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Sarrazin-Debatte : Lesen ist nicht genug

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Aufklärer in den Wissenschaften und Künsten

In ganz Europa, auch im Land der Dichter und Denker, wird über die heiklen Probleme in islamischen Milieus gedichtet und gedacht, und zwar auf Deutsch und kritisch. Doch die, die das tun, heißen nicht mehr Müller und Schmidt, sondern beispielsweise Feridun Zaimoglu und Sevgi Özdamar. Diese Aufklärerinnen und Aufklärer in den Wissenschaften und Künsten bilden nicht die Mehrheit in den von Sarrazin kritisierten Milieus. Das galt allerdings auch für die europäische Aufklärung des klassischen Zeitalters. Sarrazins Deutschland gibt es nicht mehr, es kehrt auch nicht zurück. Es wird nie wieder reichen, so wie er es vor Augen hat, die besten Ingenieure die besten Verbrennungsmotoren bauen zu lassen. Umweltbilanz, Design, Ethik und Ästhetik, die ganze Palette der Berufe der Kreativwirtschaft ist bei der Entwicklung global gefragter Produkte gefordert. Und da reicht ein mit den hergebrachten Tests messbarer hoher IQ nicht allein. Das ist im Gegenteil eine deutsche Schwäche, sich nur auf solches Denken, solche Leistungen zu konzentrieren. Deutsche Ingenieure haben das MP3-Format ersonnen, aber erst der chaotische, intuitiv handelnde, kunstbesessene Schulabbrecher Steve Jobs machte daraus den iPod.

Durch das Buch weht der Geist des späten Willy Brandts, insbesondere seine Sozialdemokraten bis heute quälenden letzten Sätze aus seiner Abschiedsrede als Präsident der Sozialisischen Internationale: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer.“ Kaum eine Partei weltweit hat in den letzten vier Jahrzehnten so viel erreicht, auch Thilo Sarrazin verdankt ihr seine Karriere. Nirgends ist daher so viel zu verlieren. Brandt fährt bekanntlich fort, also eigentlich Hans Jochen Vogel, denn er hat die Rede verlesen, Brandt war schon zu krank dazu: „Darum - besinnt euch auf eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“ Eigene Antworten zu liefern, darum hat Sarrazin sich bemüht, Gutes wollte er bewirken. Doch auf der Höhe unserer Zeit ist er damit nicht. Für ihn gilt eher, was mir unlängst ein in Wiesbaden geborener, aus einer türkischen Familie stammender Reinigungsunternehmer sagte, mit dem ich mich im Zug unterhielt: „Ich habe, mein Herr, Sehnsucht nach den Tagen meiner Kindheit.“ Und auch er meinte damit Willy Brandt.

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Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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