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Sam Shepard zum Siebzigsten : Notsignale aus der Gefühlshölle

  • -Aktualisiert am

Der Dramatiker auf der Filmleinwand: Sam Shepard 1989 in „Steel Magnolias“. Bild: Moviestore Collection/face to fa

Dramatiker, Schauspieler und ein Bild von einem Mann: Sam Shepard kann fast alles und begeht heute seinen siebzigsten Geburtstag.

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          Wer bei Sam Shepard nach dem Mythos des amerikanischen Westens sucht, wird ihn finden. In Trümmern. Zersplittert. Verkommen. Ohne Wegweiser in irgendeine Illusion vom Neuanfang in einer neuen Welt. Aber immer noch von blutigen Gewaltausbrüchen erschüttert. So hat Shepard, der Dramatiker, in seinen besten, wüstesten Stücken sein Land und seinen eigenen Ort als Nichtort in diesem Land beschrieben. Entstanden sind die Dramen, die uns keine Verschnaufpause beim Dauerlauf durch bald gespenstisch vertraute Gefühlshöllen gönnen, vor allem in den siebziger und achtziger Jahren.

          In „True West“ prallen zwei Brüder aufeinander, bis sie das Haus der Mutter in einen Trümmerhaufen verwandelt haben. In „Fool for Love“ ist es ein halbgeschwisterliches Liebespaar, das keine Chance hat, die Fesseln seiner unglückseligen Vergangenheit abzustreifen. In „A Lie of the Mind“ bringt die Eifersucht des Ehemanns die Gattin ins Krankenhaus, was beider Anhang nur in bizarre Verwicklungen treibt. Die Familie, ein einziger Katastrophenquell, wo und wie und in welcher Zusammenstellung oder Ausprägung auch immer.

          Beginn als Schlagzeuger

          Statt in aussichtsloser Liebe klammern sich bei Shepard die Menschen aussichtslos in Hass, in Wut, in Verzweiflung aneinander. Er reißt lebenskranke Herzen auf, nur um wieder und wieder zu entdecken, wie sich darin die dumpfe Einsamkeit des Westens fortsetzt. Die Sprachmusik, die er dazu anstimmt, ist schwer in ein anderes Idiom zu übertragen. Aber sie ist, viel unwiderstehlicher als der Plot, die eigentliche Triebkraft seiner Bühnenschlachten. Dialoge krachen durch den Raum, als hätten ein paar Punker und Rocker sie in die Saiten gehauen. Shepard war Schlagzeuger, bevor er anfing, Stücke zu schreiben. Das war in den sechziger Jahren, als er nach New York kam, halb als Schauspielanfänger, halb noch als Cowboy, auch wenn auf der kalifornischen Farm des Vaters nur Avocados wuchsen. Vor ihm und dessen alkoholisierten Gewaltausbrüchen war er ins Ungewisse geflüchtet.

          In New York schien damals alles möglich zu sein. Und erlaubt. Auf der Lower East Side war eine Theaterszene im Entstehen, die sich den Namen Off Broadway gab und in ihren erstaunlich fruchtbaren Schmuddelecken jeden experimentieren ließ, der dazu den Mut und Übermut mitbrachte. Shepard, schnell zum Genie erklärt, tobte sich in wilden, wirren, anarchischen Bühnenaktionen aus. Für Robert Frank und Michelangelo Antonioni bearbeitete er Drehbücher. Später kam Patti Smith in sein Leben, für die er nicht bloß Texte schrieb, und irgendwann traf er auch Bob Dylan, ging auf Tournee mit ihm, bastelte mit ihm ziemlich vergeblich an dem Film „Renaldo and Clara“ herum und schaffte es, dass sie beide sich dann doch für den Elfminutensong „Brownsville Girl“ zusammenrauften.

          Am Oscar knapp vorbei

          Wer so gut aussieht wie Shepard, wer blaue Augen hat wie er, ein markant gemeißeltes Kinn, eine schlaksige Figur und lange Beine, die in Jeans so gefällig stecken wie in der Militärpilotenuniform, wer also die Blicke auf sich zieht, auch ohne etwas zu sagen, zu singen oder zu schreiben, der bleibt nicht exklusiv Dramatiker oder Drehbuchautor oder Kurzgeschichtenerzähler. Von der Bühne holte ihn der Film, nicht selten auch der Blockbuster vom Typ „The Right Stuff“ und „Black Hawk Down“. Harte, wortkarge, grüblerische, in sich gekehrte Kerle sind seine Spezialität. Volker Schlöndorff und Wim Wenders, Terrence Malick und Robert Altman lockten ihn vor die Kamera. Jessica Lange, über fast drei Jahrzehnte seine Lebensgefährtin, traf er bei Dreharbeiten für „Frances“, ein allzu phantasiereiches Biopic.

          Einen Oscar hätte er sich fast eingehandelt für sein Porträt des legendären Testpiloten Chuck Yeager. Shepard, der Schauspieler, musste so Shepard, dem Dramatiker, in die Quere kommen. Trotzdem hat es gereicht für fast fünfzig Theaterstücke, kaum angedachte und voll ausgewachsene und oft nachgespielte. Und ein paar mag Sam Shepard auch noch in sich haben. Am Dienstag wird er erst mal siebzig.

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