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Russischer Irrsinn : Müll-Biennale

  • -Aktualisiert am

Sergej Schnurow besingt den Sankt Petersburger Müll Bild: Youtube

Sankt Petersburg versinkt neuerdings in Müll, weil die Stadtverwaltung unfähig ist, für seine Beseitigung zu sorgen – das wiederum inspirierte eine Künstlergruppe und die Rocklegende Sergej Schnurow.

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          Russlands Kulturhauptstadt Sankt Petersburg, in der jeden Winter eisbedeckte Bürgersteige und fallende Eiszapfen das Spazierengehen gefährlich machen, erlebt seit Jahresbeginn auch noch einen Müll­notstand. Seit Wochen türmen sich Abfallhaufen vor Wohnhäusern, was die Stadtverwaltung damit entschuldigt, dass seit Silvester eine neue Entsorgungsfirma für den Abtransport zuständig, mit der Aufgabe aber zunächst überfordert gewesen sei. Die Künstlergruppe „Junges Petersburg“ (Mo­lodoi Peterburg) nutzte die Gunst der Stunde und verwandelte die Müllhaufen in Installationen, die den Konsum anprangern.

          Gruppenmitglieder posierten davor mit Rattenmasken und forderten den Petersburger Gouverneur Alexander Beglow auf Instagram auf, König im Rattenreich zu werden. Als Kommentar zur allgemeinen Lage in der Stadt formte der 29 Jahre alte Bildhauer Iwan Wolkow auf dem Marsfeld eine fünf Meter lange Wurst aus nicht weggeräumtem Schnee, die er mit brauner Le­bens­mittelfarbe kolorierte. Sogar der Rock­sänger Sergej Schnurow, der seine Band Leningrad aufgelöst hat und jetzt in Moskau im Kulturrat der Duma sitzt, kam in seine Heimatstadt, um in einem Musikvideo na­mens „Vorerst so“ (Poka tak) ihre Vermüllung anzuprangern.

          Verhaftet und eingesperrt

          In dem Clip, der zwei Millionen Mal angeschaut wurde, beklagt Schnurow, flankiert von zwei Partylöwinnen, vor sich türmenden Abfalltüten in def­tiger Fluchsprache, dass die Obrigkeit die Stadt nicht mehr nur bestehle, sondern auch verdrecke. Was tue jetzt wohl „Beglows Spaten“, rappt Schnurow, womit er auf die Wahlkampagne des Gouverneurs anspielt, bei der Beglow für die Fernsehkamera zur Schneeschaufel griff. In Schnurows Lied tröstet die Stadtverwaltung die Bürger damit, dass in Petersburg eine „Müll-Biennale“ stattfinde.

          Die reale Staatsmacht fand die Künstlerkommentare gar nicht komisch. Iwan Wolkow wurde verhaftet und über Nacht ohne Essen und Wasser auf einer Polizeiwache eingesperrt. Ihm droht wegen angeb­licher Verhöhnung von Gräbern – die sich freilich an ganz anderer Stelle auf dem Marsfeld befinden – ein Strafprozess. Schnurow muss einen Hinweis erhalten haben. Jedenfalls nahm er einen neuen Clip namens „Reuelied“ (Pokajannaja) auf, worin er – die er­zwungene Selbstkritik der Gegner des belarussischen Präsidenten Lukaschenko parodierend – zu Kreuze kriecht und die Schuld am Müll- und Schneechaos auf sich nimmt.

          Vor ei­ner Phalanx gezähmter Strafgefangener mit nackten Oberkörpern bekennt er, ein Knebelpflaster auf dem Mund, er habe „auf Bestellung“ die Obrigkeit angeschwärzt und dabei selbst den Un­rat in der Stadt verteilt. Und während seine Partypartnerin, nun mit märchenhaftem Kokoschnik-Zierkamm auf dem Haupt, „My Love Beglow“ flötet, gelobt der Rocker, er werde künftig dem Gouverneur nur die schönsten Oden singen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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