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Sarrazin-Debatte : Lesen ist nicht genug

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Thilo Sarrazin vertieft sich so sehr in die Schilderungen, dass ihm nicht mehr auffällt, wer die betreffenden Bücher geschrieben hat Bild: dpa

Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ist ein klassischer Bildungsroman: Mittelbegabter, fauler Junge entdeckt die Literatur und rettet sich selbst. Jetzt verachtet er alle, die nicht so geworden sind wie er.

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          Vor einigen Jahren war ich zu Besuch in Kanada. Im Außenministerium erläuterten uns zwei hohe Beamte die dortige, weltberühmte Einwanderungspolitik. Sie sprachen über das Punktesystem mit seinen hohen Anforderungen an die Ausbildung der Bewerber und erläuterten, dass Kanada sich die sprachliche Fertigkeit der akzeptierten Zuwanderer schon in deren Ursprungsland etwas kosten lasse. Viele zehntausend Dollar würden in jeden Ankömmling investiert, damit er oder sie bei Ankunft Englisch und Französisch könne, das sei langfristig besser, als später Sozialhilfe zahlen zu müssen oder die Gefängnisunterbringung. Dann sagten sie, dass die Daten der Migranten gesammelt und ausgewertet würden, damit man verfolgen könne, sammeln und auswerten, also verfolgen, wer sich besser und wer schlechter integriere. Eigentlich kämen aber alle gut zurecht in Kanada, die Bildung und Leistungsfähigkeit der Migranten sei höher als die der alteingesessenen Bevölkerung. Ihre Daten zeigten aber, dass es mit gewissen ostafrikanischen Familienverbänden Integrationsprobleme gebe. Es war spät, und ich war noch müde vom Flug. Mir fiel keine originelle Frage ein. Ich fragte also, ob solche Erkenntnisse dazu führten, dass die Zahl der ostafrikanischen Migranten reduziert würde?

          Es entstand eine peinliche Pause. Dann sammelten sich die freundlichen Kanadier und erklärten mir, bei ihnen dürfe der Staat Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Rasse diskriminieren. In Deutschland sehe man das vielleicht anders, sagten sie in meine Richtung, erkennbar angewidert.

          Der Wandel der Zeiten

          Mir war, nur für die Dauer dieser Frage, die prinzipielle Differenz zwischen sozialpolitischem Pragmatismus und den ihn leitenden Werten entfallen. Ich wirkte ungefähr so sympathisch wie einer, den man durch die Neonatologie eines Krankenhauses führt und der sich - das wird man ja noch fragen dürfen! - nach dem Stromverbrauch solcher Brutkästen erkundigt.

          Ebenso wichtig wie eine gelungene Einwanderungspolitik war den kanadischen Diplomaten das Ansehen ihres Landes als das eines „guten Bürgers der Weltgemeinschaft“. Einwanderung konnte da helfen: Zu den ersten freien Wahlen in der Ukraine war Kanada in der Lage, binnen Wochenfrist 500 Wahlbeobachter zu entsenden, alle studiert, alle perfekt in Ukrainisch.

          Ein Land muss an sich arbeiten, an seiner Zusammensetzung, der Bildung seiner Bürger. Das war die erste Botschaft der Kanadier. Dann aber muss es auf seine Rolle in der Welt bedacht sein, so wie früher der Kleinbürger im Vorort auf seinen guten Ruf.

          Die Weltbühne wird neu besetzt. Als es im vergangenen Dezember in Kopenhagen darum ging, die Mächtigen dieser Erde in ein Zimmer zu sperren, um in letzter Minute etwas gegen den Klimawandel zu vereinbaren, da war, in der letzten und wichtigsten Runde, Deutschland nicht mehr vertreten. Es war aber auch Europa dort nicht vertreten. Und selbst Barack Obama musste explizit darauf bestehen, am Tisch mit Chinesen, Brasilianern, Indern und Russen Platz nehmen zu dürfen.

          Thilo Sarrazins Buch handelt von diesem Wandel der Zeiten. Es ist auch eine Autobiographie, eine schöne Geschichte: Es ist die Geschichte eines mittelbegabten, sehr faulen Kindes, das sich, wo immer es geht, vor der Hausarbeit drückt. Er flieht zu seinen Tanten, die in der Nähe wohnen. Dort bleibt er oft bis zum Abendessen, denn er genießt herrlichste Freiheit: „Ich hatte Zeit für mich und die vielen Bücher, die meine Großtante geerbt hatte.“ Er verbrachte die Nachmittage im Ohrensessel und las, vor allem „Tausendundeine Nacht“ und eine illustrierte Weltgeschichte, in der sein Lieblingsbild eine Tafel von der Völkerschlacht von Leipzig war. Diese Beschäftigung mit dem wundersamen Orient und die Bewunderung für die heroische Restauration alter Ordnung waren für Thilo Sarrazin offenkundig prägender als seine Arbeit im Rot-Roten Senat unter Klaus Wowereit.

          Ein Problembub, gerettet durch Bücher

          Er gibt in „Deutschland schafft sich ab“ durchaus rührende Einblicke in sein Leben. Es ist eine für die Nachkriegszeit sehr typisch deutsche Bildungssozialisation. Er hatte es in der Schule nicht leicht. Im Gymnasium, schreibt er, „machte mir die Tatsache zu schaffen, dass ich (. . .) unter lauter Besten nur noch Mittelmaß war. Diese narzisstische Kränkung, die sich mit meinem Selbstbild nicht vertrug, wirkte noch viele Jahre nach.“ Dass er es dennoch schaffte, daran hatten die Lehrer wesentlichen Anteil: „80% des Unterrichts gingen bei mir zum einen Ohr hinein und beim anderen direkt wieder hinaus - ich hörte einfach nicht zu. (. . .) Nur die gemeinsame Energie verschiedener Mathematiklehrer bewirkte, dass ich trotz andauernden passiven Widerstandes die Schule mit recht fundierten Mathematikkenntnissen verließ.“

          Stinkfaul, narzisstisch herausgefordert, undiszipliniert, passiven Widerstand übend - der junge Thilo Sarrazin gehörte zu den Problembuben. Gerettet haben ihn die Bücher: „Oft frage ich mich, wo ich jetzt wäre, wenn ich statt mit Grimms Märchen, ,Tausendundeine Nacht' und der ,Illustrierten Weltgeschichte' die prägenden Kindheitsjahre mit dem Computerspiel ,World of Warcraft' verbracht hätte. Niemand kann das wissen.“

          Er ist ein moderner Faust

          Die Geschichte vom sozialen Aufstieg durch Bücher ist der wichtigste und schönste Plot dieses als Sachbuch getarnten Bildungsromans. Aus ihm ergeben sich alle anderen Handlungsstränge: die Verurteilung der Unterschichten, die keine Leihbücherei nutzen. Die Verachtung der Araber, die seit der Zeit des Propheten weniger Bücher ins Arabische übersetzt haben als Spanien in einem Jahr. Und die Kritik an einer neuen Zeit, die für Kinder Fernsehen, DVDs und Schlimmeres bereithält. Sarrazin hängt der großen sozialdemokratischen Erzählung vom Aufstieg durch Lektüre an. So verliebt ist er in diese Geschichte, die auch seine Geschichte ist, dass er so gut wie alle Zeichen einer globalisierten und unübersichtlichen Gegenwart als Unheilsbringer sieht. Er ist ein moderner Faust: Um den schönen historischen Augenblick zu bewahren, würde er einen Pakt mit dem Teufel eingehen.

          Damit ist nicht nur sein biologistisches Programm gemeint, dass in der hohen Geldprämie für gebärende Akademikerinnen unter dreißig gipfelt - wobei nur die Festschreibung eines Notendurchschnitts noch fehlt, der nachzuweisen wäre, bevor das Baby wirklich willkommen ist.

          Alle trügen Uniform

          Um es, wie Sarrazin es liebt, „schnörkellos“ zu sagen: Wenn wir hier mit einer aktiven Bevölkerungspolitik nach den Ideen der von ihm so anerkennend zitierten Herren Volkmar Weiss, Richard Lynn oder Gunnar Heinsohn anfangen, dann konkurriert die Bundesrepublik bald mit Zimbabwe um den Platz des unbeliebtesten Staates der Welt. Die verheerenden Folgen würden sich nicht nur in Exporten, Wissenschaftsaustausch und Tourismus bemerkbar machen, es würden auch noch mehr Menschen dieses Land verlassen als ohnehin schon - und man könnte sie gut verstehen.

          Aber im Buch, das man ganz lesen muss, mit allen Anmerkungen, ist noch mehr Zündstoff: Ganz übersehen wird von vielen, die Sarrazin heute feiern, sein geradezu linksradikales Programm zum Umbau unseres Bildungssystems. Er fordert nicht nur staatliche Hausbesuche nach der Geburt, um die Mütter in Ernährungsfragen und Kinderpflege anzuleiten. Er möchte anschließend eine Kitapflicht, die grundsätzlich auf Ganztagsbetreuung ausgerichtet sein soll. Nach einigen Jahren käme das Kind in die Grundschule, auch sie eine Ganztagsschule. Dort gäbe es keinen Fernseher, und alle trügen Uniform. Und dann immer so weiter: „Zumindest für die größeren Kinder muss die Ganztagsschule so aufgebaut sein, dass sie zu Hause neben dem Wochenende nur den Feierabend verbringen.“

          „Migranten der zweiten Generation“

          Zwischen Geburt und erstem Bildungsabschluss wäre das Kind doch eher ein seltener Gast zu Hause. Spätestens mit diesem, alle Reformpläne der siebziger Jahre tief in den Schatten stellenden Vorhaben würde er einen Bildungsbürgerkrieg auslösen, gegen den der Hamburger Schulstreit nur ein schwaches Räuspern war.

          Die leitmotivische Frage des Buches ist: „Warum können nicht alle so sein wie ich?“ Und sie stellt sich dort am schärfsten, wo Sarrazin sich der „muslimischen Migration“ zuwendet. Dabei verschwimmen ihm alle Kategorien. Er unterscheidet nicht zwischen türkischen Arbeitern in Berlin, die ja auch durch die Desindustrialisierung und völlig schuldlos in Schwierigkeiten geraten sind und von denen sich einige erst in späteren Lebensjahren dem Glauben zugewendet haben. Sie kamen ja nicht als muslimische Missionare hierher, sondern als Industriearbeiter. Er meint damit auch Flüchtlinge aus Iran, die vielleicht vor zu viel Religion geflohen sind. Und er meint Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien, die mit ihrer Flucht nach Deutschland ein Menschenrecht realisieren, das zu verteidigen das Grundgesetz und die UN-Charta verpflichten. Und zwar unabhängig davon, ob die Kinder solch teilweise schwer traumatisierter Flüchtlinge weniger oft Ingenieure werden als die Kinder von Finnen. Aber auch die Begriffe geraten ihm durcheinander: So schreibt er öfter von „Migranten der zweiten Generation“, obwohl doch nur eine Generation gewandert ist, die der Eltern. Die zweite Generation ist nirgendwohin migriert, sondern hier geboren. Da er diese Leute weder besonders gut kennt, noch, wenn man richtig liest, besonders gerne mag, weiß er eigentlich nichts darüber, welche Probleme sich in den Familien, Straßen und Quartieren so ergeben. Also folgt er seiner von Kindheit an geübten Methode und liest. Er vertieft sich so sehr in die Schilderungen der geschlossenen, gewalttätigen, bildungsfernen Milieus, dass ihm gar nicht mehr auffällt, wer diese guten Bücher geschrieben hat, wie die anerkannten Intellektuellen und Künstler heißen, die er da zitiert. Allein die Namen: Necla Kelek, Seyran Ates, Fatih Akin, Tariq Ramadan, Abdelwahab Meddeb, Ayaan Hirsi Ali, Navid Kermani, Reza Hajatpour, Fadi Saad, Hamed Abdel-Samad und Nihat Sorgec.

          Aufklärer in den Wissenschaften und Künsten

          In ganz Europa, auch im Land der Dichter und Denker, wird über die heiklen Probleme in islamischen Milieus gedichtet und gedacht, und zwar auf Deutsch und kritisch. Doch die, die das tun, heißen nicht mehr Müller und Schmidt, sondern beispielsweise Feridun Zaimoglu und Sevgi Özdamar. Diese Aufklärerinnen und Aufklärer in den Wissenschaften und Künsten bilden nicht die Mehrheit in den von Sarrazin kritisierten Milieus. Das galt allerdings auch für die europäische Aufklärung des klassischen Zeitalters. Sarrazins Deutschland gibt es nicht mehr, es kehrt auch nicht zurück. Es wird nie wieder reichen, so wie er es vor Augen hat, die besten Ingenieure die besten Verbrennungsmotoren bauen zu lassen. Umweltbilanz, Design, Ethik und Ästhetik, die ganze Palette der Berufe der Kreativwirtschaft ist bei der Entwicklung global gefragter Produkte gefordert. Und da reicht ein mit den hergebrachten Tests messbarer hoher IQ nicht allein. Das ist im Gegenteil eine deutsche Schwäche, sich nur auf solches Denken, solche Leistungen zu konzentrieren. Deutsche Ingenieure haben das MP3-Format ersonnen, aber erst der chaotische, intuitiv handelnde, kunstbesessene Schulabbrecher Steve Jobs machte daraus den iPod.

          Durch das Buch weht der Geist des späten Willy Brandts, insbesondere seine Sozialdemokraten bis heute quälenden letzten Sätze aus seiner Abschiedsrede als Präsident der Sozialisischen Internationale: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer.“ Kaum eine Partei weltweit hat in den letzten vier Jahrzehnten so viel erreicht, auch Thilo Sarrazin verdankt ihr seine Karriere. Nirgends ist daher so viel zu verlieren. Brandt fährt bekanntlich fort, also eigentlich Hans Jochen Vogel, denn er hat die Rede verlesen, Brandt war schon zu krank dazu: „Darum - besinnt euch auf eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“ Eigene Antworten zu liefern, darum hat Sarrazin sich bemüht, Gutes wollte er bewirken. Doch auf der Höhe unserer Zeit ist er damit nicht. Für ihn gilt eher, was mir unlängst ein in Wiesbaden geborener, aus einer türkischen Familie stammender Reinigungsunternehmer sagte, mit dem ich mich im Zug unterhielt: „Ich habe, mein Herr, Sehnsucht nach den Tagen meiner Kindheit.“ Und auch er meinte damit Willy Brandt.

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