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Debatte zu Goethes Islambild : Mohammed war doch der Prototyp des prophetischen Genies!

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Was tut Sarrazin? Er kennt den Beleg gar nicht. Was tut Necla Kelek? Sie muss ihn bei Hübsch gelesen haben: Sie unterdrückt ihn also einfach. Offenbar fürchtet sie die unter einigen türkischen und deutschen Muslimen verbreitete Meinung, man könne diese Äußerung als öffentliche Bekundung einer „Bekehrung“ verstehen. Spätestens hier kann die Wissenschaft ein Weder-noch begründen: Für Goethe waren seit dem „Spinozismus-Streit“ (über Lessings angebliches Bekenntnis zu Spinozas Formel „Deus sive natura“, also zur Gleichsetzung des Gottesbegriffs mit der Natur) alle positiven Religionen in ihrem jeweiligen „wahren“ Kern bloß „symbolische“ und insofern „poetische“ Botschaften des spinozistischen Hen kai pân (des Alleinen, wie es in vielen „Divan“-Gedichten besungen wird).

Allerdings wertete Goethe dabei, wie es scheint, den Islam insgesamt höher als das Christentum. Wie es in einem Gedicht aus dem Umkreis des „Divan“ heißt: „Jesus fühlte rein und dachte / Nur den Einen Gott im Stillen, / Wer ihn selbst zum Gotte machte / Kränckte seinen heilgen Willen. // Und so muß das Rechte scheinen / Was auch Mahomet gelungen; / Nur durch den Begriff des Einen/ Hat er alle Welt bezwungen.“ Dem Anschein nach stimmt Goethe damit der islamischen These zu, das Christentum sei mit seiner Trinitätslehre vom strengen Monotheismus abgefallen. Aber auch hier gilt: Der „Eine“ ist als Symbol des spinozistischen All-Einen zu lesen.

Goethes spinozistische Wahrheit

Mindestens eine zweite islamische Lehre betrachtete Goethe als symbolischen Ausdruck für die spinozistische Wahrheit: die Prädestinationslehre (seinerzeit oft als „fatum mahometanum“ bezeichnet). Der Kanzler Müller berichtet von folgender Äußerung Goethes: „Zuversicht und Ergebung seien die echte Grundlage jeder bessern Religion, Unterordnung unter einen höheren und die Ereignisse ordnenden Willen, den wir nicht begriffen, eben weil er höher als unsere Vernunft und unser Verstand sei. Der Islam und die reformierte Religion seien sich hierin am ähnlichsten.“ (Eintrag vom 28. März 1819.) Auch hier muss die religiöse Lehre als „Symbol“ des spinozistischen Natur-Determinismus begriffen werden. „Islam“, seinerzeit meistens mit „Ergebenheit in Gott“ übersetzt, schien insofern mit seinem zentralen Begriff dem Spinozismus am nächsten zu kommen.

Tatsache bleibt, dass das „Buch des Paradieses“ im „Divan“ als eine Parallele zum letzten Akt des „Faust II“ gelesen werden muss: Hier wird „islamisch“ der gleiche „poetische“ Kern der Natur-Religion formuliert wie „katholisch“ am Ende des „Faust“, wobei das „Ewigweibliche“ (als Kern der All-Natur) sich als auch islamisch formulierbar erweist. Soweit es dabei überhaupt um empirische Strömungen des Islam (genauso wie des Christentums) geht, knüpft Goethe natürlich an sufitische Auffassungen an, wie er sie über Joseph von Hammer-Purgstall von Hafis und anderen Autoren kannte. Hölderlin bekannte sich einmal zu einer „höheren Aufklärung“, womit er diejenige Voltaires (in Deutschland durch Reimarus vertreten) implizit als „niedrigere“ einstufte.

Der Irrtum einer buchstäblichen Lektüre

Damit stimmte Goethe überein: Die These von den „drei Betrügern“ (Moses, Jesus, Mohammed) war in der deutschen „Leitkultur“ um 1800 längst überholt. Es bedurfte des meistverkauften Sachbuchs seit 1945 und seiner Verteidiger, um sie wieder aufzuwärmen. Ein chinesisches Sprichwort sagt von gewissen Toren: „Sie haben einen schweren Stein hochgehoben, der ihnen auf die Füße gefallen ist.“ Goethes angebliche „Islamophobie“, die sich dann als eine Art von „Islamophilie“ erweist, ist ein solcher schwerer Stein. Am Beispiel Goethe zeigt sich, dass auch der Islam – nach Sarrazin angeblich das Fremdkulturelle schlechthin – im Kern der deutschen Leitkultur schon drinsteckt.

Ein Gutes hat das Steineheben: Höhere Aufklärung heißt, positive Religionen symbolisch aufzufassen – sie werden dadurch notwendigerweise auch pluralisiert und entdogmatisiert, das heißt entfanatisiert. Paradoxerweise stimmen die Fundamentalisten und die aktuellen Vulgäraufklärer in einer buchstäblichen Lektüre überein. Goethe hingegen scheint zu sagen: Lest alle Heiligen Schriften symbolisch, gerade auch die Bibel – und warum nicht den Koran?

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