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Samuel Koch auf der Bühne : Ich fühle mich mystisch überhöht

Hoch zu Roß und doch tief gefallen: Samuel Koch als „Prinz von Homburg“ in Kleists gleichnamigem Stück. Bild: Lena Obst

Seit seinem Unfall bei „Wetten, dass ..?“ ist Samuel Koch vom Hals abwärts gelähmt. Nun verhandelt er sein Schicksal als „Prinz von Homburg“ in seiner ersten Hauptrolle auf der Theaterbühne. Ein Treffen in Darmstadt.

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          Nichts weist darauf hin, dass dieser Mann unter dem Brennglas gereift ist. Samuel Koch, der vor vier Jahren bei Thomas Gottschalk schwer gestürzte und seitdem querschnittgelähmte Wettkandidat, sitzt in einem Elektrorollstuhl, in der Kantine des Hessischen Staatstheaters Darmstadt. Er trägt einen grauen Pullover, die Haare sind zur Seite gekämmt, und wenn er einen Scherz macht, was oft passiert, ist der Spott um seine Mundwinkel so einnehmend, dass man viel zu laut lacht.

          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Seit einer Woche spielt Koch seine erste Hauptrolle als festes Ensemblemitglied in Darmstadt: den Prinzen von Homburg aus Kleists gleichnamigem Stück. Eigentlich hatte Koch nicht vor, nach seinem Unfall weiter Theater zu spielen. Manchmal sehe er die Schauspieler und ihre unkoordinierten, klapprigen Bewegungen, sagt Koch, dann denke er: Das könnte ich besser. Koch aber kann es nicht mehr besser machen.

          Zurückgeworfen auf den Geist

          Zwischen dem Samuel Koch vor dem Sturz in der „Wetten, dass..?“-Sendung und dem danach liegen zwar nur einige Sekunden, aber auch eine ganze Welt. Der Samuel Koch vor dem Unfall schickte sich an, ein Hochleistungssportler zu werden. Siebzehn Jahre lang trat Koch als Kunstturner in der französischen und deutschen Liga an, so bekam er seinen ersten Fernsehauftritt, lange vor Gottschalk. Koch arbeitete als Stuntman, er stürzte Treppen herunter, zündete sich an und sprang von Hausdächern in Luftkissen. Das Schauspielstudium hat er nur angefangen, weil der Lehrplan die Fächer Reiten, Fechten und Tanzen vorsah. Der Samuel Koch nach dem Unfall schreibt Bücher und hält Vorträge; er ist zurückgeworfen auf seine Empfindungen und seinen Geist. Koch kann zwar den Kopf bewegen, ihn aber nicht richtig drehen; die Bewegungen seiner Arme wirken marionettenhaft. Auch seine Hände sind gelähmt. Wenn Koch etwas trinkt, dann nur mit Strohhalm und nur in den Momenten, in denen sein Pfleger in der Nähe ist, um das Getränk zu halten.

          Gegen Ende sind alle beweglich: Der „Prinz von Homburg“ nach seiner Verwandlung.
          Gegen Ende sind alle beweglich: Der „Prinz von Homburg“ nach seiner Verwandlung. : Bild: Lena Obst

          Trotzdem ist sein Körper, der nur noch sehr eingeschränkt die Eigenschaften eines Schauspielers aufweist, nun fester Bestandteil der Theaterbühne. In seiner ersten Hauptrolle sitzt Koch auf einem weißgetünchten Schlachtross, in einen weißen Ledermantel gehüllt. Die Rolle des Prinzen von Homburg ist zweigeteilt: Koch spielt ihn als geistige Befehlsinstanz, sein Pfleger Tim Wiebus, ganz in Schwarz gekleidet, spielt den Körper des Prinzen. Wenn Koch sagt: „Der Prinz tritt auf“, schleicht sein Pfleger als Koch, der Stuntman, durch den Raum. Szenen, die sich ins Gedächtnis brennen, nicht nur, weil sie auf geisterhafte Weise Kochs Leben vor dem Unfall spiegeln, sondern weil man sofort spürt, dass hier nicht nur ein Theaterstück, sondern eine Lebensgeschichte auf die Bühne gebracht wird.

          Mit dem Schicksal versöhnt

          Je länger das Stück dauert, desto deutlicher empfindet man die Parallelen zwischen Koch und der Figur des Prinzen. Da ist der Prinz, der, beseelt vom Glauben, einen geschichtsträchtigen Sieg zu erringen, eigenmächtig in die Schlacht zieht, sie gewinnt und vom Kurfürsten trotzdem wegen Ungehorsams zum Tode verurteilt wird. Homburg hält das für einen Scherz, appelliert an das Gefühl des Kurfürsten und deklamiert in seiner Zelle gegen das drohende Schicksal an. Erst als er sein Urteil annimmt, begnadigt ihn der Kurfürst. Er kommt frei, indem er seine Grenzen respektiert. Kleists Stück hat seine Wurzeln auch in Kants moralphilosophischem Grundsatz, wonach erst derjenige wirklich autonom sei, der seinen Willen nicht aus sich selbst schöpfe, sondern auf der Basis von Recht und Moral. Weil Kleist aber im Unklaren lässt, ob Homburg am Ende wirklich begnadigt wird oder nur im Traum, erlangt der Prinz seine Freiheit vor allem im übertragenen Sinne. Er ist frei, weil er seine Enttäuschung überwunden hat. Er ist unabhängig, weil er sich mit seinem Schicksal versöhnt. Dreht sich im Leben von Samuel Koch nicht alles um dieselbe Frage?

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