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Sarrazin-Debatte : Lesen ist nicht genug

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Damit ist nicht nur sein biologistisches Programm gemeint, dass in der hohen Geldprämie für gebärende Akademikerinnen unter dreißig gipfelt - wobei nur die Festschreibung eines Notendurchschnitts noch fehlt, der nachzuweisen wäre, bevor das Baby wirklich willkommen ist.

Alle trügen Uniform

Um es, wie Sarrazin es liebt, „schnörkellos“ zu sagen: Wenn wir hier mit einer aktiven Bevölkerungspolitik nach den Ideen der von ihm so anerkennend zitierten Herren Volkmar Weiss, Richard Lynn oder Gunnar Heinsohn anfangen, dann konkurriert die Bundesrepublik bald mit Zimbabwe um den Platz des unbeliebtesten Staates der Welt. Die verheerenden Folgen würden sich nicht nur in Exporten, Wissenschaftsaustausch und Tourismus bemerkbar machen, es würden auch noch mehr Menschen dieses Land verlassen als ohnehin schon - und man könnte sie gut verstehen.

Aber im Buch, das man ganz lesen muss, mit allen Anmerkungen, ist noch mehr Zündstoff: Ganz übersehen wird von vielen, die Sarrazin heute feiern, sein geradezu linksradikales Programm zum Umbau unseres Bildungssystems. Er fordert nicht nur staatliche Hausbesuche nach der Geburt, um die Mütter in Ernährungsfragen und Kinderpflege anzuleiten. Er möchte anschließend eine Kitapflicht, die grundsätzlich auf Ganztagsbetreuung ausgerichtet sein soll. Nach einigen Jahren käme das Kind in die Grundschule, auch sie eine Ganztagsschule. Dort gäbe es keinen Fernseher, und alle trügen Uniform. Und dann immer so weiter: „Zumindest für die größeren Kinder muss die Ganztagsschule so aufgebaut sein, dass sie zu Hause neben dem Wochenende nur den Feierabend verbringen.“

„Migranten der zweiten Generation“

Zwischen Geburt und erstem Bildungsabschluss wäre das Kind doch eher ein seltener Gast zu Hause. Spätestens mit diesem, alle Reformpläne der siebziger Jahre tief in den Schatten stellenden Vorhaben würde er einen Bildungsbürgerkrieg auslösen, gegen den der Hamburger Schulstreit nur ein schwaches Räuspern war.

Die leitmotivische Frage des Buches ist: „Warum können nicht alle so sein wie ich?“ Und sie stellt sich dort am schärfsten, wo Sarrazin sich der „muslimischen Migration“ zuwendet. Dabei verschwimmen ihm alle Kategorien. Er unterscheidet nicht zwischen türkischen Arbeitern in Berlin, die ja auch durch die Desindustrialisierung und völlig schuldlos in Schwierigkeiten geraten sind und von denen sich einige erst in späteren Lebensjahren dem Glauben zugewendet haben. Sie kamen ja nicht als muslimische Missionare hierher, sondern als Industriearbeiter. Er meint damit auch Flüchtlinge aus Iran, die vielleicht vor zu viel Religion geflohen sind. Und er meint Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien, die mit ihrer Flucht nach Deutschland ein Menschenrecht realisieren, das zu verteidigen das Grundgesetz und die UN-Charta verpflichten. Und zwar unabhängig davon, ob die Kinder solch teilweise schwer traumatisierter Flüchtlinge weniger oft Ingenieure werden als die Kinder von Finnen. Aber auch die Begriffe geraten ihm durcheinander: So schreibt er öfter von „Migranten der zweiten Generation“, obwohl doch nur eine Generation gewandert ist, die der Eltern. Die zweite Generation ist nirgendwohin migriert, sondern hier geboren. Da er diese Leute weder besonders gut kennt, noch, wenn man richtig liest, besonders gerne mag, weiß er eigentlich nichts darüber, welche Probleme sich in den Familien, Straßen und Quartieren so ergeben. Also folgt er seiner von Kindheit an geübten Methode und liest. Er vertieft sich so sehr in die Schilderungen der geschlossenen, gewalttätigen, bildungsfernen Milieus, dass ihm gar nicht mehr auffällt, wer diese guten Bücher geschrieben hat, wie die anerkannten Intellektuellen und Künstler heißen, die er da zitiert. Allein die Namen: Necla Kelek, Seyran Ates, Fatih Akin, Tariq Ramadan, Abdelwahab Meddeb, Ayaan Hirsi Ali, Navid Kermani, Reza Hajatpour, Fadi Saad, Hamed Abdel-Samad und Nihat Sorgec.

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