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Debatte zu Goethes Islambild : Mohammed war doch der Prototyp des prophetischen Genies!

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Buchstäbliches Lesen verfehlt den höheren Sinn der Religionen: gemeinschaftliche Koran-Lektüre in Palästina Bild: AFP

Seit Sarrazins Thesen dreht sich die Integrationsdebatte auch um Goethes „West-östlichen Divan“. War der Dichter ein Feind oder Freund des Islam? Wer diese Frage ohne Verweis auf seine symbolische Religionsauffassung beantworten will, kommt zu den falschen Schlüssen.

          Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ verbindet seine demographischen Thesen leitmotivartig mit solchen über das, was man die deutsche „Leitkultur“ genannt hat – und dabei war Goethe nicht zu umgehen. Wegen der Einwanderer aus islamischen Herkunftsländern und ihrer mutmaßlich anhaltend hohen „Fertilität“ werde in fünfzig Jahren niemand mehr Goethes vielleicht berühmtestes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ kennen.

          Nun hat derselbe Goethe den „West-östlichen Divan“ geschrieben – neben dem „Faust II“ und den „Wanderjahren“ das Hauptwerk seiner späten Phase –, und dort scheint er ein positives Islambild zu zeichnen. Wohl oder übel musste Sarrazin versuchen, diesen möglichen „Trumpf“ seiner Kritiker auszustechen. Wie der verstorbene Hadayatullah Hübsch (Islam ist nicht Fanatismus) in ironisch-sachlichem Ton angemerkt hat, desavouierte Sarrazin sich mit seiner Kritik an Bundespräsident Wulffs Goethe-Rezeption (Thilo Sarrazin: Ich hätte eine Staatskrise auslösen können) nicht bloß als Goethe-Philologe, sondern überhaupt als Wissenschaftler. Er ließ im Zitat über den Koran einen entscheidenden Halbsatz einfach weg, der den Sinn um 180 Grad ändert.

          In dieser peinlichen Lage kommt Necla Kelek dem Bestsellerautor zu Hilfe (Goethe und der Islam: Herr, mache ihnen Raum in ihrer engen Brust). Statt bei dem Spätwerk „Divan“ setzt sie bei der ersten Phase der Beschäftigung Goethes mit dem Islam in der Zeit des „Sturm und Drang“ an und berichtet vom Projekt eines Mohammed-Dramas, von dem nur eine Eingangsszene skizziert wurde. Sie spekuliert dann darüber, warum Goethe das Projekt nicht ausgeführt habe: angeblich, weil Goethe Mohammed als fanatischen „Betrüger“ durchschaut habe und sein Drama demnach bloß eine Reprise von Voltaires Drama „Mohammed oder der Fanatismus“ hätte werden können. Dabei übertrumpft sie nun aber Sarrazin an Verdrehungs-Philologie: Statt nur einen, wenn auch entscheidenden Halbsatz wegzulassen, lässt sie eine ganze Hymne, und zwar eine der bedeutendsten nicht nur Goethes, sondern der Weltliteratur, einfach weg: „Mahomets Gesang“. Über dieses Meisterwerk sind Bibliotheken geschrieben worden – hier sei nur gesagt, dass Goethe Mohammed als Prototyp eines prophetisch-poetischen Genies besingt.

          Islamophil bis zur Identifikation

          Spekulationen über ein nicht geschriebenes Drama sind müßig. Allerdings lässt sich eines mit Sicherheit sagen: Wie komplex und tragisch die Figur des Propheten-Poeten auch angelegt worden wäre – sie wäre entschieden gegen Voltaires vulgär-aufklärerisches Bild vom „Betrüger“ gerichtet gewesen. Denn es hätte dabei um Goethes Auffassung von Religion und Poesie sowie deren Verhältnis gehen müssen.

          Ein wissenschaftlicher Habitus impliziert bei kontroversen Fragen als selbstverständliche Grundbedingung, mögliche „Trümpfe“ der Gegenmeinung nicht nur nicht zu unterdrücken, sondern sogar besonders stark zu machen. Deshalb ist in der Kontroverse über Goethe und den Islam natürlich das von Hadayatullah Hübsch angeführte Zitat aus der Ankündigung des „Divans“ im „Morgenblatt“ vom 24. Februar 1816 der stärkste „Trumpf“ der Vertreter eines islamophilen Goethe: „Der Dichter betrachtet sich als einen Reisenden. Schon ist er im Orient angelangt. Er freut sich an Sitten, Gebräuchen, an Gegenständen, religiösen Gesinnungen und Meinungen, ja er lehnt den Verdacht nicht ab, daß er selbst ein Muselmann sey.“ Das Cotta’sche „Morgenblatt“ war seinerzeit das am weitesten verbreitete Massenmedium deutscher Sprache.

          Symbolismus der Religion

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