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Sarajevo : Soll ich dir die Gegend zeigen?

  • -Aktualisiert am

Hinterlassenschaft des Krieges: eine Stadt als Gräberfeld Bild: Georg Knoll

Auch zehn Jahre nach Kriegsende ist Sarajevo noch schwer zu verstehen. Die Kriegswunden sind noch nicht verheilt, doch langsam befreit man sich aus der Falle der Erinnerung.

          Die Idee war ebenso nobel wie naiv gewesen. Nachdem die serbischen Belagerer die Bibliothek von Sarajewo in Brand geschossen hatten und Zigtausende Bände belletristischer und wissenschaftlicher Literatur in Flammen aufgegangen waren, wollte eine Gruppe von Literaturliebhabern wenigstens die deutschsprachigen Bestände und unentbehrlichen Referenzwerke durch Verlagsspenden und Kopien aus slawistischen Seminaren ersetzen und diese im geeigneten Moment in die bosnische Hauptstadt schaffen. Frieden wäre, wenn die ruinierte Bibliothek wieder stünde, wenn also Franz Kafka und serbokroatische Wörterbücher in ihr wieder Platz fänden.

          Wer sich (wie 1994 der Verfasser) zur Erfüllung der Mission an den Ort eines prekären Waffenstillstands begab, traf dort auf verwaiste Adressen, demonstrative Unzuständigkeit und deutliche Hinweise, die Eingeschlossenen von Sarajevo benötigten Heizmaterial und Marlboro-Zigaretten dringender als Lyrik und Lexika. Die Trümmer der Bibliothek im alten Rathaus sind heute weggeräumt, aber was aus dem notdürftig renovierten Gebäude werden soll, weiß niemand. Und wo sich die Bücherspenden befinden, auch nicht.

          Dzevad Karahasan, Chronist und Stadtschreiber von Sarajevo, sagt tröstend zum seinerzeit abgeblitzten Emissär aus Deutschland: „Zum gegebenen Zeitpunkt muss man ein Idiot sein!“ Tröstlich war ja, dass im Flugzeug nicht UN-Blauhelmoffiziere gesessen hatten, sondern erwartungsfrohe Wochenendbesucher, und am Ausgang warteten nicht mehr weiße Schützenpanzer, sondern eine ordentliche Reihe Taxis. Der Rettungstunnel unter der Rollbahn, der einmal als Lebensader der ausgehungerten Olympiastadt diente, kann für fünf „konvertible Mark“ besichtigt werden, die einstige Snipers' Alley flankieren Neubauten. Zeit also, sich aus der Erinnerungsfalle zu befreien.

          Der Islam ist eine wachsende Kraft in der bosnischen Hauptstadt

          „Vielleicht gibt es einen Durchbruch“, spekuliert Karahasan über die bevorstehenden Wahlen. Aber im politischen Personal, das sich meist säuberlich an den ethnonationalen, sprachlichen und religiösen Sollbruchstellen sortiert, steckt keine Zukunftshoffnung. „Narod zna“ (Das Volk weiß), steht auf den Plakaten der noch regierenden SDA, der bosniakischen Partei der Demokratischen Aktion. Ebendeshalb gehen immer weniger an die Wahlurnen. Das Dayton-Abkommen hat das Land politisch parzelliert, um die Tragödie des Krieges zu beenden; heute ist diese Kantonsbildung der mögliche Auslöser eines neuen Waffengangs.

          Ideologie des Schmelztiegels

          Während des Krieges hat Karahasan seine Studenten Komödien schreiben lassen, und als er danach Georg Büchner aufführte, waren die Leute über einen Woyzeck geschockt, den sie auf der Straße täglich als ihren Nachbarn erkennen konnten. Schon wieder die Vergangenheit. „Man sollte eine grüne Partei gründen, damit man endlich ein anderes Thema hat“, meinen einige junge Leute, die aus allen Landesteilen des ehemaligen Jugoslawien und aus Deutschland zu einer Zukunftswerkstatt im Goethe-Institut geströmt sind. Sie erörtern, ob man scharenweise ungültig wählen solle, um nicht wohlfeilen Verdruss an der Politikerpolitik, sondern den entschiedenen Wunsch nach Änderung zu demonstrieren. Sasa Gavric, Jahrgang 1984 und Politologe mit Konstanzer Diplom, hat das Open Center Sarajevo mit ins Leben gerufen, um die ethnisch-religiöse Selbstblockade von unten aufzulösen.

          Für Mensur Demir liegt die Zukunft erst einmal in der Vergangenheit. Er ist ein Architekt am Rande des Nervenzusammenbruchs: Bauherren kommen mit postmodernen Katalogideen zu ihm, die mit dem Genius Loci der vierhundert Jahre alten Stadt nichts zu tun haben. Die Narben der 1425 Tage währenden Belagerung, der längsten in der jüngeren europäischen Geschichte, mögen übertüncht sein, den protzigen Verwaltungsgebäuden und trostlosen Neubauten (Tausende davon ohne Genehmigung und Architekt gebaut) steht die Verdrängung an die Fassade geschrieben. Minenfelder wurden zu Golfplätzen, Sportplätze zu Friedhofsarealen, dazwischen wachsen mit saudischem Geld bezahlte, bleistiftartige Minarette in den Himmel und megalomane Shopping Center.

          Der Turm des Zeitungstycoons Fahrudin Radocnic, der die Stadt wie ein in den Boden gerammter Pfeil überragt, symbolisiert die überstürzte Vergangenheitsbewältigung am Bau. „Der kulturelle Code des Schmelztiegels Bosnien muss bis in die Baumaterialien hinein erkennbar sein“ - mit diesem Satz versucht der Architekt, seine Kunden zu überzeugen, und am liebsten möchte er an die traditionellen Wohnhäuser anknüpfen, die sich heißen Sommern und kalten Wintern anpassen und sparsam mit Energie umgehen.

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