe zu hören. Sarrazin hat noch kein einziges Wort gesagt und doch ist klar: Es wird ein Heimspiel für ihn werden.

          Als Sarrazin die umstrittenen Grundthesen seines Buches vorstellt, hängen die Zuschauer förmlich an seinen Lippen. Fast jede Aussage wird mit lautem Applaus goutiert, unterbrochen lediglich von „Bravo“- und „Jawohl“-Rufen. Die Stimmung des Publikums ist bestens. Dabei sollte der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung erst noch folgen: Es ist kurz vor 21 Uhr, die an Sarrazins Vortrag anschließende Diskussion ist bereits in vollem Gange. Sarrazin setzt gerade zu einer seiner ausschweifenden Antworten an, als dem Moderator ein kleiner weißer Zettel gereicht wird. Sarrazin blickt zwar kurz zu ihm, lässt sich aber nicht stören und referiert weiter.

          Er lehnt sich zurück und untermalt seine Analyse zur Zukunft Deutschlands mit weitgreifenden Handbewegungen. Allerdings scheint die Nachricht auf dem kleinen weißen Zettel derart brisant zu sein, dass ihr Überbringer nicht ablässt und sie dem Moderator zusätzlich ins Ohr flüstert. Dieser stutzt, blickt nochmals auf den kleinen weißen Zettel, fast so als könne er es nicht glauben: Es ist die erste Eilmeldung der Nachrichtenagenturen über den Rücktritt Sarrazins aus dem Vorstand der Deutschen Bundesbank.

          Für kurze Zeit ist es still

          Als Sarrazin mit seiner Antwort endet, sitzt ihm ein sichtlich verdutzter Moderator gegenüber und sagt: „Herr Sarrazin, die Agenturen melden Ihren Rücktritt als Bundesbankvorstand.“ Ein Raunen geht durch den Saal. Kein Klatschen mehr, keine „Bravo“-Rufe – für kurze Zeit ist es still. Doch Sarrazin fühlt sich an diesem Abend sichtlich wohl, nicht wie in den Fernsehtalkshows der vergangenen Woche, wo „teilweise sechs Kontrahenten versuchten, mich zu grillen.“ An diesem Abend in Potsdam ist es anders, und so antwortet Sarrazin auf die Frage des Moderators nur süffisant: „Mir ist diese Meldung nicht bekannt.“ Doch der Moderator lässt nicht locker, will Sarrazin gar den Zettel reichen, damit diesem dann die Meldung bekannt sei und er antworten könne. Doch Sarrazin bleibt standhaft – vorerst. Er wolle nicht darauf antworten, sondern lieber „prüfen, was die Medien morgen berichten.“

          Ohnehin sind aus Sarrazins Sicht die Medien und die politische Klasse seine eigentlichen Kontrahenten. Auch Veranstaltungsleiter Hendrik Röder hat in seiner Rede zu Beginn der Veranstaltung von der „Wucht der medialen Verdammung“ gesprochen, der sich Sarrazin seit nunmehr 14 Tagen ausgesetzt sehe. Sarrazin selbst kann nicht erkennen, dass sein Buch die Gesellschaft spalte, wie Medienberichten zufolge einige Umfragen belegen würden. Und so führt Sarrazin an diesem Abend seinerseits Umfragen an: 70 Prozent Zustimmung in der Fernsehsendung „Beckmann“, 84 Prozent Zustimmung bei der Sendung „Hart aber Fair“, nicht zu vergessen eine Umfrage des Fernsehsenders „n-tv“, bei der eine Zustimmungsrate zu seinen Thesen von 94 Prozent ermittelt wurde. „Also wirklich, als Außenseiter fühle ich mich da nicht,“ sagt Sarrazin.

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