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Ausländer in Deutschland : Einwanderungsland wider Willen

  • -Aktualisiert am

Nicht immer Integrationsvorbild: Die Türken bilden nach wie vor die stärkste Ausländergruppe in Deutschland Bild: Matthias Lüdecke

Die Versuche, den Zuzug von Ausländern nach Deutschland zu begrenzen, begannen 1973 mit dem Anwerbestopp der Regierung Brandt. Die Dynamik des Familiennachzugs wurde lange unterschätzt. Heute ist er die stärkste Säule der Zuwanderung.

          Das SPD-Präsidium, das sich dem vom Charlottenburg-Wilmersdorfer Ortsverband angestrengten Parteiordnungsverfahren gegen Thilo Sarrazin angeschlossen hat, sollte sein Vorhaben überdenken. Denn möglicherweise müsste es auch den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt aus der Partei ausschließen. Er hat sich zwar nie für angeblich genetisch bedingte Intelligenzunterschiede interessiert, sich aber mehrfach kritisch über die Folgen ungesteuerter Zuwanderung geäußert.

          Eine „kulturelle Einbürgerung“ der ausländischen Einwohner sei bisher nur „sehr unzureichend gelungen“, schreibt er zum Beispiel in „Außer Dienst“, seinem vor zwei Jahren erschienenen politischen Vermächtnis, und folgert: „Wer die Zahlen der Muslime in Deutschland erhöhen will, nimmt eine zunehmende Gefährdung unseres inneren Friedens in Kauf.“ Als damaliges Kabinettsmitglied wirkte er am Anwerbestopp von 1973 mit, den die Regierung Brandt infolge der ersten Ölkrise erließ.

          Damals schnellten die Arbeitslosenzahlen empor, von 273.000 im Jahr 1973 auf mehr als eine Million im Jahr 1975. Willy Brandt meinte im Januar 1973 im Deutschen Bundestag, man müsse „sehr sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft ist“. Schon ein Jahr zuvor hatte der damalige Arbeitsminister Walter Arendt (SPD) davor gewarnt, dass die Gastarbeiterbeschäftigung in ein „Minusgeschäft“ umzuschlagen drohe. Wenn die Zahl der Ausländer sowie ihre Aufenthaltsdauer steige, bedeute das höhere öffentliche Aufwendungen für Eingliederungsmaßnahmen.

          Weil die Arbeitskraft der Gastarbeiter billig sei, unterblieben Rationalisierungen in den Betrieben; durch den Familiennachzug sinke die Mobilität der Arbeiter; die Infrastrukturausgaben (etwa für den Unterricht der Kinder) stiegen. Die Zahl der Ausländer hatte sich von etwa 80.000 im Jahr 1955 auf 2,6 Millionen im Jahr 1973 erhöht. Heute leben in Deutschland knapp acht Millionen Einwohner ohne deutschen Pass. Etwa doppelt so viele haben einen Migrationshintergrund.

          Anwerbestopp erreichte das Gegenteil

          Der Anwerbestopp war der erste Versuch, den Zuzug von Ausländern zu begrenzen – doch es geschah das Gegenteil. Viele Ausländer verfestigten ihren Aufenthalt, weil ihnen klar wurde, dass eine abermalige Einreise nicht möglich sein würde, und holten ihre Familien nach. Besonders deutlich wird das an der größten Ausländergruppe in Deutschland, den Türken. Zum Zeitpunkt des Anwerbestopps lebten etwa 800 000 Türken in Deutschland, heute sind es etwa 1,7 Millionen, dazu kommen noch etwa 1,1 Millionen Türkischstämmige.

          Die große Mehrheit von ihnen ist entweder auf dem Weg des Familiennachzugs hergekommen oder hier geboren. Seit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 erhalten alle in Deutschland geborenen Kinder automatisch einen deutschen Pass, müssen sich aber als junge Erwachsene für eine Staatsbürgerschaft entscheiden.

          Geringer Bildungshunger

          Türkischstämmige Deutsche tauchen in der Ausländerstatistik nicht auf, haben aber oftmals die gleichen Schwierigkeiten wie noch nicht Eingebürgerte – obwohl in Sonntagsreden immer wieder hervorgehoben wird, dass die Einbürgerung am Ende des Integrationsprozesses stehen solle. Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung wies im Jahr 2009 nach, dass Türken und Türkischstämmige die mit Abstand am schlechtesten integrierte Einwanderergruppe seien. Ihr Bildungshunger sei gering, den nachfolgenden Generationen gelinge es kaum, die Defizite der ersten Generation auszugleichen. Keine andere Einwanderergruppe zählt mehr Menschen ohne jeden Bildungsabschluss (30 Prozent) und weniger mit Abitur (14 Prozent). Die Abhängigkeit von Transferleistungen ist trotz der langen Aufenthaltsdauer der Türken etwa doppelt so hoch wie in der Mehrheitsgesellschaft. 93 Prozent der in Deutschland lebenden Türken und Türkischstämmigen, so das Berlin-Institut, heiraten innerhalb ihrer Ethnie.

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