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Berliner Kulturpolitik : Warum kollabiert die Kunsthauptstadt?

  • -Aktualisiert am

Werk von Lee Bontecou ("Ohne Titel", 1960) aus der Flick-Collection im Hamburger Bahnhof Bild: Julia Zimmermann

Warum verliert Berlin plötzlich seine Kunstsammler? Wir haben nachgefragt und nach Antworten gesucht: bei der Kulturstaatsministerin, dem Kultursenator, den Museen und Sammlern.

          5 Min.

          Spricht man einen Tag nach der Aufregung um die dritte Kunstsammlung, die Berlin plötzlich den Rücken kehren möchte, mit der Sammlerin, klingt alles doch nicht so dramatisch: Julia Stoschek will erst mal abwarten. Die Erbin des Fahrzeugteileherstellers Brose hat innerhalb weniger Jahre die weltgrößte private Sammlung von Medienkunst aufgebaut, ihre Ausstellungen im Düsseldorfer Stammhaus setzen inhaltlich wie methodisch Maßstäbe. 2014 verwandelte Stoschek auch das alte Tschechische Kulturzentrum in der Leipziger Straße in eine derart schicke und aufgeräumte Institution, wie man sie in Berlin nie gesehen hatte. Doch Stoscheks Vermieter, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), hat wegen einer Außensanierung die Miete erhöht. Zum Ablauf des Mietvertrags 2022 droht ein weiterer Aufschlag. Den will Stoschek nicht zahlen. Sie verweist darauf, dass sie selbst 900 000 Euro investiert hat, um das Gebäude überhaupt nutzbar zu machen, und im Jahr 1,5 Millionen für Ausstellungen ausgibt, bei nur 5 Euro Eintritt.

          Stoschek hatte schon seit Monaten in Vieraugengesprächen von Rückzug gesprochen. Als jetzt „Die Welt“ die jüngsten Abgänge von Friedrich Christian Flick aus dem Hamburger Bahnhof und von Thomas Olbricht aus seinem „me Collectors Room“ in der Auguststraße kommentierte, rief sie auch bei ihr an. Daraus wurde die Meldung, Berlin verliere auch noch die Sammlung Stoschek. „Es gibt Überlegungen in diese Richtung“, wiegelte Stoschek am Montag ab. „Allerdings wollen wir noch einige wenige entscheidende Gespräche dazu führen.“

          20 000 Euro Miete seien nicht viel, gesteht Stoschek im Gespräch. Laut dem Vermieter, der BImA, wurde 2019 die Quadratmetermiete von 4,46 auf 5,58 Euro erhöht, inklusive Nebenkosten. Ab 2021 sollen es 6,31 Euro sein. Die BImA spricht nachvollziehbarerweise von einem „Schnäppchenpreis“. Stoschek beharrt auf dem öffentlichen Nutzen ihrer Investitionen: „Wir sind kein Gewerbe, sondern eine gemeinnützige Stiftung.“ Und fragt: „Fühlt sich in Berlin eigentlich irgendjemand für die zeitgenössische Kunst zuständig?“

          Anruf bei Kultursenator Klaus Lederer. Er sagt, er sei „total von den Socken, enttäuscht und verwundert“. Er habe Stoschek gleich auf den Artikel eine SMS geschickt, auf die er bis heute keine Antwort bekommen habe. „Wir standen immer im Kontakt“. Er habe sich um andere Gebäude bemüht und wolle weiterhelfen, sagt Lederer. Nur könne Berlin leider keine Grundstücke verschenken. „Ich kann auch nicht zaubern.“ Stoschek sagt: „Ich brauche kein anderes Haus. Wir haben bereits ein Haus, in das wir investiert haben.“

          Die Julia Stoscheck Collection im Tschechischen Kulturzentrum der ehemaligen DDR an der Leipziger Straße
          Die Julia Stoscheck Collection im Tschechischen Kulturzentrum der ehemaligen DDR an der Leipziger Straße : Bild: Picture-Alliance

          Wer also ist eigentlich Stoscheks Adressat? Das Land Berlin, das sie mit ihrer Kampagne vor sich her treibt? Der Bund, von dem sie die Immobilie wohl am liebsten überlassen bekommen möchte? Die Museen? Oder das Publikum, das bisher schon zahlreich zu ihren Eröffnungen strömt? Vermisst sie, dass auch der Bürgermeister, wie in Düsseldorf, zur Eröffnung kommt?

          Was bleibt vom Ruf Berlins ohne die Gegenwartskunst?

          Kultursenator Lederer versuchte schon zu vermitteln, als die Lichtenberger Baustadträtin 2017 dem Sammlerpaar Haubrok deren international beliebte Ausstellungen auf dem Gelände der ehemaligen DDR–Fahrbereitschaft untersagt hatte – angeblich, um das Gewerbegebiet vor Gentrifizierung zu schützen. Dabei sind die Haubroks selbst Vermieter von 50 Betrieben und 20 Künstlerateliers. Der neue Baustadtrat Kevin Hönicke arbeitet sich noch ein und verweist auf einen anstehenden Runden Tisch. Auch Axel Haubrok, der lange vergeblich nach einem alternativen Standort suchte, schimpft jetzt wieder auf die Berliner „Wurstigkeit“: „Man hat den Eindruck, Sammler können kommen und gehen, es interessiert eigentlich keinen.“

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