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Sarkozys Deutschlandbild : Seid umschlungen, schröckliche Freunde

Eingeschüchtert von Deutschland: Nicolas Sarkozy mit Angela Merkel Bild: picture alliance / dpa

Ein halbes Jahr nach den einträchtigen Feierlichkeiten der Wiedervereinig ist von Harmonie zwischen Deutschland und Frankreich nichts mehr zu spüren. Die griechische Krise ist zu Sarkozys deutscher Tragödie geworden.

          3 Min.

          „Ich war da, als in Berlin die Mauer fiel“, sagt der Mann auf der Couch. Der Karikaturist von „Marianne“ zeichnet eine Schlüsselszene der politischen Pathologie Frankreichs: Sarkozys 9. November. Der Psychiater widerspricht dem Präsidenten nicht: „Ja, es war Ihre erste Sitzung.“ Zum zwanzigsten Jahrestag hatten Sarkozy und Frankreich den Fall der Mauer so intensiv gefeiert wie kein anderes Land außer Deutschland. Auf Facebook verkündete der Staatschef, er habe vor dem Brandenburger Tor auf seine Öffnung gewartet.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die signifikante Anekdote war der endgültige Beweis: Mit zwei Jahrzehnten Verspätung hatte Frankreich die Wiedervereinigung, der es mit verständlichen historischen Ängsten begegnet war und für die es einen konkreten Preis einforderte, integriert. Den Festlichkeiten zum 9. folgten jene des 11. November mit Angela Merkel in Paris zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs: Zwischen Sarkozy und der Kanzlerin funkte der ungefähr vierte Frühling der deutsch-französischen Freundschaft.

          Deutschland zum Verschwinden bringen

          Ein halbes Jahr danach ist von der Hochstimmung und den großen Projekten nichts mehr zu spüren. Paris wirft Berlin Egoismus vor. Die Retourkutschen – von Schäuble und Merkel – haben französische Kommentatoren an den Fußball und das aggressive Foulspiel bei der Fußball-WM 1982 in Sevilla erinnert. Ausgelöst wurden die harschen Misstöne von der Staatsverschuldung in Griechenland. Sie ist eine existentielle Gefahr für den Euro, zumindest seine erste große Belastungsprobe. Die gemeinsame europäische Währung war bekanntlich der Preis, den Frankreich für die Wiedervereinigung gefordert hatte.

          Arbeitskampf : Wieder Streiks in Frankreich

          „Es gibt an der Spitze der französischen Gesellschaft eine deutsche Obsession“, erklärte damals Emmanuel Todd, der den Euro bekämpfte. Er führte sie auf die Niederlagen von 1871 und 1940 zurück: „Die französischen Eliten entdeckten ein Land, das moderner, disziplinierter, effizienter war als das eigene.“ Todd machte im französischen Willen zum Euro eine „Vichy-Mentalität“ aus: „Man steht in Konkurrenz zu Deutschland, da man aber nicht stärker sein kann, unterwirft man sich.“ Den Freundschaftsbekenntnissen misstraute er: „Im Volk gibt es längst keine Ressentiments mehr. Aber in den Fusionsgelüsten der Eliten steckt sehr wohl auch der Wunsch, Deutschland zum Verschwinden zu bringen.“ Diese Ambivalenz kennzeichnet Sarkozys Haltung gegenüber Deutschland. In Berlin fühle er sich vollkommen eingeschüchtert, in Frankfurt auch, bekannte er im Wahlkampf der Schriftstellerin Yasmina Reza.

          Verpuffte Euphorie

          Wie keiner seiner Vorgänger setzte er bezüglich der Kriegsverantwortung hemmungslos auf den Résistance-Kult und ein antideutsches Ressentiment. Das Trauma von 1940 hat noch jeden Wahlkampf um die Präsidentschaft beeinflusst: bloß nicht kapitulieren. Nach der Wahl zeigte der Sieger – wie seinerzeit Schröder – dem Partner die kalte Schulter. Bis auch Nicolas Sarkozy von der deutsch-französischen Logik eingeholt wurde. Über Deutschland, das er nicht kennt, macht er andauernd absurde und falsche Aussagen. Eine maximale Steuerbelastung sei in der deutschen Verfassung verankert, behauptete er, als er in Paris mit seinen Privilegien für seine superreichen Freunde in die Kritik geriet. Dann erklärt er, dass die Rezession doppelt so schlimm sei wie in Frankreich. Oder: „Heute macht Berlin das Gleiche wie wir.“ An einer Pressekonferenz bezeichnete er Deutschland unlängst mehrmals als „unseren größten Freund und Konkurrenten“. Je nachdem ist es ein Modell mit Muster- oder Abschreckungscharakter.

          Den Vorwurf des „Egoismus“ der deutschen Exportwirtschaft deutete Jean-Pascal Gayant in der Tageszeitung „Le Monde“ nun als Ausdruck des französischen „Autismus“. Deutschland habe die Reformen (Renten, Krankenversicherung, Lohnpolitik), zu denen Frankreich nicht fähig ist, durchgesetzt. Opfer wurden gebracht – jetzt profitiert Berlin davon. Gayant nahm die Fußball-Metapher nicht nur wegen der für den Euro festgelegten Spielregeln auf: „Und am Schluss gewinnt Deutschland.“ Tatsächlich empfindet Frankreich die Weigerung, Griechenland Hilfe zu leisten, als deutsche Machtübernahme in Europa. Sarkozy, der in der Finanzkrise Führungsqualitäten zeigte, hat sie nicht verhindern können. Die Quittung für die Schlappe bekam er bei der Wahl der Regionalparlamente. Die Linke ist auferstanden, die eigenen Genossen wetzen die Messer. Die griechische Krise des Euro wird zu Sarkozys deutscher Tragödie und politischem Waterloo. Die Wiedervereinigungseuphorie ist an der harten Wirklichkeit der schwächelnden Währung verpufft – und in der Stunde der ideologischen Wahrheit nur das ewiggestrige Elsass dem Präsidenten treu geblieben.

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