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Sarrazin-Debatte : Lesen ist nicht genug

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Thilo Sarrazins Buch handelt von diesem Wandel der Zeiten. Es ist auch eine Autobiographie, eine schöne Geschichte: Es ist die Geschichte eines mittelbegabten, sehr faulen Kindes, das sich, wo immer es geht, vor der Hausarbeit drückt. Er flieht zu seinen Tanten, die in der Nähe wohnen. Dort bleibt er oft bis zum Abendessen, denn er genießt herrlichste Freiheit: „Ich hatte Zeit für mich und die vielen Bücher, die meine Großtante geerbt hatte.“ Er verbrachte die Nachmittage im Ohrensessel und las, vor allem „Tausendundeine Nacht“ und eine illustrierte Weltgeschichte, in der sein Lieblingsbild eine Tafel von der Völkerschlacht von Leipzig war. Diese Beschäftigung mit dem wundersamen Orient und die Bewunderung für die heroische Restauration alter Ordnung waren für Thilo Sarrazin offenkundig prägender als seine Arbeit im Rot-Roten Senat unter Klaus Wowereit.

Ein Problembub, gerettet durch Bücher

Er gibt in „Deutschland schafft sich ab“ durchaus rührende Einblicke in sein Leben. Es ist eine für die Nachkriegszeit sehr typisch deutsche Bildungssozialisation. Er hatte es in der Schule nicht leicht. Im Gymnasium, schreibt er, „machte mir die Tatsache zu schaffen, dass ich (. . .) unter lauter Besten nur noch Mittelmaß war. Diese narzisstische Kränkung, die sich mit meinem Selbstbild nicht vertrug, wirkte noch viele Jahre nach.“ Dass er es dennoch schaffte, daran hatten die Lehrer wesentlichen Anteil: „80% des Unterrichts gingen bei mir zum einen Ohr hinein und beim anderen direkt wieder hinaus - ich hörte einfach nicht zu. (. . .) Nur die gemeinsame Energie verschiedener Mathematiklehrer bewirkte, dass ich trotz andauernden passiven Widerstandes die Schule mit recht fundierten Mathematikkenntnissen verließ.“

Stinkfaul, narzisstisch herausgefordert, undiszipliniert, passiven Widerstand übend - der junge Thilo Sarrazin gehörte zu den Problembuben. Gerettet haben ihn die Bücher: „Oft frage ich mich, wo ich jetzt wäre, wenn ich statt mit Grimms Märchen, ,Tausendundeine Nacht' und der ,Illustrierten Weltgeschichte' die prägenden Kindheitsjahre mit dem Computerspiel ,World of Warcraft' verbracht hätte. Niemand kann das wissen.“

Er ist ein moderner Faust

Die Geschichte vom sozialen Aufstieg durch Bücher ist der wichtigste und schönste Plot dieses als Sachbuch getarnten Bildungsromans. Aus ihm ergeben sich alle anderen Handlungsstränge: die Verurteilung der Unterschichten, die keine Leihbücherei nutzen. Die Verachtung der Araber, die seit der Zeit des Propheten weniger Bücher ins Arabische übersetzt haben als Spanien in einem Jahr. Und die Kritik an einer neuen Zeit, die für Kinder Fernsehen, DVDs und Schlimmeres bereithält. Sarrazin hängt der großen sozialdemokratischen Erzählung vom Aufstieg durch Lektüre an. So verliebt ist er in diese Geschichte, die auch seine Geschichte ist, dass er so gut wie alle Zeichen einer globalisierten und unübersichtlichen Gegenwart als Unheilsbringer sieht. Er ist ein moderner Faust: Um den schönen historischen Augenblick zu bewahren, würde er einen Pakt mit dem Teufel eingehen.

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